Aus: Ausgabe vom 03.02.2018, Seite 4 / Inland

»Eine humanitäre Katastrophe«

Menschen aus Nordsyrien berichteten in Frankfurt am Main über Folgen der türkischen Aggression

Von Gitta Düperthal
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Keine Rücksicht auf Zivilisten: Mitarbeiter des kurdischen roten Halbmonds ziehen einen Verletzten aus einem von türkischen Angreifern und ihren dschihadistischen Verbündeten zerstörten Gebäude in Afrin

In einem waren sich alle Teilnehmer der Veranstaltung am Donnerstag nachmittag in Frankfurt am Main einig: Der von der türkischen Armee begonnene Angriffskrieg gegen die nordsyrische Stadt Afrin und den gleichnamigen Bezirk ist illegal und eine »humanitäre Katastrophe für die Bevölkerung«. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) hatte zu einer Pressekonferenz eingeladen, auf der fünf Vertreter verschiedener religiöser und Volksgruppen die Situation der Zivilbevölkerung schilderten.

Ziel der Invasion sei offenkundig die »Ausschaltung der Selbstverwaltung in Nordsyrien«, wo verschiedene Ethnien friedlich zusammenlebten, erklärte IGFM-Vorstandssprecher Martin Lessenthin. Der Kanton Afrin ist eine der drei selbstverwalteten Regionen der international nicht anerkannten Demokratischen Föderation Nordsyrien (Rojava). Die ist zugleich so etwas wie ein kleiner Vielvölkerstaat, in dem außerdem Jesiden, Assyrer, Turkmenen, Araber und weitere Minderheiten miteinander leben. Die in dem Gebiet praktizierte rechtliche Gleichstellung aller Bevölkerungsgruppen wolle der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verhindern, sagte Lessenthin. Viele Bürger könnten nicht einmal mehr flüchten, da sie umzingelt seien – im Norden stehen die türkischen Truppen, im Süden und Westen islamistische Milizen. Lessenthin warnte vor einem Genozid in der Region. In Afrin halten sich Schätzungen zufolge derzeit 800.000 Zivilisten auf, viele von ihnen sind Syrer, die vor dem Krieg in das Gebiet geflüchtet sind, weil es bislang für Stabilität und ein friedliches Miteinander stand. Nun seien sie von Bomben bedroht, die Versorgung sei schlecht. Nur ein schmaler Korridor in Richtung Aleppo bleibe noch, um Nahrung zu beschaffen.

Derzeit profitierten rücksichtslose Geschäftemacher aus Aleppo von der Situation, meinte Kamal Sido, Nahostreferent der »Gesellschaft für bedrohte Völker«. Bereits vor dem Angriff habe Erdogan 30.000 Olivenbäume in der Region vernichten lassen. Der Staudamm bei Afrin sei teilweise zerstört, so dass Überschwemmungen zu befürchten seien.

Der kurdische Beauftragte für Bildung und Wiederaufbau in Nordsyrien, Süleyman Ates, appellierte an die Bundesregierung, Druck auf Ankara für eine Beendigung des Krieges zu machen. Jede wirtschaftliche und militärische Unterstützung für Erdogans Regime müsse gestoppt werden, denn der Präsident plane erklärtermaßen die Vernichtung des kurdischen Volkes. Er sei kein Partner in der Flüchtlingshilfe, sondern schaffe neue Fluchtursachen, betonte Ates. Wer immer es aus der Region bis nach Europa schaffe, werde dort Asyl beantragen.

Adnan Hassan, Sprecher des Rates der syrischen Jesiden, schilderte, dass diese Volksgruppe in der Geschichte Opfer von Unterdrückung und Gewalt gewesen sei. Die Kurden hätten sie akzeptiert und in ihren Vielvölkerstaat aufgenommen. Nun aber seien gerade die christlichen Jesiden, die in Dörfern an den Rändern des Kantons Afrin lebten, gefährdet.

Vasilis Pavegos vom Bundesverband der griechischen Gemeinden in Köln forderte die Bundesregierung auf, dem Krieg nicht weiter schweigend zuzuschauen. Alle Anwesenden appellierten an Gewerkschaften und zivilgesellschaftliche Organisationen hierzulande, gegen die türkische Invasion zu protestieren und Druck auf die Bundesregierung auszuüben. Diese müsse jetzt ihre Kontakte zur Türkei geltend machen, um zumindest die Luftangriffe zu unterbinden, die die Bevölkerung in Afrin in Angst und Schrecken versetzten, sagte Sabri Alkan, stellvertretender Vorsitzender der Assyrischen Demokratischen Organisation in Deutschland. Lessenthin forderte die NATO auf, von der Türkei »Vertragstreue« zu »erzwingen«. Denn sie sei nach ihren Statuten ein »Verteidigungsbündnis«. Der Angriffskrieg in Nordsyrien verletze deren »Bündnischarakter«.


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