Aus: Ausgabe vom 01.02.2018, Seite 7 / Ausland

Goldene Melone

Frankreichs Rechte hat Macron akzeptiert – Sarkozys Nachfolger Wauquiez hat fast alles verloren

Von Hansgeorg Hermann, Paris
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Der Spitzenkandidat der »Républicains«, Laurent Wauquiez, am 20. November 2017 in Paris

Die Frage lautet: »Ist Macron der neue Leader der französischen Rechten?« So die streng rechtskonservative Pariser Tageszeitung Le Figaro im Oktober letzten Jahres. Antworten ließ sie in einem halbseitigen Artikel einen Mann, der sich mit Leuten wie Emmanuel Macron, dem ehemaligen Investmentbanker, gut auskennt. Bruno Bernard, ein mit zahlreichen echten und auch sonstigen Titeln ausgestatteter Brüsseler Wirtschaftslobbyist, erklärte der katholisch-bürgerlichen Stammleserschaft des Figaro, was inzwischen in Frankreich als sicher gilt: Die von dem jungen Präsidenten auf nationaler und internationaler Bühne exekutierte Politik macht ihn zum »natürlichen Chef der vernünftigen Rechten«. Haudrauftypen wie Laurent Wauquiez, Führer der Republikaner (Les Républicains, LR), und Marine Le Pen vom Front National (FN) haben erst mal ausgedient.

Auch Wauquiez ist noch jung. Er wird im April 43 Jahre alt und hat die für einigermaßen intelligente Söhne des französischen Großbürgertums quasi normale Karriere hingelegt. Der Spross einer alten Industriellenfamilie aus dem Norden – Gerbereien, Schiffbau –, die sich im vergangenen Jahrhundert auch in der Politik und im Konzernmanagement engagierte, hat die Pariser Elitegymnasien Louis-le-Grand und Henri IV passiert und ist natürlich Absolvent der Kaderschmieden École normale supérieure und École nationale d’administration. Da ist er dem Arztsohn Macron mehr als ebenbürtig. Was ihm fehlt, sind dessen feine Manieren und ein Verständnis für ökonomische und politische Strategie, wodurch Macron in Rekordzeit erst zum Millionär und dann zum Staatschef wurde.

Wauquiez ist seit dem 10. Dezember Präsident der Republikaner und Nachfolger seines politischen Ziehvaters Nicolas Sarkozy. Aus der bis vor einem Jahr noch dominierenden rechtskonservativen Partei machte er in Null Komma nichts eine politische Randgruppe, die dem faschistischen FN deutlich nähersteht als den von Katholizismus, Bauernstand und Großunternehmertum geprägten Wahlvereinen eines Chirac, Alain Juppé oder François Fillon. Juppé, einst Handlanger des früheren Präsidenten Chirac und Außenminister unter Sakozy, hat den Republikanern den Rücken gekehrt und rät zur Unterstützung Macrons. Chirac ist, von Altersdemenz gezeichnet, völlig aus dem öffentlichen Raum verschwunden. Sarkozy tut das, was er noch als amtierender Präsident schon vor acht Jahren ankündigte: »Kohle« machen als Vortragsreisender in Sachen Kapitalismus.

Innerparteiliche Gegner hatte Wauquiez besonders unter den weiblichen LR-Mitgliedern. Hervorzuheben ist die 50jährige, kultivierte Erzkatholikin Valérie Pécresse, ehemalige Regierungssprecherin und Bildungsministerin unter Sarkozy. Mit ihrer Schwester im Geiste, der 44jährigen Nathalie Kosciusko-Morizet, stand sie lange an vorderster Front gegen Machotypen wie Sarkozy und den im Wahlkampf als grässlichen Heuchler enttarnten Fillon. Macrons Sieg in den beiden Wahlen im Mai und Juni aber beendete beider Träume von einer Staatschefin aus dem konservativen Lager. Pécresse ist nun Präsidentin des Regionalparlaments der Île-de-France, Kosciusko-Morizet dient im Stadtrat von Paris.

Zurückgeblieben ist Wauquiez. Seine »Politique décomplexée« (enthemmte Politik) hat in Richtung eines zukünftigen Bündnisses mit Le Pens FN geführt und ihn seinen »vernünftigen« Parteifreunden entfremdet, die sich jetzt Macron angeschlossen haben. Die Républicains oder das, was von ihnen übriggeblieben ist, würden bei Parlamentswahlen derzeit kaum noch 15 Prozent einfahren. Ihr Chef Wauquiez macht sich mit Sprüchen gegen von ihm sogenannte Krankmacher in der Arbeitswelt unbeliebt und ist bisweilen Objekt bizarrer Quizaktionen: Leser der Gratiszeitung 20 minutes konnten vor kurzem entscheiden, wer für seine ungehobelte Sprache eine »Goldene Melone« gewinnen sollte – Wauquiez, Donald Trump oder der Fußballer Zlatan Ibrahimovic …


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