Aus: Ausgabe vom 29.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Grundsatzkonflikt

Metall-Tarifrunde vor Eskalation

Von Daniel Behruzi
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Erstmals will die IG Metall diese Woche das neu geschaffene Instrument der 24-Stunden-Warnstreiks einsetzen. In mehr als 250 Betrieben – entsprechende Mitgliedervoten vorausgesetzt – soll die Produktion einen Tag lang stillstehen. »Wenn einen Tag nichts produziert wird, tut das weh«, meinte Gewerkschaftschef Jörg Hofmann nach Abbruch der Verhandlungen am Samstag in Stuttgart. Er dürfte recht haben. Denn etliche Firmen sind bis zum Anschlag ausgelastet, kommen mit der Produktion kaum hinterher. Um so bemerkenswerter ist es, dass sich ihr Verband bei den 16stündigen Gesprächen am Freitag und Samstag nicht kompromissbereiter zeigte.

Die IG Metall jedenfalls war zu weitgehenden Zugeständnissen bereit. Die Unternehmen sollten die Verkürzung der Arbeitszeiten für einzelne Beschäftigte mit freiwilliger Arbeitszeitverlängerung für andere kompensieren können. Der Teillohnausgleich sollte von den Betroffenen weitgehend selbst bezahlt werden, durch einen Tausch von Urlaubsgeld gegen Arbeitszeit. Und eine lange Laufzeit von 27 Monaten hätte vor allem in der zweiten Stufe nur geringfügige Lohnsteigerungen bedeutet. Die IG Metall hat also keineswegs »alles unternommen, um eine Lösung zu verhindern«, wie Gesamtmetall-Chef Rainer Dulger behauptete. Vielmehr hat die Gewerkschaftsspitze auch dieses Mal – wie schon in den vergangenen 15 Jahren – alles darangesetzt, einen Streik zu vermeiden.

Dass der Konflikt nun dennoch eskaliert, führte Hofmann auf »ideologisch aufgepumpte Debatten« im Unternehmerlager zurück. Damit trifft er vermutlich den Kern. Es geht den Konzernen nicht allein darum, die Lohnkosten möglichst niedrig zu halten. Für sie ist speziell die geforderte Arbeitszeitverkürzung mit Teillohnausgleich ein rotes Tuch. Denn sie wollen in die entgegengesetzte Richtung: Die Arbeitszeiten sollen verlängert und weiter flexibilisiert werden, unter anderem durch die Aufweichung des Arbeitszeitgesetzes. Eine Verkürzung, die die Beschäftigten nicht vollständig selbst bezahlen, kommt da ungelegen.

Die IG-Metall-Spitze hat diese ideologischen Barrieren zu einem Tarifkompromiss wohl unterschätzt. Dennoch hält sie sich Hintertüren offen, um eine weitere Eskalation zu vermeiden. So hat sie die Verhandlungen explizit nicht für gescheitert erklärt. Signalisieren die Unternehmer Entgegenkommen, soll es einen weiteren Einigungsversuch geben. Andernfalls werde es eine Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik geben.

Dabei wäre es an der Zeit, dass Europas größte Industriegewerkschaft sich mal wieder einen Arbeitskampf zutraut. Eine ganze Generation von Beschäftigten und Funktionären hat nie mehr erlebt als stundenweise Warnstreiks. Das wird irgendwann zum Problem. Sicher: Es geht um Inhalte, um die Verbesserung der Arbeits- und Lebenssituation der Beschäftigten. Langfristig hängt diese aber vom Kräfteverhältnis zwischen Kapital und Arbeit ab – und damit auch und vor allem von der Fähigkeit der Lohnabhängigen, kollektiv für die eigenen Interessen einzustehen.


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