Aus: Ausgabe vom 07.02.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Das ist Antisozialismus der dummen Kerls«

Falsche Anschuldigungen der Judenfeindschaft als Erpressungsversuche gegen die Linke. Ein Gespräch mit Moshé Machover

Von Valery Renner
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Internationale jüdische Linke geraten zunehmend ins Fadenkreuz von Antisemitismusvorwürfen – warum gerade jetzt?

Die gesamte Linke, besonders die jüdische in Europa und den USA, ist zur Zielscheibe geworden, weil Israel derzeit weltweit einen drastischen Sympathieverlust erlebt. Rund um den Globus werden immer mehr Menschen Zeugen der Abscheulichkeiten, die die israelische Militärdiktatur in den Palästinensergebieten zu verantworten hat: Die Besiedlung von geraubtem Land, Wasserdiebstahl, das Erschießen von Demonstranten, ethnische Säuberung, bisher noch nach der Salamitaktik. Entsprechend agiert die israelische Propaganda, Hasbara, mit allen Mitteln, fairen wie schäbigen. Zu den schmutzigsten Waffen gehört, die Kritiker mit der Bezeichnung »Antisemiten« zu besudeln.

Hierzulande werden sogar antikapitalistische Linke als »Judenhasser« gebrandmarkt, die sich noch nie kritisch zum Nahostkonflikt positioniert haben – wie ist das in Großbritannien?

Ich war mit dieser Pathologie noch nicht konfrontiert. In meinem Land werden Linke mit dem Antisemitismusvorwurf attackiert, die sich explizit gegen Israels Politik stellen. Mir scheint es, dass die Rechte in Deutschland − wo der Großteil der Linken nicht die Courage hat, Israel und den Zionismus zu kritisieren, und sich in diesem Punkt nicht von der rechten Mitte unterscheidet − einfallsreicher gegen Marxisten vorgehen muss. Dort ist heute eine ironische Umkehrung des alten tatsächlichen Antisemitismus in der Erscheinungsform des »Sozialismus der dummen Kerls« zu beobachten: der Antisozialismus der dummen Kerls. Ihr gemeinsamer Nenner ist das Gerücht, dass »die Juden« für den Kapitalismus verantwortlich sind. Damals wurden sie mit demselben Stereotyp dafür angeklagt, mit dem sie heute dafür gepriesen werden.

Gleichzeitig werden die Palästinenser in die Nazi-Ecke verfrachtet. Netanjahu behauptet sogar, sie hätten Hitler zum Judenmord angestiftet …

Die meisten zionistischen Ideologen spielen die Karte von den palästinensischen Arabern, die einfach so Juden hassen und angeblich an den jüdischen Israelis einen »zweiten Holocaust« verüben wollen. Es gibt eine lange Tradition der Kolonialherren, sich selbst als unschuldige Opfer des völlig grundlosen mörderischen Blutrauschs der barbarischen Eingeborenen zu inszenieren – ein giftiges Klischee der alten Hollywood-Western. Die zionistische Version ist besonders wirksam, weil sie für den innerisraelischen Diskurs das andauernde jüdische Trauma des Nazi-Judäozids ausschlachtet, so wie es nach außen in der westlichen Welt, vor allem in Deutschland, die latent vorhandenen Schuldgefühle ausbeutet. Jeder Sozialist, jeder fortschrittliche Mensch sollte den Mythen über die als »Aggressoren Kolonisierten« und »Kolonialherren als Opfer« genauso kritisch und peinlich berührt begegnen wie den alten Western.

Ihr Vortrag auf der Konferenz »Zur Zeit der Verleumder« ist als Appell an die Linke formuliert: »Nicht entschuldigen – angreifen!« Was genau bedeutet das?

Wie Fußballspiele können auch politische Kämpfe nicht aus der Defensive heraus gewonnen werden. Wir müssen uns nicht dafür rechtfertigen, dass wir die Grundrechte der Palästinenser verteidigen, und dürfen nicht absurden Antisemitismusvorwürfen nachgeben. Vielmehr müssen wir endlich unsere Gegner für den zynischen Missbrauch zur Rechenschaft ziehen, den sie damit treiben, um die institutionalisierte Unterdrückung und Dienstleistung für den westlichen Imperialismus vor emanzipativer öffentlicher Meinung zu schützen. Vor allem in Deutschland sollten wir der emotionalen Erpressung durch jene offensiv entgegentreten, die niederträchtig und eiskalt den Holocaust der Nazis an den Juden benutzen und Sühne auf dem Rücken des palästinensischen Volkes einfordern, das Opfer des Staates ist, der vortäuscht, im Namen aller Juden zu handeln. Interview:

Moshé Machover ist Mathematiker und Philosoph. Er war Mitbegründer der Sozialistischen Organisation in Israel (Mazpen). 1968 verließ er Israel und übersiedelte nach Großbritannien


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Der gelbe Stern Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart

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