Aus: Ausgabe vom 06.02.2018, Seite 8 / Inland

»Macht es Schülern schwer, sich abzumelden«

Düsseldorfer Berufskolleg will unbedingt Jugendliche im Religionsunterricht halten. Gespräch mit Rainer Ponitka

Interview: Gitta Düperthal
Gemeinsamer_Religion_54568947.jpg
Wie ernst nehmen es die Schulen damit, den Schülern die Abmeldung vom Religionsunterricht freizustellen?

Die Schulleitung des staatlichen Berufskollegs Elly-Heuss-Knapp-Schule in Düsseldorf soll Schüler gedrängt haben, am Religionsunterricht teilzunehmen. Das kritisiert der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten, IBKA. Was ist an der Schule los?

Schülerinnen und Schüler, die an der Berufsschule als Teil ihrer Ausbildung zum Tierpfleger sind, sollen sich beim Religionslehrer im sogenannten Beratungsgespräch vom christlichen Unterricht abmelden. Sie müssen begründen, warum sie nicht teilnehmen wollen. Der Klassenlehrer soll die Abmeldung abzeichnen. Das Prozedere wird mit dem Schulleiter Ludger Traud fortgesetzt. Die Freiheit, die Teilnahme am Religionsunterricht zu verweigern, soll erst beginnen, wenn er dem Schüler ein Schreiben gegeben hat, in dem steht, was er statt dessen machen soll. Die Schule schindet also Zeit, macht es den Schülern schwer, sich abzumelden. Mir liegen zudem Schreiben vor, worin sie angewiesen wurden, freitags in der siebten und achten Stunde am Sportunterricht teilzunehmen. Dazu muss man wissen: Die Berufsschüler kommen teilweise aus Bonn, Duisburg oder anderswoher. Fazit: Wer nicht am Fach Religion teilnehmen wollte, das in den ersten beiden Stunden stattfindet, sollte quasi nachsitzen. Das heißt für die Schüler auch, dass sie bei der Heimfahrt in den Berufsverkehr kommen.

Was ist eigentlich notwendig, um sich vom Religionsunterricht befreien zu lassen?

Tatsächlich ist nur die Schulleitung zu informieren. Die Verkündung der Entscheidung darf an keinen Termin gebunden sein, und es muss kein Grund dafür angegeben werden. Die Abmeldung vom Religionsunterricht steht jedem frei.

Einige Schüler konnten sich mit Ihrer Hilfe gegen das Vorgehen am Berufskolleg wehren.

Ja. Doch dann hieß es: Sie müssten die ersten beiden Stunden in der Schule verbringen, in irgendeinem Raum sinnlos herumsitzen. Sie sollen sich zu Beginn beim Lehrer anmelden und am Ende abmelden. Die Schule begründet das mit ihrer Aufsichtspflicht und der Schulpflicht. Letztere erstreckt sich aber nicht auf Jugendliche, die sich vom Religionsunterricht abmelden. Die Regelung in NRW ist klar: Wird der zulässige Ersatzunterricht »praktische Philosophie« nicht angeboten, gibt es keine Schulpflicht.

Wird es Schülern schon länger erschwert, sich vom Religionsunterricht abzumelden?

Allerdings. Diese Schule habe ich schon seit vier Jahren im Blick. Früher wurde dort »praktische Philosophie« gelehrt. Das Fach wurde wieder abgeschafft. Auch daran hatte es Kritik gegeben – und zwar weil auch der Ersatzunterricht schikanös freitags in die siebte und achte Stunde gelegt worden war und nicht parallel zum Religionsunterricht.

Schülerinnen und Schüler hatten sich wegen der Maßnahmen des Schulleiters an den IBKA gewendet, um sich beraten zu lassen. Nun eskaliert der Konflikt zwischen der Schulleitung und Ihrem Verband.

Auf schulinternen Rechnern hat man nun den Zugang zur Internetseite des IBKA geblockt, damit unser »offener Brief« an die Schulleitung dort nicht aufrufbar ist. Die Schulleitung behauptet, es würde sich beim IBKA um eine Sekte handeln. Das ist lächerlich. Als hätten die Schüler kein Smartphone oder keinen Computer zu Hause. Der Schulleiter handelt nach dem Prinzip: Was nicht sein darf, kann auch nicht sein. Er sperrt unsere Seite und glaubt, damit unsere Kritik los zu sein.

Aber Sie machen weiter?

Nach einem Gedächtnisprotokoll, das 15 Schüler unterzeichnet haben, soll eine Lehrerin vor der Klasse eingestanden haben, dass die Schüler nicht im Beratungsgespräch begründen müssen, warum sie am Religionsunterricht nicht teilnehmen wollen. Allerdings soll es auch geheißen haben, wer keine Gründe angebe, sei feige. Dabei reicht es völlig zu sagen: »Ich habe keine Lust.« Das Grundgesetz sieht es so vor.

Rainer Ponitka leitet seit dem Jahr 2007 die AG Schule im Internationalen Bund der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA)

Weitere Informationen: ibka.org


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland
  • Anstatt ein Seniorenheim zu sanieren, verschleuderte die Stadt Rendsburg Mittel. Nun soll die Einrichtung privatisiert werden. Ein Gespräch mit Maximilian Reimers
    Ralf Wurzbacher
  • Auswärtiges Amt und deutsches Konsulat geben vor, nichts für die Frau des ­asylberechtigten Autors tun zu können
    Gitta Düperthal
  • Konfessionelle Bildungsstätten: Erzbistum Hamburg brüskiert Katholiken mit Schließungsplänen
    Kristian Stemmler
  • Brennelemente aus Jülich sollen in die USA geliefert werden. Landesregierung in NRW hätte Ausfuhren stoppen können. Protest in Düsseldorf
    Dirk Seifert
  • Gewerkschaft und Unternehmer verhandeln in sechster Tarifrunde der Elektro- und Metallindustrie