Aus: Ausgabe vom 30.01.2018, Seite 4 / Inland

Vom Folterzentrum zur Luxuspassage

Shoppen, wo einst die Gestapo verhörte? Protest gegen Einkaufsquartier im Hamburger Stadthaus

Von Kristian Stemmler
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Stolpersteine für Gestapo-Opfer vor dem Hamburger Stadthaus, früher Sitz der Geheimpolizei der Nazis. Es soll zu einem weiteren Hotel- und Einkaufskomplex umgebaut werden. Geht es nach dem Investor, soll ein Buchladen als Ort des Gedenkens an Folter und Terror ausreichen

»Einmal haben sie ihn auf einen Holzbock gespannt, ihm die Hose runtergezogen, und dann durfte jeder mit Lederpeitschen auf ihn einprügeln, bis alles blutig war.« Detlef Baade kommen heute noch fast die Tränen, als er im Gespräch mit junge Welt am Sonntag von den Folterungen berichtet, die sein Vater Herbert, Friseur und Kommunist, im Hamburger Stadthaus erlitten hat. Mindestens viermal sei er nach 1933 in der Gestapo-Zentrale der Stadt gequält worden, um Namen von Genossen zu erpressen. Herbert Baade verriet niemanden, überlebte Folter und Haft im Stadthaus, viele andere nicht.

Wie kein anderes Gebäude der Stadt steht der Komplex nördlich des Neuen Walls, teuerste Einkaufsstraße Hamburgs, für den Terror des Faschismus. Als zentraler Standort der Gestapo in Hamburg und weiterer Polizeidienststellen war das Stadthaus der Ort, an dem zwischen 1933 und 1943, als es ausgebombt wurde, Tausende solchen »Verhören« ausgeliefert waren. Ausgerechnet dort will die Immobilienfirma Quantum, die das Gebäudeensemble 2009 von der Stadt kaufte, demnächst ein luxuriöses Einkaufsquartier namens »Stadthöfe« mit Vier-Sterne-Hotel, Büros, Wohnungen und Läden eröffnen (jW berichtete) – unter dem zynischen Slogan »Hommage ans Leben«.

Zwar hat sich Quantum vertraglich zur Einrichtung einer Gedenkstätte verpflichtet, aber was bisher geplant ist, verdient den Namen nicht: In einer Buchhandlung mit Café soll das Gedenken auf einer Fläche von nur 110 Quadratmetern abgehandelt werden. Gegen diesen Skandal formiert sich entschlossener Widerstand. Fast 40 Personen und Initiativen haben sich zu einer »Initiative Gedenkort Stadthaus« zusammengeschlossen, darunter der Schauspieler Rolf Becker, der Bürgerschaftsabgeordnete Norbert Hackbusch (Linke), das Auschwitz-Komitee und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA).

Unter dem Motto »Konsum statt Gedenken? Niemals!« ruft die Initiative für den heutigen Dienstag, den 85. Jahrestag der Machtergreifung der Nazis, um 17 Uhr zu einer Kundgebung vor dem Stadthaus auf, um ihrer Forderung nach einem angemessenen Ort der Erinnerung an Widerstand und Verfolgung Nachdruck zu verleihen. Als »armselig und national wie international peinlich« bezeichnete die VVN-Bundesvorsitzende Cornelia Kerth die Pläne für die Gedenkstätte am Freitag in der Morgenpost (Mopo). Durch die »Privatisierung des Gedenkauftrags« entziehe sich die Stadt ihrer historischen Verantwortung: »Das ist mehr als nur ein Fauxpas.«

Auch in der SPD, die in Hamburg bekanntlich den Bürgermeister stellt, gibt es Protest, so von Wolfgang Kopitzsch, Historiker, früherer Polizeipräsident und Vorsitzender der zur Initiative gehörenden »Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter und inhaftierter Sozialdemokraten«. Er verwies laut Mopo.de vom Sonntag darauf, dass die Nazis im Stadthaus die Verfolgung von Juden, Homosexuellen, Roma und Sinti sowie Oppositionellen organisierten. »Weil das Stadthaus eine solch große Bedeutung hatte, muss dort auch die zentrale Gedenkstätte für den Naziterror in Hamburg entstehen«, sagte Kopitzsch.

Für Detlef Baade steht außer Zweifel, dass ein Gedenken an die Nazizeit in den Stadthöfen nicht erwünscht ist. »Da soll konsumiert werden«, sagte er im Gespräch mit jW, »stellen Sie sich mal vor, die Gäste des Hotels erfahren, dass das mal das Gestapo-Hauptquartier war – dann ist das für die das Hotel des Grauens.« Gerade in einer Zeit, in der Fremdenhass und rechtes Denken wieder auf dem Vormarsch seien, dürfe die Erinnerung an die Zeit von 1933 bis 1945 nicht beiseite geschoben werden. »Mein Vater hat immer am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des KZ Auschwitz, mit Genossen vor dem Stadthaus eine Mahnwache abgehalten. Vielleicht sollten wir das wieder machen.«


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