Aus: Ausgabe vom 05.02.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Zerrissenes Indien

Immer mehr Superreiche, die Mittelschicht wächst. Doch der arme Teil der Bevölkerung hat nichts davon

Von Thomas Berger
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Slum in Delhi: Bis zu 900 Millionen Inder gelten als zum Teil bitterarm

Indien ist das Heimatland der meisten Armen weltweit. Zugleich steht das Land auf Platz sechs der globalen Reichtumsliste. Gemessen an der Anzahl der Dollar-Milliardäre rangiert es sogar auf Rang drei hinter den USA und China. Nie zuvor war der Subkontinent sozial derart zerrissen wie derzeit. Laut dem Bericht, den die südafrikanische Beratungsgesellschaft New World Wealth (NWW) vergangene Woche vorgelegt hat, beläuft sich das zusammengerechnete Vermögen aller Landesbewohner aktuell auf umgerechnet 8,23 Billionen (8.230 Milliarden) Dollar, was von den einheimischen Medien wie ein Erfolg gefeiert wird. Damit kommt Indien noch vor den Industrienationen Frankreich, Kanada, Australien und Italien, die auf den weiteren Plätzen folgen, auf Rang sechs. Wenig überraschen dürfte, dass die Vereinigten Staaten mit einem Gesamtvermögen von 64,5 Billionen Dollar die Aufstellung deutlich anführen. Mit klarem Abstand rangieren China und Japan mit 24,8 bzw. 19,5 Billionen Dollar auf den Plätzen zwei und drei, während auch Großbritannien mit 9,9 und die Bundesrepublik mit 9,66 Billionen nahezu gleichauf zu den Top fünf gehören.

Indiens zusammengerechneter Reichtum hat dabei im zurückliegenden Jahr stärker zugenommen als in den anderen Ländern, die auf Platz eins bis zehn der Liste rangieren: Innerhalb Jahresfrist legte das Vermögen um 25 Prozent zu. Das sind noch drei Prozent mehr als beim wichtigsten asiatischen Konkurrenten China, wo der Reichtum ebenfalls rasant wuchs – und gut das Doppelte der (immerhin) zwölfprozentigen Zuwachsrate im globalen Durchschnitt. Das weltweite Vermögen hat den Berechnungen von NWW zufolge im vergangenen Jahr von 192 auf 215 Billionen Dollar zulegen können. Im Zehnjahresrückblick ist Indien sogar um 160 Prozent »reicher« geworden. Dafür spricht neben einer stetig wachsenden Mittelschicht vor allem die beständig steigende Zahl der Superreichen. Mit aktuell 119 Dollar-Milliardären (im Jahr zuvor waren es 84) hat das Land nur China und die USA vor sich. 20.730 Bürger Indiens bringen es auf Vermögen von mehreren Millionen, gut 330.000 Inder besitzen mehr als eine Million. Die Summen ergeben sich aus Geldbeständen, sonstigen Finanzwerte wie Aktien, Immobilien und weiterem Vermögen abzüglich Schulden und Verbindlichkeiten.

Der statistisch zunehmende Wohlstand ist ein ziemlich einseitiges Phänomen. Denn so sehr die Reichen finanziell und zahlenmäßig zulegten, war das Vermögen zwischen Himalaja und Südspitze des Subkontinents noch nie so ungerecht verteilt wie heute. Der ebenfalls dieser Tage vorgelegte Armutsbericht der Hilfsorganisation Oxfam legt dar, dass das eine Prozent der Megareichen 73 Prozent des indischen Gesamtvermögens kontrolliert. Der Wohlstand von 670 Millionen Einwohnern – sie repräsentieren den ärmeren Teil der Bevölkerung – hat zuletzt um einen einzigen Prozentpunkt zugenommen – und das auch nur im Schnitt. Diese wachsende soziale Kluft stelle eine Gefahr für die Demokratie dar und befördere Machtmissbrauch sowie Korruption, befürchtet Nisha Agrawal, indische Landesdirektorin von Oxfam. Gemessen an den gegenwärtigen Verhältnissen müsste ein indischer Arbeiter, der den Mindestlohn erhalte, 941 Jahre arbeiten, um auf das Jahreseinkommen von Top-Managern eines großen Textilkonzerns zu kommen. Während Löhne und Gehälter auf den untersten Stufen kaum spürbar zulegen, teilweise von steigenden Lebenshaltungskosten aufgefressen werden, nimmt der Reichtum an der Spitze weitaus schneller zu. Das belegt im Grunde der Blick auf zwei Zahlen: 2016 besaß das eine Prozent Megareicher noch 58 Prozent des Gesamtvermögens, nun sind es 73 Prozent.

Was die statistischen Erhebungen nur bedingt erzählen: Die sich weiter öffnende soziale Schere ist das Ergebnis einer neoliberalen Politik, die nun schon seit einem Vierteljahrhundert andauert. Es war die seit Indiens Unabhängigkeit 1947 am längsten dominierende Kongresspartei (INC), die 1991 eine radikale Wende in ihrer Wirtschaftspolitik vornahm. Unter dem ersten Premierminister Jawaharlal Nehru, gewissermaßen einem linken Sozialdemokraten, war ein gemischtes ökonomisches Modell etabliert worden – neben Privatfirmen gab es Staatsunternehmen und einen genossenschaftlichen Sektor. Nehrus Tochter, Indira Gandhi, hielt mit der Verstaatlichung im Bankensektor daran fest. Mit den Reformen in den frühen neunziger Jahren wurden viele Bereiche erstmals umfassend für ausländische Investitionen geöffnet – und auch die lähmende Bürokratie ein Stück zurückgedrängt. Allerdings wurden gerade seit der Jahrtausendwende nicht nur unrentable, sondern oft gut laufende Staatsbetriebe an private Interessenten verhökert.

Die erstmals 1999 in einer relativ breiten Koalition und nun seit 2014 unter Premier Narendra Modi mit erdrückender Mehrheit regierende hindunationalistische Bharatiya Janata Party (BJP) hat die entsprechenden Weichenstellungen nicht geändert, sondern den neoliberalen Umbau noch stärker vorangetrieben. Gerade für Modi und seine Getreuen ist Wirtschaftswachstum mehr als Armutsbekämpfung das Mantra. Zwar sind inzwischen je nach Lesart 200 bis 250 Millionen Bürger in die Mittelschicht aufgestiegen, bescheidener Wohlstand inklusive. Zwischen 700 und 900 Millionen Landsleute des 1,3-Milliarden-Einwohner-Landes verharren allerdings in teils bitterer Armut. Noch immer sind Tausende Dörfer nicht ans Stromnetz angeschlossen. Weit mehr Inder besitzen ein Handy (über eine Milliarde), als über Zugang zu ordentlichen Sanitäranlagen verfügen. Millionen Erwachsene und Kinder sind in einer unauflösbaren Schuldenfalle gefangen, müssen unter oftmals sklavenähnlichen Bedingungen schuften. Und die Selbstmorde der unter Dürren und dieser Schuldenlast leidenden Klein- und Kleinstbauern gehen in die Zehntausende, wie auch jW wiederholt berichtete.


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