Aus: Ausgabe vom 05.02.2018, Seite 1 / Titel

Aufschrei für Afrin

Tausende demonstrieren gegen Angriffskrieg der Türkei. BND an der Seite der US-Armee in Syrien aktiv. Russisches Kampfflugzeug abgeschossen

Von Nick Brauns
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»Sie werden nicht durchkommen!« Auch in Berlin wurde gegen den türkischen Angriff demonstriert

Anlässlich eines internationalen Solidaritätstages für Afrin sind am Wochenende in vielen Städten Europas, aber auch in Amerika und Asien, Tausende Menschen gegen die Invasion der Türkei gegen den Distrikt im Norden Syriens auf die Straße gegangen. In Deutschland fanden Protestkundgebungen in mindestens 17 Städten statt, die größte mit nach Polizeiangaben mehr als 5.000 Teilnehmern am Sonnabend in Stuttgart und am Sonntag in Berlin.

Auch im Zentrum von Afrin selbst demonstrierten am Sonntag Zehntausende Menschen. »Wir werden den Besatzungsangriffen des türkischen Staates und seiner Söldner durch den Willen der Bevölkerung eine Niederlage zufügen«, hieß es dort. Aus anderen Teilen der Demokratischen Föderation Nordsyrien brachen Tausende Freiwillige an die Front auf, darunter Kämpfer des »Militärrates der christlichen Assyrer« aus Kamischli.

Dschihadisten ist es am Sonnabend erstmals in Syrien gelungen, ein russisches Kampfflugzeug abzuschießen. Die in geringer Höhe über der nordwestsyrischen Provinz Idlib fliegende Suchoi Su-25 wurde von einer tragbaren Rakete getroffen. Der mit dem Fallschirm abgesprungene Pilot sei nach der Landung »im Kampf mit Terroristen ums Leben gekommen«, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Zu dem Abschuss bekannte sich die in Idlib dominante Dschihadistenkoalition Hayat Tahrir Al-Scham (HTS), deren führende Gruppierung der Al-Qaida-Ableger Al-Nusra ist. Als Antwort beschossen russische Kriegsschiffe in der Nacht zum Sonntag Stellungen der HTS in Idlib mit Marschflugkörpern. Dabei wurden nach russischen Angaben mindestens 30 Dschihadisten getötet.

Unterstützt von der russischen Luftwaffe rücken syrische Regierungstruppen seit Wochen gegen die HTS in Idlib vor. Die türkische Armee ist in der Region entsprechend des Astana-Abkommens zur Absicherung einer Deeskalationszone stationiert und agierte bislang als faktische Schutzmacht der Al-Qaida. Aufgrund einer Abmachung mit Moskau hat Ankara inzwischen allerdings einen Großteil der unter seiner Kontrolle stehenden dschihadistischen Kampfgruppen aus Idlib abgezogen, um diese im Krieg gegen das benachbarte Afrin einzusetzen. Der Abschuss des Flugzeuges könnte ein Versuch der HTS gewesen sein, diese als Verrat an ihrer Hochburg Idlib empfundene Verständigung zwischen Moskau und Ankara zu durchkreuzen.

Bei den seit über zwei Wochen anhaltenden Angriffen auf Afrin sind bislang mehr als 150 Zivilisten getötet und rund 300 verletzt worden, teilte der Gesundheitsrat des Kantons am Wochenende mit. Die türkische Luftwaffe bombardierte erneut mehrere Dörfer, während sich Bodentruppen schwere Gefechte mit den kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ um strategisch wichtige Berge lieferten. Den YPJ gelang die Zerstörung eines weiteren »Leopard 2«-Panzers aus deutscher Produktion durch eine Panzerabwehrrakete. Ankara meldete, dass allein am Sonnabend sieben türkische Soldaten getötet worden seien.

Am Wochenende wurde zudem bekannt, das der Bundesnachrichtendienst (BND) tiefer als bislang zugegeben in den Syrien-Krieg verwickelt ist. Seit Oktober nehme der deutsche Auslandsgeheimdienst an der Operation »Gallant Phoenix« teil, schreibt das Nachrichtenmagazin Der Spiegel. Die vom Joint Special Operations Command der US-Streitkräfte von einer Militärbasis in Jordanien aus gesteuerte Einheit sammelt demnach Informationen über Kämpfer der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) in Syrien und im Irak.


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