Aus: Ausgabe vom 02.02.2018, Seite 7 / Ausland

Gefechte zwischen Iran und IS

Kämpfer der Dschihadistenmiliz haben sich in den Iran zurückgezogen

Von Gerrit Hoekman
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Ein Dschihadist der Miliz »Islamischer Staat« (IS) mit Flagge in Rakka am 29. Juni 2014

Bei einem Feuergefecht zwischen der iranischen Revolutionsgarde Pasdaran und Kämpfern der Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS) sind am vergangenen Samstag drei iranische Soldaten und fünf Dschihadisten getötet worden. Das teilte der Kommandant der Infanterie der Pasdaran, General Mohammed Takpur, am Sonntag mit, wie das staatliche iranische Auslandsradio Pars Today berichtete. Die übrigen 16 IS-Kämpfer seien gefangengenommen worden.

Demnach entdeckten die Pasdaran morgens ein aus 21 Männern bestehendes Kommando des IS, als es – aus dem kurdischen Autonomiegebiet im Irak kommend – die Grenze überschritt. In dem Gefecht, das länger als 30 Stunden gedauert haben soll, hätten sich drei Dschihadisten selbst in die Luft gesprengt.

Bei der Gruppe handele es sich sehr wahrscheinlich um diejenige, die ein paar Tage zuvor bei Halabdscha in Kämpfe mit kurdischen Peschmerga verwickelt war, berichtete der private kurdische Fernsehsender Rudaw unter Berufung auf kurdische Sicherheitskreise. Halabdscha liegt nur 16 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt. In den schroffen Bergen östlich der Stadt sollen sich zahlreiche IS-Einheiten verschanzen, die sich aus Mossul abgesetzt haben. Offenbar sahen die IS-Kämpfer keinen anderen Ausweg, als sich in den Iran zurückzuziehen. Dort wurden sie bereits von den Revolutionsgarden erwartet.

Im November hatte Präsident Hassan Rohani verkündet, die Dschihadistenmiliz sei geschlagen. Anfang Dezember relativierte Generalmajor Mohammed Dschafari, der Oberkommandant der Pasdaran, diese Aussage. Trotz des Sieges gebe es in einigen Regionen im Nordwesten des Landes Probleme. »Die bezwungenen Feinde versuchen nun, diese Provinzen von Iran zu trennen und die Instabilität von diesen Regionen aus auf das ganze Land auszudehnen«, zitierte ihn das iranische Auslandsradio Pars Today.

Damit spielte er auf die in einigen Provinzen zunehmenden Autonomiebestrebungen an. An der Grenze zu Pakistan sorgen die »Dschundallah«, die »Soldaten Gottes«, und die »Dschaisch Al-Adl«, die »Gerechtigkeitsarmee«, schon lange für Unruhe. Letztere massakrierten zuletzt im April 2017 zehn iranische Grenzsoldaten.

Zu dem IS-Kommando, das am vergangenen Wochenende im Iran unterwegs war, gehörten überwiegend Ausländer, gab General Takpur am Sonntag preis. Überwiegend. Das heißt, es waren auch Iraner darunter. Auf den ersten Blick mag das ungewöhnlich erscheinen, denn mehr als 90 Prozent der Bevölkerung im Iran sind Schiiten – für den dezidiert sunnitischen IS nichts anderes als vom Islam abgefallene Teufel. Es ist ausgeschlossen, dass sich Schiiten ausgerechnet der Terrororganisation anschließen, die sie umbringen will.

Als im vergangenen Juni Terroristen das Parlament in Teheran und den Schrein des Ajatollah Khomeini angriffen und dabei 18 Menschen starben, reklamierte der IS über sein Sprachrohr »Amak« den Anschlag für sich. Auch damals waren die Angreifer Iraner, wie die Regierung mitteilte. Kurden. Sie hätten sich schon vor Jahren dem IS angeschlossen und in Mossul und Rakka gekämpft. Im Sommer 2016 sei die Gruppe in den Iran zurückgekehrt, um Anschläge zu verüben.

Da Kurden und IS sich im Irak und in Syrien bis aufs Messer bekämpfen, scheint es zunächst absurd, dass sich Kurden dem IS anschließen. Es waren schließlich ihre Truppen, die Rakka zurückeroberten, auch bei der Offensive auf Mossul spielten sie eine gewichtige Rolle. Aber es soll tatsächlich einige hundert kurdische Kämpfer geben, die dem IS die Treue geschworen haben. Viele Kurden sind Sunniten, und manche von ihnen haben sich anscheinend ähnlich radikalisiert wie viele andere Muslime in der Region. Die Peschmerga sind für sie gottlose Gesellen. In den kurdischen Gebieten Irans leben außerdem viele Angehörige des Bahai-Glaubens, die nicht nur von sunnitischen Fundamentalisten als Häretiker angesehen werden.

Ajatollah Ali Khamenei, der geistliche Führer des Iran, sprach am Dienstag von einer Intrige, an der die USA, Israel und Saudi-Arabien beteiligt seien, mit dem Ziel, das Land zu destabilisieren, wie Pars Today berichtete. Diese Allianz habe deshalb nichts dagegen, dass der IS seine Aktivitäten aus dem Nahen Osten allmählich nach Afghanistan verlagere. »Die Anschläge der letzten Zeit sind die Folge dieses Plans«, zitierte der Sender Khamenei.


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