Aus: Ausgabe vom 31.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Betrug oder Notwehr

Niederländische Bauern mit rekordverdächtigen Mehrlingsgeburten von Kälbern. Wer die EU-Gülleverordnung kennt, kann sich einen Reim darauf machen

Von Gerrit Hoekman
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Im Land der seltsamen Kühe, hier bei Abcoude, Provinz Utrecht: Gülle kostet, doch Bauern sind schlau

Der niederländische Viehwirt scheint ein Berufsbetrüger zu sein«, fällte die Tageszeitung Volkskrant (Volkszeitung) am Samstag ein hartes Urteil. Der Grund: Im zurückliegenden Jahr ist die Zahl der Mehrlingsgeburten bei Kühen rasant gestiegen und liegt nun deutlich über dem biologisch zu erwartenden Mittel. Da eine natürliche Ursache so gut wie ausgeschlossen werden kann, bleibt nur eine Erklärung – einige Bauern machen schlichtweg falsche Angaben.

Der Trick funktioniert so: 2015 hat die EU die Milchquote abgeschafft und durch eine Güllequote ersetzt. Diese soll dafür sorgen, dass die Phosphatemissionen in der Landwirtschaft verringert werden. Die EU-Bauern müssen nun nachweisen, wieviel Mist ihre Kühe produzieren. Wer über dem Limit liegt, zahlt eine Strafe. Eine Reduzierung ist praktisch nur zu erreichen, wenn die Bauern den Viehbestand verkleinern.

Deshalb müssen diese in den Niederlanden jedes neugeborene Kalb per Internetformular bei den Behörden melden. »Schwarze Schafe« geben an diesem Punkt einfach die Geburten von zwei verschiedenen Kühen als die Mehrlingsgeburt einer Kuh an. Der Vorteil: Ein milchgebendes Tier – die Landwirte nennen das laktierend – wird bei der Güllequote als eine Großtiereinheit gerechnet, egal ob sie ein oder zwei Kälber geboren hat. Eine Kuh, die noch nie gekalbt hat, zählt aber nur eine halbe Großtiereinheit. Also schieben viele Viehwirte einer Kuh ein zweites Kalb unter und sparen dabei eine halbe Großtiereinheit. Ganz stürmische meldeten sogar Drillinge.

Laut Landwirtschaftsministerium liegt die natürliche Rate der Mehrlingsgeburten im Schnitt zwischen drei und fünf Prozent. 2017 lagen 7.700 der 18.000 Betriebe, die Kühe halten, teilweise deutlich darüber. Bei 2.000 Bauernhöfen kamen bei jeder zehnten Geburt mindestens zwei Kälber zur Welt. »Erste Kontrollen haben gezeigt, dass in vielen Höfen die gemeldeten Tierzahlen nicht zum tatsächlichen Bestand passen. Diese müssen jetzt mit Sanktionen und Strafen rechnen«, so die Internetseite Top agrar online am Donnerstag.

»Das ist unglaublich dumm«, wunderte sich Bauer Jos Pijs in der Volkskrant über seine Kollegen. Pijs vertritt in Etten-Leur den Ortsverein des niederländischen Bauernverbands ZLTO. »So etwas kommt immer raus«, sagte er. Er fürchtet, die Schummelei mit den Kälbern ruiniere das Image der Landwirte weiter. »Die Niederländer werden denken: Alle Bauern sind Gauner.« Zumal der Betrug den Landwirten laut Pijs gar nicht viel bringt, vielleicht ein paar tausend Euro im Jahr. Im Gegenzug würden sie aber die deutlich höheren Subventionen der EU aufs Spiel setzen.

Landwirtschaftsministerin Carola Schouten, die für die erzkonservative Christenunie im Kabinett von Ministerpräsident Mark Rutte sitzt, macht sich ebenfalls Sorgen: »Diese Betrugsfälle werden unsere laufenden Verhandlungen zur Derogation in Brüssel nicht erleichtern«, wird sie von Top agrar online zitiert. Derogation bedeutet, eine Rechtsvorschrift vorübergehend auszusetzen. Denn obwohl sich der Viehbestand im letzten Jahr um 130.000 Kühe verringert hat und der Phosphatausstoß um 4.300 Tonnen reduziert wurde, liegt das noch über der Vorgabe aus Brüssel. Die EU duldet dies nur, wenn die Niederländer Erfolge bei der Reduzierung vorweisen können.

Landwirt Pijs gibt zu, dass es auch ihm schwerfällt, den Überblick über die Zahl seiner Kühe zu behalten und darüber, ob er die Phosphatobergrenze schon erreicht hat. Am Ende des vorigen Jahres habe er das Limit überschritten und eine Strafe von 2.000 Euro zahlen müssen, erzählte er der Volkskrant. »Bis zur Abschaffung der Milchquote 2015 war die Arbeit einfacher«, sagte Pijs. Damals habe es nur eine Obergrenze für die Litermenge Milch gegeben, die man liefern durfte. Nun gibt es eine Höchstmenge für Gülle, die nicht überschritten werden darf. Die Bauern müssen jetzt im Internet in einem »Phosphatplaner« viele Tabellen ausfüllen.

Mengenmäßig fällt der Kälberbetrug nicht mal stark ins Gewicht: 100 Tonnen Phosphat sollen die Bauern insgesamt verschwiegen haben. Erst unlängst war bekanntgeworden, dass es in den Niederlanden eine wahre Güllemafia (siehe jW vom 20.11.2017) gibt, in der sich Bauern und Transportunternehmen verschworen haben. Dabei lässt man heimlich bei Nacht und Nebel die Brühe abtransportieren und hintergeht so die Behörden.

Die Bauern indes werfen der Ministerin vor, die Angelegenheit aufzubauschen. »Die Tausende von Landwirten, die jetzt vom Ministerium verdächtigt werden, haben nicht alle betrogen«, glaubt auch der zitierte Jos Pijs. Bei einigen könne es sich tatsächlich um statistische Ausreißer handeln. Seine Kühe hätten auch einige Zwillingsgeburten mehr gehabt als normal.

Pijs musste im letzten Jahr zwanzig seiner 150 Kühe loswerden, entweder schlachten oder ins Ausland verkaufen. Der relativ hohe Milchpreis habe den finanziellen Verlust einigermaßen ausgeglichen. Es gebe aber auch Bauern, die enthusiastisch große Ställe gebaut hatten, nachdem die Milchquote fiel, und nun entsetzt feststellten, dass sie wegen der Gülle überhaupt nicht so viele Kühe halten dürfen. Die stünden jetzt vor der Pleite, und manche hofften, den Konkurs durch einen kleinen Betrug abwenden zu können.


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