• Wochenendgespräch

Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 1 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Verlieb dich in jemand anderes!«

Gespräch mit Feine Sahne Fischfilet. Über Nazis und Groupies, Jarmen und Jamel, über Hilfe für die Kurden und die Frage, wie wichtig Punk ist

Interview: Anne-Lydia Mühle
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Eine politische Punkrockband, die auf großen Festivals spielt: Feine Sahne Fischfilet

Mit dem neuen Album »Sturm und Dreck« sind Feine Sahne Fischfilet in den Medien sehr präsent. Wie viele Interviews hat die Band denn jetzt schon gegeben?

Jan »Monchi« Gorkow: (lacht) Heute oder in den vergangenen Wochen?

In den vergangenen Wochen …

Gorkow: Ich glaube, das waren so 50, 60 Interviews.

Wie viele Interviews waren es bei der letzten Platte, vor drei Jahren?

Gorkow: Auch schon viele, aber jetzt ist es noch mal einen Tacken mehr. Aber es ist schön. Vor allen Dingen haben wir es jetzt zum Glück so gemacht, dass nicht nur ich allein die Interviews gebe. Dadurch ist es jetzt nicht anstrengender als letztes Mal, sondern eher cooler, weil es noch einmal andere Perspektiven gibt.

Christoph Sell: Wir sind sechs Leute in der Band, und klar haben wir ganz viele Gemeinsamkeiten, die uns zusammenhalten, aber wir sind auch total unterschiedlich. Das macht es ja auch aus, so eine Vielfalt, die wir spannend finden. Wenn da Monchi nur immer alleine wäre, würde das die Band und ihre verschiedenen Facetten nicht komplett widerspiegeln.

Gorkow: Wir sind halt eine Band, ne. Seit anderthalb Jahren können wir von der Musik leben, und alle bekommen das gleiche. An so einem Album machen alle gleich viel. Christoph hat zum Beispiel die Melodien geschrieben. Ich kann keine Melodien schreiben, aber Christoph hat viele musikalische Ideen, die ich gar nicht einbringen könnte. Das würde gar nicht ohne einander funktionieren.

Sie haben mal gesagt, eine Band ist, wie eine Beziehung zu haben.

Gorkow: Das haben jetzt schon ein paar Leute angesprochen. Ich weiß gar nicht mehr, in welchem Interview ich das gesagt hatte. Das war einfach nur, weil da jemand meinte, er stelle sich das so vor, dass immer alles nur geil ist. Und dann habe ich gesagt: Das ist mega geil, was wir gerade erleben dürfen, es ist mega geil, diese Band zu haben. Aber wenn du so viel gemeinsam unterwegs bist, dann gehst du dir auch mal auf den Sack. Das wäre ja großer Quatsch, da was anderes zu erzählen. Manchmal erträgt man den anderen nicht. Das ist wie in einer Beziehung, man ist verliebt, und das ist schön so, und manchmal sagt man aber auch, ich kann deine Marotten nicht mehr ertragen. Und das ist auch ganz normal. Es gibt keine anderen Menschen, mit denen ich in den letzten zehn Jahren so viel Zeit verbracht habe wie mit den fünf anderen aus der Band.

Was raten Sie Mädchen oder Jungs, die sich in Sie verliebt haben?

Sell: (lacht) Nix.

Gorkow: Sich in andere Menschen verlieben. Wir sind nicht besser und nicht schlechter als irgendwelche anderen Leute. Manchmal sind wir auch Idioten, manchmal sind wir cool. Aber wir sind definitiv keine Helden. Wenn Leute sich in Menschen, die sie nur von außen kennen, ernsthaft verlieben, dann wünsche ich ihnen, dass sie in der Realität tolle Leute kennenlernen.

Haben Sie denn Groupies ?

Gorkow: Wir haben Menschen, die uns hinterherfahren, die zu sehr, sehr vielen Konzerten fahren. Das ist toll. Diese Groupiefrage wird dann immer im Bandkontext gestellt. Klar gibt es irgendwie Leute, die auf uns abfahren oder dann irgendwas in uns reinprojizieren, aber das ist nun nicht so, dass keiner von uns auf die Straße gehen kann, und uns die Klamotten vom Leib gerissen werden, sondern man ist immer noch man selbst und kann das machen, worauf man Bock hat. Klar, man steht in der Öffentlichkeit und wird auch beurteilt. Dann finden Leute einen scheiße, und dann finden Leute einen cool, und das ist auch o. k. Ab dem Punkt, wo Leute total nerdig werden würden oder sich auf einen so krass fixieren, ab dann wird es komisch, und ab dann ist es scheiße.

Haben Sie mehr männliche oder mehr weibliche Fans?

Sell: Das ist gar nicht so einfach zu betrachten. Auf vielen Punk- und Rockkonzerten gibt es einen Männerüberschuss. Das ist aber eine gesellschaftliche Zustandsbeschreibung. Doch wir haben schon ein sehr gemischtes und buntes Publikum. Es kommen auch viele Frauen auf unsere Konzerte, was ich auch total wichtig finde. Ich denke, dass wir so ein gemischtes Publikum haben, weil es viele verschiedene Aspekte gibt in der Band und das für die Leute auch sichtbar ist. Da hast du z. B. die Azubis neben den Kunststudenten und -studentinnen. Sehr gemischt, von alten Leuten zu jungen Leuten. Diese Mischung im Publikum finde ich sehr schön und die erzeugt auch eine super Stimmung.

Monchi, Sie kommen aus Jarmen, einer Kleinstadt in Vorpommern. Dort hat Ihre Tante eine Bäckerei, in der haben Sie Kids mit »Kein Bock auf Nazis«-T-Shirts gesehen.

Gorkow: Wir haben in den letzten zwei Jahren mit ganz vielen Leuten aus der Region ein eigenes Dorffest veranstaltet, das »Wasted in Jarmen«-Festival. Und das ist ein Festival, wo wir ganz klar gesagt haben: Da kommen keine Nazis rauf. Aber wir haben auch keinen Bock, in irgendeiner Blase zu existieren. Und am Montag danach war ich in dieser Bäckerei, und da standen Kids vor mir mit einem Feine-Sahne-Fischfilet-Shirt und einem Kein-Bock-auf-Nazis-Shirt. Das war toll.

In der Gegend, in Jamel, gibt es auch das »Rockt den Förster«-Festival. Es richtet sich gegen die Neonazis, die Jamel quasi als ein »national befreites Dorf«, ausgerufen haben. Ist das normal für Meck-Pomm?

Gorkow: Klar gibt es schon Regionen, wo die Nazis sich sehr festgesetzt und ihre Parallelwelten aufgebaut haben, aber man sollte den Fokus mehr auf die coolen Leute legen. Das ist immer so eine erhabene Haltung von außen: Oh, wir gucken uns jetzt mal Mecklenburg-Vorpommern an, wie so einen Zoo oder so. Mensch, da sind die bösen Nazis. Es gibt eine ganze Menge Wichser. 21 Prozent haben die AfD gewählt, aber auch mit diesem Album »Sturm und Dreck« geht es uns vor allem darum, auf die geilen Leute zu fokussieren, die sich noch nicht diesem Rechtsruck hingeben. Davon gibt es auch sehr, sehr viele Leute in Mecklenburg-Vorpommern, die wir hart feiern.

In dem Bundesland wohnt noch ein großer Teil der Bandmitglieder von Feine Sahne Fischfilet. Ich finde, das ist gut für die Gegend.

Gorkow: Wenn Sie das so sehen, ist das ein tolles Kompliment, und wenn das Leute von vor Ort vielleicht sogar sagen, ist es noch schöner. Aber wir sind da geboren, unsere Familien leben dort, das ist unsere Hood. Da versuchen wir, das meiste zu reißen. Aber wir finden es genauso geil, wie letzten Sommer in Sachsen-Anhalt, gemeinsamen gegen Nazis in Burg zu spielen oder wenn in irgendwelchen anderen Provinzen oder Bundesländern Leute genauso etwas machen. Es gibt richtig viele coole Leute draußen, und wenn wir denen mit so einem Album Kraft geben, dann ist das etwas sehr Schönes.

Sell: Wir sind nicht alle in Mecklenburg-Vorpommern geboren, wir sind da aber alle aufgewachsen. Ich bin zum Beispiel in Dresden geboren.

Ich habe gelesen, dass Ihnen Lieder von früher heute peinlich seien. Stimmt das?

Gorkow: Peinlich im Sinne von: Jetzt lacht man da vielleicht auch mal drüber. Peinlich im Sinne von: Menschen entwickeln sich immer weiter. Wenn wir auf dem Stand von 18 stehengeblieben wären, wäre es ziemlich traurig. Wir haben Lieder über Sternburg-Bier gesungen, die Texte würde man jetzt vielleicht so nicht noch mal schreiben. Aber das ist trotzdem ein Teil unserer Geschichte, und das ist auch o. k.

Sell: Ich war beim ersten Album noch nicht dabei, aber schon mit Monchi und den anderen befreundet. Beim zweiten Album »Wut im Bauch – Trauer im Herzen« (2010 , jW) habe ich mitgespielt. Da haben wir Lieder, die ich inhaltlich total super finde, die ich aber jetzt vielleicht anders schreiben würde. So ein Album ist auch immer eine Bestandsaufnahme.

Welche Lieder meinen Sie?

Sell: Ich kann da keinen genauen Song sagen, es geht mehr darum, wie man an bestimmte Zeilen herangeht. Wir hatten als Band zu der Zeit von »Wut im Bauch – Trauer im Herzen« so eine »120 Prozent«-Einstellung und haben uns relativ krass in alle linksradikalen Themen reingedacht, was für uns und unsere politische Sozialisation total wichtig war, denn sonst hätten wir nicht die schöne Mischung, die wir gerade haben. Aber über die Jahre verändert man sich auch und setzt sich gewisse Themenschwerpunkte. Das heißt nicht, dass man die anderen Themen außer acht lässt – überhaupt nicht – aber man lernt dazu und ändert seine Art, Texte zu schreiben. Beim ersten Album, also »Backstage mit Freunden«, wo ich ja noch nicht dabei war, gab es dann auch Texte, wie der Refrain von »So sind wir«, der innerhalb der Band und mit dem Freundeskreis viel diskutiert wurde. Ursprünglich war das ein Text, der ein bisschen bescheuert und sexistisch war. Die Band hatte da keinen Bock mehr drauf, wollte das verändern. Sie hat den Text dann verändert und einen witzigen und bekloppten Drogenrefrain daraus gemacht. So ist es auch auf der Platte zu hören. Debatten und Diskussionen sind halt bereichernd und für uns als Band immens wichtig, um immer weiter voranzukommen. Das ist auch auf jedem Album schön zu erkennen, textlich, politisch und natürlich musikalisch.

Beim neuen Album »Sturm und Dreck« merkt man vor allem eine musikalische Weiterentwicklung. Die Tour heißt: »Alles auf Rausch«. Wie ist Ihre Einstellung zu Drogen?

Gorkow: Offen für alles. Oder offen für vieles.

Sell: Das ist selbstverständlich auch ein großes Thema für die Band. Feiern, Hedonismus und das Leben auch schön zu finden und zu genießen. Aber es gibt da natürlich auch Grenzen. Heroin oder weiteres ist jetzt nicht so angesagt bei uns (lacht).

1976 war die Geburtsstunde des Punk. Was bedeutet Punk heute für Sie? Ist Punk politisch? Oder bedeutet Punk, nicht regelmäßig duschen und Drogen zu nehmen?

Sell: Wir wollen diese Schubladen aufbrechen. Monchi sagt ganz oft, dass es ihm völlig wurscht war, ob er jetzt Punkrock machte oder Techno oder sonst was. Kai Irrgang, unser Bassist, hat ihn damals gefragt: »Willst du bei uns in der Band singen?« Und er so: »Ja, auf jeden Fall. Ich will mit Freunden eine geile Zeit haben, ich will Musik machen und Spaß haben.« Das war ganz wichtig. Wir haben alle sehr viel Punkrock gehört. Deswegen sind wir eine Punkrockband, und die politische Message ist uns dabei sehr wichtig. Wir hatten schon immer Stress mit Nazis aufm Dorf, weil wir keinen Bock auf irgendwelche rechte Pisse hatten und uns positioniert haben gegen Nazis. Antifaschismus ist seit jeher unser wichtigster politischer Schwerpunkt. Aber musikalisch legen wir uns jetzt nicht besonders fest. Wir hören alle verschiedene Musik und wollen auch immer viel anderes einfließen lassen. Punkrock ist aber unsere Jugendmusik, die uns sehr geprägt hat, und deswegen machen wir zusammen auch Punkrock.

Gorkow: Punk ist mir wirklich egal. Und es ist mir auch völlig egal, ob sich jemand duscht oder nicht. Manchmal finde ich Leute viel anstrengender, die gefühlt andauernd duschen und schön und schick gestriegelt sind. Vielleicht sind sie viel ekliger und unauthentischer als Menschen, die sich nicht die ganze Zeit um Hygiene kümmern?

Ich würde aber sagen: Die linke Szene hat aus so einer Blase herauszukommen. Aus ihren kleinen Luxuswelten, aus ihren kleinen, süßen Freiräumen, das können sie alles haben, gesellschaftlich gesehen ist das aber völlig irrelevant. Das kann man als Krafttankstelle nehmen, aber wenn man da nur backen bleibt, dann finde ich das sehr komisch. Schlussendlich kommt es darauf an, ob jemand ein geiler Mensch ist, und wir wollen in die Gesellschaft hineinwirken. Nur so können wir politisch wirksam sein.

Sell: Dass wir auch Punk machen, liegt an der grundlegenden Attitüde dieser Musik, dass Punk Ende der 70er aus einer Wut, aus einer Rebellion gegen das Establishment heraus entstanden ist. Wir sind alle mit Punkrock aufgewachsen, sind als Jugendliche schon links gewesen. Diese Wut und diese Musik, das ist ein Lebensgefühl für mich. Und das kann ich mit anderen Musikrichtungen in dieser Art und Weise nicht ausdrücken. Das ist ein Lebensgefühl, das mich immer begleiten wird.

Ich finde auch, Punk ist Wut und nicht: Ich lass mich gehen.

Sell: Wir wollen auch die Mitte der Gesellschaft erreichen, deswegen spielen wir auch gerne auf großen Festivals, auch weil wir dort viele Leute erreichen. Wir wollen nicht immer nur im eigenem Saft schmoren. Wir wollen Debatten anstoßen und gesellschaftliche Missstände anprangern und natürlich auch provozieren.

Monchi, Sie haben Hilfsgüter nach Suruc, an die türkisch-syrische Grenze gebracht. Gegenüber liegt Kobani, das kurdische Gebiet in Syrien.

Gorkow: Zu Suruc sage ich alles in dem Lied. Ich verarbeite da, wie es sich anfühlt, am Samstag auf einem großen Festival von 15.000 Leuten zu spielen und zwei Tage später in der Nähe eines Selbstmordattentates zu sein und zwischen 31 Leichen zu stehen und vier Tage später wieder abzuhauen und wieder Konzerte zu spielen. Es ist krass, innerhalb von sieben Tagen solche Extreme zu erleben. Ich möchte die Scham ausdrücken, dass ich wieder nach Hause komme und es geht mir hier wieder gut.

Dort unten sind aber Leute, die sich dem IS auf unterschiedlichste Art und Weise in den Weg stellen. Auch mit der Waffe in der Hand, was ich richtig finde. Weil man diesen Faschisten keine Rosen auf den Weg streuen darf. Und sie werden bestimmt nicht durch Plenen oder Reden bekämpft. Mit so einem Lied möchte ich den Menschen meinen größten Respekt zollen.

Auf dem neuen Album gibt es auch das Lied »Angst frisst Seele auf«.

Gorkow: Das Lied mit Katharina König-Preuß, die in Thüringen im NSU- Untersuchungsausschuss sitzt. Sie ist eine gute Freundin von uns, die den Nazis sehr auf den Sack geht. Eine Naziband namens Erschießungskommando hat ein Lied über sie geschrieben, in dem es darum geht, wie sie ermordet wird. Und wenn du so ein Lied über eine sehr gute Freundin hörst, dann weißt du erst mal nicht damit umzugehen. Aber es ist gut, darüber ein Lied zu schreiben und zu sagen: Hier, wir haben was für dich. Vielleicht gibt es dir ja Kraft. Und eine positive Antwort darauf.

Man kann es kaum glauben, aber für den Verfassungsschutz waren Sie Mecklenburg Vorpommerns gefährlichste Band.

Gorkow: Ich glaube, der Verfassungsschutz ist eine Behörde, die abgeschafft gehört. Diese Behörde hat Nazistrukturen aufgebaut. Das mit dem NSU ist kein Einzelfall, das ist da Alltag. Und wenn die einen dann scheiße finden, dann ist das auch nicht so schlimm.

Feine Sahne Fischfilet … ist eine Punkband aus Mecklenburg-Vorpommern, die gerade ihr fünftes Album »Sturm und Dreck« veröffentlicht hat. Jan »Monchi« ­Gorkow ist Leadsänger und Christoph Sell Gitarrist.

Feine Sahne Fischfilet: »Sturm und Dreck« ­(Audiolith/Broken Silence)


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