Aus: Ausgabe vom 29.01.2018, Seite 1 / Titel

Zeit wird’s

Seit 15 Jahren hat die IG Metall keinen ernsthaften Arbeitskampf mehr geführt. Das könnte sich jetzt ändern. Diese Woche gibt es 24-Stunden-Warnstreiks in 250 Betrieben

Von Daniel Behruzi
Warnstreiks_der_IG_M_56056878.jpg
Den Bossen läuft die Zeit davon: Ab Mittwoch will die IG Metall zu 24-stündigen Warnstreiks aufrufen

Der Tarifkonflikt für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie steht vor der Eskalation. Nach dem ergebnislosen Abbruch der Verhandlungen kündigte der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann am Samstag mittag in Stuttgart 24-Stunden-Warnstreiks an. In bundesweit mehr als 250 Betrieben soll zwischen Mittwoch und Freitag an einem Tag die Produktion stillstehen. Betroffen werden Betriebe aller Teilbranchen und Größen sein, wie der Verhandlungsführer der Gewerkschaft in Baden-Württemberg, Roman Zitzelsberger, erläuterte. Während der Aktionen soll ihm zufolge nicht verhandelt werden, unmittelbar danach aber schon, falls die Unternehmen »sichtbare Bewegung« zeigen.

Gewerkschaftschef Hofmann sagte am Samstag vor Pressevertretern, er sei »in hohem Maße enttäuscht« vom Verhalten der Unternehmerfunktionäre. »Wer den industriellen Frieden in diesem Land so gefährdet, handelt unverantwortlich.« Die IG Metall sei ihnen »sehr weit entgegengekommen, zum Beispiel bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten nach oben und unten«, betonte Hofmann. Die Gewerkschaft fordert, dass Beschäftigte ihre Wochenarbeitszeit von 35 auf bis zu 28 Stunden reduzieren können. Im Gegenzug hat sie bei den Verhandlungen offenbar zugestanden, den Anteil der Beschäftigten auszuweiten, die bis zu 40 Stunden arbeiten dürfen.

Strittig ist hingegen weiterhin, ob und in welcher Form es einen Teillohnausgleich für bestimmte Beschäftigtengruppen geben soll, die ihre Arbeitszeiten reduzieren – zum Beispiel Schichtarbeiter und Beschäftigte mit kleinen Kindern oder pflegebedürftigen Angehörigen. Zuletzt hatte die IG Metall angeboten, das Urlaubsgeld zu erhöhen und den Beschäftigten die Möglichkeit zu geben, dieses Geld in zusätzliche freie Tage umzuwandeln. Sie würden die Arbeitszeitverkürzung damit weitgehend selbst bezahlen. Die Firmen sollten lediglich »noch ein paar Tage oben draufsetzen«, wie Hofmann erläuterte. Das lehnten die Verhandlungsführer von Südwestmetall jedoch bis zum Schluss ab.

In dem von der IG Metall zuletzt vorgeschlagenen Modell wären auch Teilzeitkräfte einbezogen, was der Unternehmerverband mit Verweis auf die Kosten ebenfalls zurückwies. Dabei wäre der Kostenunterschied bei einem Teilzeitanteil in der Branche von sechs Prozent marginal gewesen, argumentierte Hofmann. Dass die Unternehmer nicht auf den Vorschlag eingingen, zeige: Ihre Behauptung, die Tarifforderung der Gewerkschaft diskriminiere Teilzeitkräfte und sei daher rechtswidrig, sei »nichts als Humbug«. Gesamtmetall hat angekündigt, am heutigen Montag Klage gegen die Streikaufrufe der IG Metall einzureichen. Er sehe dem »gelassen entgegen«, betonte Hofmann. Denn er gehe nicht davon aus, dass sich die Unternehmen blamieren oder weiter Öl ins Feuer gießen wollten. Einen inhaltlichen Konflikt vor den Gerichten auszutragen, »wäre ein Armutszeugnis«.

Anders als bei herkömmlichen Warnstreiks zahlt die IG Metall ihren Mitgliedern für die Teilnahme an den 24stündigen Arbeitsniederlegungen Streikgeld. Zuvor sollen die Metaller in den betroffenen Betrieben über die Aktion abstimmen. Bewegen sich die Konzerne auch danach nicht, will die Gewerkschaft in mehreren Regionen zu Urabstimmungen über einen Erzwingungsstreik aufrufen. Es wäre der erste seit dem anfang der 2000er Jahre verlorenen Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche im Osten. Mit den Tagesstreiks »zeigen wir, dass die IG Metall den ökonomischen Druck erhöhen kann«, warnte Hofmann. »Das ist die letzte Gelbphase vor der Rotphase eines Flächenstreiks.«


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Oliver Kriebel: Wenig Hoffnung auf Verdi Angesichts von Arbeitsdruck und Leistungsverdichtungen ist die Forderung der IG Metall nach einer Arbeitszeitverkürzung nur folgerichtig. Man würde sich wünschen, dass auch Verdi für die anstehende Ta...

Ähnliche:

  • Ultimatum der Metaller (27.01.2018) Bis Samstag mittag haben die Unternehmer Zeit. Gibt es bis dahin kein Ergebnis in der Tarifrunde, will die Gewerkschaft mit ausgeweiteten Streiks eines erzwingen
  • IG Metall ganz flexibel (17.01.2018) Arbeitszeiten verlängern? Geht doch schon, sagt Gewerkschaftschef Hofmann. Falls der Tarifkonflikt dennoch eskaliert, scheitert es nicht an der Streikkasse
  • Eine Woche Warnstreiks (13.01.2018) Mehr als 300.000 Industriearbeiter brachte IG Metall bereits auf die Straße. Für einen Durchbruch beim Thema Arbeitszeiten wird noch mehr nötig sein