Aus: Ausgabe vom 30.01.2018, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft

Nicht organisiert, nicht vertreten

Nur wenige Altenpflegekräfte sind in einer Gewerkschaft – obwohl die Bedingungen in der Branche prekär sind

Von Johannes Supe
Pflege_im_Altenheim_35951953.jpg
Pflege ist Dienst am Menschen - und braucht deshalb Organisation der Beschäftigten

Die Interessenvertretung in der Altenpflege bleibt schwierig. Darauf hat ein Artikel im aktuellen Böckler-Impuls, dem Informationsdienst der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, ein Schlaglicht geworfen. In der Branche seien die Arbeitsbeziehungen zwischen Unternehmerverband und Gewerkschaft kaum geregelt. Auch Betriebsräte bestünden in den diversen Diensten und Altenpflegeheimen häufig nicht. In der Folge gebe es gegenüber den Unternehmern ein »starkes Machtgefälle mit ausgeprägten Repräsentationslücken«, so der Forscher Wolfgang Schroeder.

Schroeder hat im Rahmen einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie 750 Beschäftigte befragt. Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Rund ein Drittel von ihnen ist insgesamt unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen in der Altenpflege. Insbesondere die Arbeitszeiten, die Bezahlung und der hohe Zeitdruck auf der Arbeit werden kritisiert. Der Zeitdruck – verursacht durch die Personalknappheit in der Altenpflege – wird gar von 68 Prozent der Befragten als bedeutendstes Problem ausgemacht.

»Auffällig ist, dass fast neun von zehn Pflegekräften in erster Linie nicht den Arbeitgeber für die Verbesserung ihrer Arbeitssituation in der Verantwortung sehen, sondern den Staat«, heißt es im Artikel. Das Urteil sei nachvollziehbar, so Schroeder, denn die Pflegeversicherung übernehme einen Teil der Finanzierung der Dienste und Heime. Entsprechend sei auch dieser gefragt. Er müsse Impulse geben, um reguläre Beziehungen zwischen Unternehmern und Gewerkschaften zu schaffen. Nur etwa elf Prozent der Altenpflegekräfte seien bislang gewerkschaftlich organisiert; deshalb werden Gewerkschaften in dem Bereich ohne größere Anstrengungen in den kommenden Jahren wohl keine bedeutende Rolle spielen. Mehr als die Hälfte der Befragten habe noch nie über die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft nachgedacht.

Bisher hätten lediglich zehn Prozent der Beschäftigten bei privaten Diensten und Einrichtungen einen Betriebsrat gewählt. Bei Kirchen und Wohlfahrtsverbänden liege der Wert bei mehr als 30 Prozent. In kirchlichen Betrieben haben die Mitarbeitervertretungen jedoch deutlich weniger Rechte als reguläre Betriebsräte. In öffentlichen Einrichtungen haben etwa 30 Prozent der Angestellten einen Personalrat an ihrer Seite.

Der Forscher sieht ein Hauptproblem in dieser Schwäche: Da die Gewerkschaft kaum präsent sei, kämen die Pflegekräfte auch nicht auf die Idee, ihr beizutreten. Das gelte gerade für Angelernte, Teilzeitbeschäftigte und Niedrigqualifizierte. Ohne Mitglieder in der Altenpflege könne wiederum die Gewerkschaft – es handelt sich um den Organisationsbereich von Verdi – nur schwer sichtbarer werden. Eine Schlussfolgerung Schroeders: Die Arbeitsbedingungen vermehrt gegenüber der Presse skandalisieren, und so in Erscheinung treten.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Mehr aus: Betrieb & Gewerkschaft
  • Vor hundert Jahren ging in Österreich der Jännerstreik zu Ende
    Simon Loidl