Aus: Ausgabe vom 03.02.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Auf wankendem Grund

Erdbeben und bröckelnde Häuser: In der nördlichsten Provinz der Niederlande fördern Shell und Exxon Mobil Gas. Aber wer begleicht die Schäden?

Von Gerrit Hoekman
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Mangel an Stabilität dank Erdgasförderung: Gebäude eines Bauernhofs in Hunzinge, Provinz Groningen

Die Zuschauertribüne im niederländischen Parlament war am Donnerstag gut besetzt. Zahlreiche Bürger waren aus dem fernen Groningen nach Den Haag gereist, um dabeizusein, als Vertreter der Ölkonzerne Royal Dutch Shell und Exxon Mobil den Abgeordneten Rede und Antwort standen. Das Thema der Anhörung: Wie steht es mit der Kompensation für Schäden an Häusern durch die Erdgasförderung in der nördlichsten Provinz des Landes?

Die beiden Energiegiganten teilen sich die Nederlandse Aardolie Maatschappij (NAM), die Niederländische Erdölgesellschaft. Das Unternehmen beutet unter anderem ein Erdgasfeld in der Nähe von Groningen aus. Dabei kommt es immer wieder zu Erdbeben, die zwar nicht besonders stark sind, aber die Häuser in der Gegend trotzdem ordentlich durcheinanderschütteln. Die Folge sind heruntergefallene Dachziegel und Risse im Gemäuer.

Die Eigentümer fordern von der NAM Schadensersatz. Auch für den Wertverlust, den ihre Immobilien erlitten haben. Viele Bewohner würden gerne den wackeligen Untergrund in der Provinz Groningen verlassen, aber sie finden keine Käufer für ihre Häuser. Wenn jemand überhaupt sein Eigenheim los wird, dann deutlich unter dem Preis, den es eigentlich wert wäre.

Dutzende Bauern waren mit ihren Traktoren die 234 Kilometer von Groningen nach Den Haag getuckert und fuhren im Treckerkorso zum »Binnenhof«, wo das Parlament seinen Sitz hat. Geholfen hat es anscheinend wenig. »Die Groninger werden noch enttäuschter nach Hause fahren, als sie schon bei der Ankunft waren«, stellte Sandra Beckerman, die Abgeordnete der Sozialistischen Partei, fest. Da brandete auf der Tribüne das einzige Mal Beifall auf. Beckerman weiß um die Befindlichkeit der Menschen, sie wohnt in Groningen.

Das Misstrauen gegenüber der NAM und den beiden dahinterstehenden Ölkonzernen ist groß. Und es hat nicht gerade geholfen, dass Shell vor kurzem seine Garantieerklärung für die NAM zurückzog. Das heißt: Shell steht nicht mehr unbedingt für die Ausgaben der Tochtergesellschaft gerade. Obwohl die NAM vorletztes Jahr 469 Millionen Euro überwiesen hat, die die beiden Multis unter sich aufteilen durften. Die Tageszeitung Trouw hatte am Samstag vor einer Woche darüber berichtet und Shell unterstellt, sich aus der Verantwortung zu stehlen – was zu der Anhörung im Parlament führte.

»Wenn die NAM ihren Verpflichtungen nicht nachkommen kann, was nicht passieren wird, dann bezahlen wir«, sagte die Generaldirektorin von Shell, Marjan van Loon, laut einem Bericht der Volkskrant (Volkszeitung) im Parlament. »Ich gebe Ihnen die Garantie, ich habe das Mandat dafür.« Ein Heer an Anwälten sitze gerade an einer wasserdichten Erklärung. Das machte die Abgeordneten erst recht hellhörig: wasserdicht für wen? Bis ins Regierungslager glauben viele Politiker den beiden Konzernen nicht. Der Vertreter von Exxon Mobil musste sich sogar Hohngelächter gefallen lassen. Besonders die Frage, wie lange die Garantie denn gelte, blieb offen.

Es ist ja nicht so, dass es Arme trifft. Rund 13 Milliarden Euro Gewinn hat Shell im letzten Jahr gemacht – doppelt soviel wie 2016. Das liegt vor allem am Ölpreis, der in den zurückliegenden zwölf Monaten im Mittel um zwölf Dollar pro Barrel (Fass; je 159 Liter) gestiegen ist. Hinzu kommt, dass der Konzern anscheinend kurz davor ist, die letzten Schulden zu tilgen, die aus dem Kauf des britischen Gasunternehmens BG Group 2015 entstanden sind. 64 Milliarden Euro hatte der Ölkonzern für den Megadeal auf den Tisch gelegt. Es war die größte Übernahme aller Zeiten durch einen niederländischen Konzern.

In Europa setzt der Gigant auf nachhaltige Energie. Unlängst übernahm er die Firma New Motion aus Amsterdam, die Ladestationen für Elektroautos herstellt. Die Volkskrant vermutet, dass Shell auch Allego kaufen will, das Unternehmen betreibt das größte Netz an Ladestationen in Deutschland. Außerdem erwirbt der Konzern Anteile am geplanten Ausbau des Windparks Borssele vor der niederländischen Küste.

Die richtigen Investitionen finden aber außerhalb Europas statt. Und sie sind alles andere als »grün«. Anfang der Woche ersteigerte Shell neun Förderlizenzen für Gas und Erdöl in Mexiko und weitere vor Brasiliens Küste. Die brasilianische Regierung kündigte an, im Frühjahr noch mehr Lizenzen anzubieten – es ist davon auszugehen, dass die Royal Dutch (königlich niederländische) Shell beim Ersteigern wieder kräftig mitmischt. »Kein Zweifel: Shell sieht seine Zukunft im Schiefergas«, kommentierte die Volkskrant am Donnerstag.

Den Anlegern reichen die 13 Milliarden Euro Gewinn offenbar immer noch nicht. Bei Börsenbeginn fiel die Aktie um drei Prozent, bevor sie sich wieder erholte. »Selbst die Ankündigung, dass Shell bis 2020 für 25 Milliarden Dollar eigene Anteile kaufen will, half nicht«, schrieb die Zeitung. Normalerweise dient eine solche Maßnahme dazu, den Börsenwert hochzutreiben.


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