Aus: Ausgabe vom 02.02.2018, Seite 15 / Feminismus

Eine rote Pressepionierin

Die Journalistin, Publizistin und Politikerin Lilly Becher (1901–1978) wird erstmals in einem biographischen Bändchen gewürdigt

Von Cristina Fischer
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Lilly Becher, Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck (v.l.n.r.) auf einer Konferenz des Deutschen Schriftstellerverbandes im November 1966

Lilly Korpus entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie. In München aufgewachsen, wo sie eine recht gute Bildung als »höhere Tochter« genoss, wurde sie durch den Ersten Weltkrieg politisch radikalisiert. Nach der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg schloss sie sich der KPD an und musste von nun an selbst für ihren Unterhalt sorgen, da die Eltern ihr die finanzielle Unterstützung versagten. 1921 ging die energische junge Frau nach Berlin und erhielt dort rasch wichtige Funktionen in der Partei, zunächst als Frauenleiterin. Ein Foto aus ihrem Nachlass zeigt sie in einem Demonstrationszug der 20er Jahre vor einem Transparent mit der Aufschrift »Ohne die Frau keine proletarische Revolution«.

Bereits 1924 wurde sie Zweite Politleiterin der KPD Berlin-Brandenburg und damit Stellvertreterin von Ruth Fischer, die diese Funktion jedoch nur zum Teil ausfüllte, da sie damals faktisch Parteivorsitzende und zudem Reichstagsabgeordnete war. Die noch nicht 25jährige Lilly Korpus war also zunächst Polit- und 1925 sogenannte Orgleiterin des bedeutendsten KPD-Bezirks, also eine der führenden Funktionärinnen der Partei.

Der Sturz von Ruth Fischer, deren Politik als linkssektiererisch eingestuft wurde, beendete diese Laufbahn: Lilly soll sich geweigert haben, ihre Zugehörigkeit zur »Linksfraktion« öffentlich zu bereuen. Nie wieder erhielt sie hohe Parteifunktionen. In politischer Hinsicht erschien sie ihren Genossen nicht ganz zuverlässig. Bei ihr sei das »Schwanken der Normalzustand«, schimpfte Walter Ulbricht später einmal.

Da sie 1924 die KPD-Frauenzeitschrift Die Arbeiterin, gegründet hatte, die, wie sie sich erinnerte, aus Korrespondenzen von Arbeiterinnen bestand, wandte sie sich nun ganz dem Journalismus zu. Willi Münzenberg holte sie in die Redaktion der erfolgreichsten Zeitschrift in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ), deren Chefredakteurin sie schließlich wurde – ohne jemals im Impressum genannt zu werden. Als Pionierin der deutschen und internationalen Presse half sie 1928 auch bei der Gründung der französischen Schwester-Illustrierten Nos Regards, Vorläuferin der heute noch bestehenden Zeitschrift Regards.

Im März 1933 floh sie mit ihrer damals siebenjährigen Tochter erst nach Wien und dann nach Paris. Dort begann sie für Münzenbergs Verlag »Editions du Carrefour« zu arbeiten, gab u. a. die Dokumentation »Der gelbe Fleck« über die geplante »Ausrottung der deutschen Juden« heraus. Auch ihre Mutter, ihre Schwester und ihr Stiefvater fielen der Shoa zum Opfer.

Im Exil wurde die zweimal Geschiedene Lebensgefährtin des kommunistischen Dichters Johannes R. Becher, der wie sie aus München stammte. Ihm folgte sie 1935 nach Moskau und arbeitete mit ihm für die Zeitschrift Internationale Literatur, für die sie vor allem Übersetzungen beisteuerte. Neben Englisch und Französisch beherrschte sie bald auch die russische Sprache. In den Kriegsjahren verfasste sie zahlreiche Beiträge für die deutsche Welle des Moskauer Rundfunks.

1945 kehrte sie mit ihrem Mann als Teil der »Gruppe Ulbricht« nach Deutschland zurück und gründete die Zeitschrift Neue Berliner Illustrierte, deren Chefredakteurin sie bis 1950 war. Auch diesmal stand sie zunächst nicht im Impressum. Daneben engagierte sie sich im Demokratischen Frauenbund Deutschlands, dessen Bundesvorstand sie angehörte.

Ihr labiler Gesundheitszustand verhinderte ein geplantes Geschichtsstudium, das sie im Alter von 60 Jahren mit einer Promotion abzuschließen hoffte. 1958 starb zudem ihr Mann, um den sie sich stets aufopferungsvoll gekümmert hatte. Danach widmete sie sich ausschließlich seinem Andenken, ließ ihr Wohnhaus am Majakowskiring zu einer Gedenkstätte für den Lyriker und zu einem Archiv umbauen, dessen Leitung sie viele Jahre übernahm. Zudem betreute sie die Herausgabe seines Werkes und anderer ihn betreffender Publikationen.

Erinnerungen hat sie leider nicht geschrieben. Ihr Nachlass ist nur fragmentarisch erhalten, es findet sich darin wenig aus der Zeit vor 1945. Auch deshalb ist Lilly Becher für Biographen zweifellos eine Herausforderung. Der Autor Rolf Harder, seit 1967 Mitarbeiter des Johannes-R.-­Becher-Archivs, nennt sein jüngst veröffentlichtes, rund 100 Textseiten umfassendes Büchlein über sie mit begründeter Vorsicht »Biographische Notizen«. Tatsächlich befriedigt es nicht einmal die Ansprüche, die an eine biographische Skizze zu stellen sind. Die Mängel seiner Publikation im einzelnen darzustellen, würde hier zu weit führen. Sein Verdienst: Der Anfang für eine Wiederentdeckung Lilly Bechers ist damit gemacht.

Rolf Harder: Lilly Korpus, verheiratete Becher. Biographische Notizen. Edition Schwarzdruck, Gransee 2017, 152 S. m. Abb., 18 Euro


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