Aus: Ausgabe vom 31.01.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

»Sympathische Fangarme«

Kiew versucht, die russische Kultur zu verdrängen und unangenehme Wahrheiten zu unterdrücken

Von Reinhard Lauterbach
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Wladimir Iljitsch Lenin bekommt ein traditionelles ukrainisches Hemd übergezogen in Saporischschja (4. Oktober 2014)

Der Dichter und Liedermacher Wladimir Wyssozki ­(1938–1980) genießt im postsowjetischen Raum eine Popularität wie im Westen Bob Dylan und John Lennon zusammen. Vorige Woche wäre sein 80. Geburtstag gewesen, und die Regierung in Kiew konnte sich nicht dazu durchringen, den Termin wenigstens zu beschweigen. Wolodymyr Wiatrowytsch, Chef des »Instituts für Nationales Gedenken«, vertraute der Öffentlichkeit über seine Facebook-Seite an: Wyssozki sei natürlich »sympathischer und respektabler als die Moskauer Kirche«, aber das mache ihn nur noch gefährlicher für das ukrainische Volk: Denn wer ihn – oder andere sowjetische Künstler und Popstars – höre, der falle auf die »Fangarme der russischen Welt« herein. Er wolle ja gar keinem Verbot der Werke Wyssozkis das Wort reden, so Wiatrowytsch; an dessen Undurchsetzbarkeit war ja auch schon die Breschnewsche Sowjetunion gescheitert. Aber die ukrainische Gesellschaft müsse gewarnt sein.

Ein anderer, von dem die offizielle Ukraine zumindest abrät, ist der Schriftsteller Michail Bulgakow. Schon 2015 war eine Verfilmung seines Romans »Die weiße Garde«, der den sowjetischen Bürgerkrieg in Kiew in einer für den ukrainischen Nationalismus wenig schmeichelhaften Weise erzählt, auf den Index gesetzt worden. Jetzt meldete sich ein ukrainischer Literaturwissenschaftler zu Wort und erklärte sowohl Bulgakow als auch Alexander Puschkin zu Plagiatoren: Beide hätten Motive von Goethes »Faust« in ihre Romane aufgenommen. Goethe erklärte er hingegen nicht zum Plagiator, obwohl der schließlich auch ältere Vorlagen rezipierte. Das Urteil ist für sich genommen auch nicht relevant, es ist symptomatisch für den Versuch der ukrainischen Machthaber, ihrer Bevölkerung die russische Kultur madig zu machen.

Die ukrainische Kultur hat jedoch bisher nicht das Potential entwickelt, der russischen ein konkurrenzfähiges Angebot an »sympathischen Fangarmen« entgegenzusetzen. Zwar gibt es inzwischen auf ukrainisch einiges mehr als die »reaktionärromantischen Verse Schewtschenkos«, über die Rosa Luxemburg vor 100 Jahren die Nase rümpfte. Doch postmodernes Identitätsfindungsgeschreibsel einer Oksana Sabuschko oder eines Jurij Andruchowytsch ist nichts, was den Lesehunger eines 40-Millionen-Volkes stillen kann. Der ukrainische Buchmarkt ist andererseits zu klein und zu wenig kaufkräftig, um anständige Übersetzungen rentabel zu machen. In den elektronischen Medien kann nach wie vor die Quote für Popmusik in der »Staatssprache« nicht ausgeschöpft werden, weil es an entsprechendem Audiomaterial fehlt.

Derweilen macht der Furor der Berufsukrainer vor nichts halt. Im Januar wurde die schon 1998 erschienene Monographie des grundbürgerlichen britischen Historikers Antony Beevor über die Schlacht von Stalingrad auf den Index gesetzt. Der Grund: Die Schilderung eines Vorfalls im August 1941 in der Stadt Belaja Zerkow südlich von Kiew, bei dem ukrainische Hilfspolizisten im Hinterland der deutschen 6. Armee 90 jüdische Waisenkinder erschossen. Das sei »Verleumdung der Ukraine«. Beevors Quelle scheint jedoch über alle Zweifel erhaben: Der antifaschistische deutsche Offizier Helmuth Groscurth, Zeuge des Massakers, hatte es in einem Brief an seine Frau erwähnt. Die Quelle ist in Dutzenden westlichen Darstellungen zitiert und bisher von niemandem angezweifelt worden. Nachdem der Fall von Wissenschaftszensur auch in westlichen Medien aufgegriffen und kritisiert wurde, ruderte Kiew halbherzig zurück: Der private Bezug der englischen Originalausgabe des Buchs sei weiter zulässig, hieß es. Verboten bleibt der Import der russischen Übersetzung.


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