Aus: Ausgabe vom 30.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Nach Chicago, in den Blues (6). Frechheit siegt

Von Peter Wawerzinek
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Bescheidenheit nicht, Frechheit siegt. Und Buddy Guy war es überzufrieden, denke ich.

Diesen Januar reist der Schriftsteller Peter Wawerzinek von Berlin nach Chicago. Dort lehrte er schon einmal drei Monate lang am College zum Thema »Wer hat Angst vorm weißen Blatt Papier?« Jetzt möchte er wissen: Wie ist die Stimmung in der Bluesstadt im Trumpland? (jW)

Heute wollen wir billig einkaufen. Turnschuhe, T-Shirts, vielleicht eine neue Hose, den passenden Gürtel dazu, ein Kleid für Franka? Die Nachricht des Tages passt gut zum Vorhaben: Dollar-Regen nach Unfall. Ein Transporter mit einem Glücksspielautomaten ist verunglückt. Durch den Crash wurde der Automat dermaßen stark beschädigt, dass es Dollar-Scheine regnete. Das Bild in der Zeitung zeigt Männer mit Straßenbesen, die Scheine vom regennassen Asphalt zu kratzen versuchen.

Ums Eck gibt es einen Laden, der wirbt mit zwei Dollar-Zeichen für sich. Nennt sich Royal Pawn Shop, kauft Gold, Diamonds, Watches, Cameras und Musical Instruments an. Die Angestellten sind vor Jahren einige Monate lang TV-Stars gewesen. We are the härteste Pfandleihe Chicagos, sagt der Chef im traurigen Ton. Lang ist es vorbei. Die Stars von damals sind wieder Personal, der Alltag und die Geruchlosigkeit zogen in den Laden ein, das Unglück und die Not halten weiterhin an, das bisschen, was armen Leuten bleibt.

Ich frage den Chef in meinem schrecklichen Änglisch, wo es denn einen Sekänd-Händ-Laden gibt? Oh, säts very leicht zu erklären, antwortet der, Metrostation Gränd, you know? Nichts wie hin. ’Ne Brücke sieht man, und dann zwei Hinweispfeile zum Depot der Heilsarmee. Er komme aus Kuba, sagt stolz ein zahnloser junger Mann im roten T-Shirt, wie sie es alle hier tragen. Oh Gott, wäre er doch besser in Havanna geblieben, als in Chicago festzustellen, wie selten ein Kubaner hier vom Altkleidermann zum Milliardär Trump wird. Ich kaufe acht neue T-Shirts mit lustigen Motiven, eins davon mit Che Guevara. Soviel Solidarität mit den kubanischen Boatpeople muss sein. Franka erwirbt eine knallrote Hose, wie man sie in den kommenden Revolutionszeiten gut tragen kann, und zwei enganliegende, langärmlige schwarze T-Shirts. So wandern wir dann mit der Heilsarmee-Beute zum Blue Chicago, wie der Laden heißt, in dem die Bluesladies das Singen haben.

Kurz nach acht Uhr allerdings sind da nur gelangweilte Leute hinterm Tresen. Die Band baut auf. Nach einer Stunde geht es los, aber das dann so richtig. Der Blues packt sie alle. Es strömen Leute hinzu. Der Laden ist binnen zehn Minuten knackevoll. Laretha Weathersby wird von allen als Diva der Nacht begrüßt und springt sofort auf die Bühne. Was die zähe kleine Frau on stage anstellt, ist der reine Wahnsinn mit rauchiger Stimme, absolut wau. Drei Stunden dürfen wir mitsingen und tanzen bis zum Umkippen. Das schafft in Deutschland kein dreitägiges Wochenend-Openair-Festival bei mir.

Und auf dem Rückweg in der Bahn erzähle ich allen vom Blues und von Buddy Guy und wie ich ihm einmal begegnet bin. Leute, he, haltet es nicht für Angeberei, das war vor Jahren hier in Chicago. Ich traf diesen Buddy Guy persönlich an, mutwillig, hartnäckig darauf aus, ihm im Auftrag von Tatjana Besson, Bassistin der Gruppe Freygang, deren neue Platte zu schenken.

Der alte große Meister saß am Eingang unscheinbar im dunklen Eckchen. Ich kaufte alle seine CDs, um an ihn herangelassen zu werden von seinen Buddy-Guygards, wie ich sie nannte, ohne dass die daran etwas lustig fanden. Buddy Guy dagegen schon. Der schaute kurz empor, grinste still vor sich hin und winkte mich heran. Frechheit siegt, murmelte er und versah die Scheiben wunschgemäß mit seinem Silberstift. Eine für meine Tochter. Eine für die Liebste, mit der ich damals zusammen war. Die restlichen drei ließ ich für mich unterschreiben. Bescheidenheit nicht, Frechheit siegt. Und Buddy Guy war es überzufrieden, denke ich, so sehr, dass er alle weiteren Signierwünsche abwimmelte, sich erhob und mit seinem schicken Wagen abrauschte. Genügend Blues im Tank.


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