Aus: Ausgabe vom 30.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Lebensmittel und Landschaftsgestaltung

Von Helmut Höge
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Eine Messe wie die Grüne Woche (19.– 28. Januar) zeigt, was man mit dem Leben anstellen kann. Es geht dabei um Tiere und Pflanzen, die entweder schon tot (und verarbeitet) sind oder noch leben oder sogar – in der Hobbybranche – möglichst lange leben sollen: Sibirische Katzen, Zierfische, Topfpflanzen und Vogelspinnen in vielen Farben und Größen. Vor ihren kleinen Messeterrarien stand eine schöne »Spinnenkönigin« aus Sachsen-Anhalt, hielt eine abgeworfene Hülle (das Exoskelett) einer großen Vogelspinne in der Hand und beantwortete begeistert die Fragen interessierter Messebesucher.

Die Tiere haben auf dem Kopf (bzw. dem Rücken) eine fast runde Fläche, die sie quasi aufsprengen können, um sich aus ihrem zu eng gewordenen Exosklett zu befreien. Sie klappte diesen kleinen »Deckel« auf und siehe: Darunter war’s leer! Eine der interessantesten Begegnungen auf der Messe. An einem Stand wurde gegen den schäferfeindlichen Wolfsschutz, wie er hier ganzjährig gilt, mit Wort und Bild agitiert, aber da ich das Problem bereits begriffen hatte, waren mir die Ausführungen zu lang, auch die von einigen Wolfsverteidigern.

Die Messe-Aufteilung wirkte wieder absolut willkürlich: Regionen, Länder, große Verbände, große Nutztiere, kleine Nutztiere etc. In diesem Jahr hatte z. B. der deutsche Zoll seinen Stand neben einer Sektkellerei, wo vis à vis afrikanische Künstler trommelten und tanzten. Neben dem Stand von Usbekistan ragte eine riesige Konstruktion von »Möbel Kraft« auf. Neben einem kleinen Imkerstand und einem der »Eselfreunde e. V.« (mit zwei Eseln) befand sich ein großer Stand der Bundeswehr. Sie stellte neben Äpfeln der verschiedensten Sorten ausführlich den »Lebensraum Panzerspur« aus und bot Vollwertnahrung aus einer »Truppenküche« an.

Uns zog es zu Kaviarschnittchen und Wodkaverkostung an die osteuropäischen Stände. Russland war diesmal wieder mit einem großen Stand auf der Grünen Woche, zugleich wurde wie auch von der Ukraine (mit Odessa, Poltawa, Lwiw) das Prinzip des Werbens für Regionen wieder aufgegriffen, so dass z. B. die Nenzen von der Jamal-Halbinsel (wo unser Gas herkommt) einen eigenen Stand hatten. Neben Rentierfleisch bot man dort Lachskaviar und Wodka an.

Das Publikumsinteresse war nicht gering: Die meisten kannten die Jamal-Halbinsel im Eismeer, auf der die Nenzen mit ihren Rentierherden im Sommer nach Norden und im Winter nach Süden ziehen, aus einer ZDF-Serie, die eine Art »Big Brother in Sibirien« war. Dazu hatten sie willige Ehepaare an verschiedenen Orten ausgesetzt und mit einem russisch-deutschem Wörterbuch, einer Axt, einigen Rubel usw. ausgestattet. Sie sollten dort Arbeit finden oder erfinden. Das Ehepaar auf der Jamal-Insel fand eine Anstellung in einer Kolchose, die Schweine züchtete, ihre Kollegen waren z. T. »Gastarbeiter« aus Kirgistan. Und dann kannte man natürlich auch die Gastrasse »Druschba«, an der viele Jungarbeiter aus den sozialistischen Staaten arbeiteten, die Ostdeutschen u. a. an den Abschnitten Ural und an der Grenze der Ukraine zur Slowakei.

Die FAZ, welche die hochbezahlten Trassenbauer einst als »Sklavenarbeiter« bedauert hatte, wunderte sich heuer auf der Grünen Woche zunächst über den riesig-pompösen Stand von Katar (»Halle 1.2a: Heimtiere, Katar«), in dem es nichts zu sehen gab außer einem Halbdutzend älterer Araber, die sich in Sesseln sitzend ernsthaft unterhielten. Für Russland hat die Frankfurter Zeitung anscheinend noch immer nichts übrig: Bei dieser »Ag rar-Supermacht« erwähnte sie bloß Marmelade und Bier. Daneben sind ihr aber auch einige besonders krasse »Fake News« aufgestoßen: So heißt eine brandneue Maschine, mit der fünf Ferkel auf einmal kastriert werden können, »Ferkelglück«, und auf einem neuen Rindertransporter steht ganz groß »Wir transportieren Tierschutz!« Die FAZ hat den Verdacht, dass »Fake News« ein altes Handwerk der Ernährungsbranche sind. Und in der Tat läuft alles darauf hinaus, dass z. B. die Jäger sich als Naturschützer verkaufen, die Bauern als Diversitätsschützer und das Militär gar als Landschaftsgestalter.


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