Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Die größte Meuterei der Kriegsgeschichte

Der Journalist und Schriftsteller Bruno Frei schilderte 1930 in der Zeitung Berlin am Morgen den Matrosenaufstand von Cattaro im Februar 1918

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6.000 Matrosen auf 40 Schiffen der k. u. k. Kriegsmarine hissten am 1. Februar 1918 die rote Flagge

Am 1. Februar 1918 hissten 6.000 Matrosen auf 40 Kriegsschiffen der k. u. k. Kriegsmarine, die im Hafen von Cattaro (italienisch für Kotor in Montenegro, jW) verankert lagen, die rote Flagge. An allen Fronten donnerten die Geschütze. Die europäische Menschheit hatte den Tiefpunkt der Kriegsleiden erreicht. Das große Sterben hatte längst, von den Schützengräben kommend, das ganze Hinterland erfasst. Der Hunger zog durch die Städte. Ein wilder Wille der Abwehr regte sich in den Massen. Am 7. November 1917 funkte die Radiostation Moskau jenen Welten in Bewegung setzenden Aufruf des kriegsrevolutionären Komitees: »An alle!«, hinaus. Am 23. Dezember 1917 begannen in Brest-Litowsk die Verhandlungen zwischen den Generälen des preußischen und habsburgischen Imperialismus und den Delegierten der russischen Arbeiter und Bauern. Der preußische General (Max) Hoffmann (1869–1927, 1922 gemeinsam mit Industriellen Urheber des sogenannten Hoffmannplans zur militärischen Niederwerfung der Sowjetunion, jW) und der ungarisch-österreichische Außenminister (Ottokar) Graf Czernin (1872–1932, jW) schlugen der Friedenshoffnung von Hunderten Millionen ins Gesicht. Sie wollten nicht Frieden schließen, sie wollten fremde Länder rauben. Und dies in einem Augenblick, da in Österreich die Mehlquote von 1.400 Gramm die Woche auf 1.150 Gramm gekürzt werden musste. Der wahnwitzige Übermut der Machthaber ließ das Fass des Unmuts überlaufen. Am 16. Januar 1918 legten die Arbeiter der Wiener Neustädter Munitionsfabriken die Arbeit nieder. Innerhalb weniger Stunden hatte der Streik das ganze niederösterreichische Industriegebiet ergriffen. Es schien, als ob die Massen sich wie ihre russischen Brüder erheben und den Spuk davonjagen würden.

Die sozialdemokratische Partei stellte sich an die Spitze der Streiks, formulierte die Forderungen der Arbeiter in vier Punkten, in denen die Massenlosung: »Brot und Friede!«, nicht mehr enthalten war. (…)

Aber während in der Hauptstadt des Reichs der Streik niedergekämpft wurde, schwelte der Brand im ganzen Lande weiter. Am 20. streikten die Arbeiter in Graz. Wenige Tage später legten 15.000 Arbeiter der Schiffswerften in Triest die Arbeit nieder. Am 1. Februar sollten die Arsenalarbeiter in der Bocche di Cattaro (Bucht von Kotor, jW) den Streik proklamieren. Da geschah es, dass das Streikfeuer, das in den Wiener Betrieben bereits ausgebrannt war, am andern Ende der Monarchie plötzlich umschlug in den bewaffneten Aufstand der Matrosen von Cattaro.

Furchtbares Elend hatten die Matrosen auf den Schiffen zu leiden. Strenge Strafen, wenig Nahrung, schwerer Dienst, und all dies im Angesichte übermütig prassender Offiziere. (…) Der deutsch-böhmische Geschützmeister Franz Rasch wurde Mittelpunkt der Bewegung. Von Patrouille zu Patrouille ging die Losung: »Am 1. Februar 12 Uhr mittags …«

Während die Offiziere auf dem Admiralsschiff »St. Georg« beim Mittagessen saßen, intonierte die Kapelle die Marseillaise. Die rote Fahne wurde hochgezogen. Die Offiziere wurden verhaftet. Es kam auf dem Admiralsschiff zu einer Schießerei. Aber die Offiziere leisteten kaum Widerstand. Drei Tage dauerte die Meuterei. In diesen drei Tagen vollzog sich die Tragödie einer unvorbereiteten Aktion. Während die Matrosen in ihrem zentralen Matrosenrat über Forderungen berieten, sammelte die noch immer lebende, noch immer kräftige Monarchie ihre ganze Kraft, um die Matrosen, die gewagt hatten, den Ruf nach sofortigem Frieden zu erheben, niederzuschlagen. Aus Pola (Pula in Kroatien, jW) kam die dritte Division, und von den Bergen der Bocche gähnten die Schlünde der Festungsartillerie. Die rote Flotte, durch die Unentschlossenheit zu verhängnisvollem Zaudern gedrängt, war in der Mausefalle. Sie musste sich ergeben. Das Kriegsgericht ließ vier Rädelsführer, darunter Franz Rasch, standrechtlich erschießen. Hunderte wurden auf die Kasematten geschleppt und erblickten das Licht der Freiheit erst, als die Monarchie wenige Monate später denselben Ruf nach Frieden ausstieß, für den die Arbeiter und Matrosen im Januar und Februar 1918 vors Kriegsgericht gestellt worden sind.

Die Meuterei von Cattaro ist die größte der neueren Kriegsgeschichte. Sie ist eine Episode geblieben im Gegensatz zu der von Kronstadt (Flottenstützpunkt bei St. Petersburg, jW) und Kiel (im November 1918, jW). Die Kriegszensur hat bewirkt, dass die erste Nachricht, die über dieses Ereignis ausgegeben werden durfte, die Meldung von der Begnadigung der in den Gefängnissen schmachtenden 348 Matrosen war. Diese Begnadigung ist datiert vom 18. Oktober. Drei Tage später bekam die österreichisch-ungarische Monarchie den Gnadenstoß der Weltgeschichte. (…)

Bruno Frei (1897–1988): Die Matrosen von Cattaro. In: Berlin am Morgen, 8. November 1930. Hier zitiert nach Friedrich Wolf: Die Matrosen von Cattaro. Stücktext/Dokumente zur Wirkungsgeschichte. Herausgegeben von Klaus Hammer. Reclam-Verlag, Leipzig 1988, Seiten 88–90

Der Autor war seit 1929 im Auftrag des kommunistischen Verlegers Willi Münzenberg (1889–1940) Herausgeber der Tageszeitung Berlin am Morgen. Sein Artikel erschien am Tag der gleichzeitigen Uraufführung des Stücks von Friedrich Wolf »Die Matrosen von Cattaro« an der Berliner Volksbühne und in mehreren anderen deutschen Städten


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