Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 15 / Geschichte

Geist geistloser Zustände

1918 trennten die Bolschewiki Staat und Kirche in Russland

Von Reinhard Lauterbach
95597076.jpg
Nicht zimperlich. Rotarmisten entrümpeln eine othodoxe Kirche (undatierte Aufnahme)

Die Allianz von Staat und Kirche, die die Bolschewiki mit ihrem Dekret vom 2. Februar 1918 aufkündigten, war enger als das »Bündnis von Thron und Altar«, wie es zum Beispiel in Preußen herrschte. Denn ihr fehlte als Korrektiv die vom Protestantismus ebenfalls proklamierte individuelle Gewissensfreiheit.

Die Christianisierung der alten Rus durch die Taufe ihres Herrschers Wladimir im Jahre 987 war zunächst einmal eine recht pragmatische Sache. Das Christentum war die herrschende Religion des entstehenden Feudalismus in Europa; es war für einen ebenfalls gerade erst entstehenden Staat wie die Rus nicht ratsam, sich dieser Religion zu entziehen. Blutige »Missionskriege« im Zentrum des Kontinents – etwa die völkermordähnlichen Feldzüge Karls des »Großen« gegen die »heidnischen« Sachsen – machten deutlich, was der Preis der Nichtunterwerfung unter den Trendgott der Zeit sein würde.

»Drittes Rom«

Die entscheidende christliche Großmacht im Osten Europas war Ende des 10. Jahrhunderts Byzanz. Durch die Heirat mit einer byzantinischen Prinzessin, wie sie Wladimir nach der Übernahme des neuen Glaubens genehmigt wurde, fand der Herrscher des ansonsten durch nichts ausgewiesenen Staats am mittleren Dnjepr Aufnahme in die Gemeinschaft der »legitimen« europäischen Monarchen. Die Legende dazu ist freilich hübsch: Wladimir, so heißt es, habe sich noch als Heide Vertreter der großen Buchreligionen zum Vortrag bestellt: einen Rabbiner, einen Mufti und einen christlichen Priester. Der Rabbiner konnte wegen der Fixierung des Judentums auf ein anderes erwähltes Volk dem Ostslawen Wladimir kein Angebot machen, an dem des Muftis war Wladimir wegen des islamischen Alkoholverbots nicht interessiert. Blieb das Christentum, das – zumal in seinem byzantinischen Ritus – tatsächlich einiges fürs Auge bietet, ohne dass man viel davon zu verstehen braucht, was der Geistliche da mit dem Rücken zum Publikum vor der Ikonenwand veranstaltet. Es reicht, drei Stunden im Stehen zu verbringen, brennende Kerzen zwischen Mittel- und Ringfinger zu klemmen, sich von Zeit zu Zeit – anders als im Katholizismus erst senkrecht von unten nach oben und dann waagerecht von rechts nach links – zu bekreuzigen und »Gospodi, pomiluj« (Herr, erbarme dich) zu murmeln.

Tatsächlich erbarmte der Herr sich nicht. Byzanz fiel nach jahrhundertelangem politischem Siechtum 1453 dem Ansturm der Osmanen zum Opfer. Damit war das orthodoxe Christentum ohne offiziellen weltlichen Schutzherren. Im fernen Nordosten war unterdessen das Großfürstentum Moskau, das sich byzantinisch bekreuzigte, zu einer respektablen Regionalmacht herangewachsen, und die proklamierte nun 1584 den Anspruch geistig-religiöser Führerschaft im orthodoxen Glaubensbereich: Moskau sei das »Dritte Rom« nach dem 476 gefallenen ersten und dem 1453 untergegangenen zweiten. Die Zaren legitimierten ihre Macht unmittelbar mit dem orthodoxen Christentum, und der Klerus fand sein komfortables Auskommen darin, die Macht der Zaren im buchstäblichen Sinn zu beweihräuchern. Seine Mitglieder waren über Jahrhunderte praktisch die einzigen im Lande, die lesen und schreiben konnten. Um daraus erwachsende Ansprüche zu dämpfen, setzte die politische Macht gelegentlich symbolisch ihren Anspruch auf Vorrang durch. So bei der Kirchenreform Ende des 17. Jahrhunderts. Seitdem war offizielle Ansage, dass man sich mit drei und nicht mit zwei Fingern zu bekreuzigen habe; eine Minderheit, der das nicht einleuchtete, wurde als sogenannte »Altgläubige« in die Randgebiete des Imperiums abgedrängt, weshalb man ihre Klöster noch heute sowohl in Litauen als auch in Sibirien findet.

Die Sezession der Altgläubigen war das letzte intellektuelle Ereignis in der Geschichte der russischen Orthodoxie. Westeuropäische Trends wie Reformation und Aufklärung gingen an der osteuropäischen Variante des Christentums vorbei. Es gab keinen Luther, der die Gewissensfreiheit des Individuums gegenüber der Hierarchie und den unmittelbaren Zugang des Gläubigen zu Gott – der die Kirche letztlich überflüssig macht – propagiert hätte; es gab keine sich auf die kasuistische Klugheit der Scholastik stützenden Jesuiten, mit denen man in Auseinandersetzungen das Argumentieren hätte lernen können, und es gab keinen Hegel, der als rebellischer junger Theologe den Satz schrieb, wenn man annehme, dass der Mensch das Kind Gottes sei, dann müsse man auch annehmen, dass Gott keine dummen Kinder haben wolle. Die Orthodoxie, wie sie die Bolschewiki vorfanden, war ein Sumpf von Aberglauben und Unbildung.

Euer Gott taugt nichts

Ihr Kampf gegen diesen Sumpf war an der Oberfläche brachial: Tausende von Priestern wurden erschossen oder verbannt, Kirchen eingerissen oder als Kornspeicher genutzt, Glocken als Altmetall eingeschmolzen. Mit einer Kritik der Religion als »Seufzer der bedrängten Kreatur«, »Geist geistloser Zustände« (Marx) war das nicht zu verwechseln. Denn die hätte fragen müssen, warum es auch im Sowjetstaat noch religiöse Bedürfnisse gab. War dieser am Ende genauso »geistlos« im Marxschen Sinne, entfremdet, dass er eine Religion brauchte? Das hätte peinlich werden können, und deshalb integrierte Stalin, ehemaliger Zögling eines Priesterseminars, christliches Brauchtum in den sowjetischen Alltag. Etwa durch den Bau des Lenin-Mausoleums und die Zurschaustellung von Lenins Leichnam nach Art einer Reliquie. Spätestens als im Zweiten Weltkrieg die Mitarbeit auch der vom Sozialismus nicht überzeugten Sowjetbürger benötigt wurde, bekam die russische Kirche ihre zweite Chance. Als patriotische Instanz verdoppelte sie die offizielle Propaganda. Was von ihr die erste Phase der Repression überdauert hatte, wurde fortan geduldet, mit einer erheblichen Anzahl von inoffiziellen Mitarbeitern des KGB in den Reihen der Priesterschaft.

Es ist ein Gemeinplatz der Bürgerpresse, die Renaissance der Orthodoxie im nachsowjetischen Russland einem »ideologischen Vakuum« zuzuschreiben, welches nach 1991 die spirituellen Bedürfnisse der Russen aufgesogen habe. Die Wahrheit dürfte sein, dass ein zu Großmachtpatriotismus geronnenes Bekenntnis zum Sozialismus in dem Moment, in dem der Sozialismus keine Großmacht mehr konstitutierte, eine solche Wende erlebte wie das Bewusstsein der vorchristlichen Heiden, nachdem Bonifatius und andere ihre heiligen Eichen gefällt hatten: Seht ihr wohl, euer Gott taugt nichts. Heute wird in Russland kein Autohaus mehr eröffnet, ohne dass ein Pope den Weihwasserkessel schwenkt. Aktuell fordert die orthodoxe Kirche allen Ernstes, wieder vom gleichzeitig mit dem Dekret über die Trennung von Kirche und Staat eingeführten Gregorianischen Kalender zum Julianischen zurückzukehren. Argument: Die Kalenderreform des Jahres 1582 sei ein katholischer Anschlag auf die Rechtgläubigkeit gewesen. Käme sie damit durch, wäre es ein Rückschritt um mehr als die 14 Tage, die die beiden Zeitrechnungen unterscheiden.

Dekret über Gewissensfreiheit, kirchliche und religiöse Vereinigungen, 2. Februar 1918 (Auszüge)

1. Die Kirche wird vom Staat getrennt.

2. In den Grenzen der Republik ist es untersagt, irgendwelche lokalen Gesetze oder Verordnungen zu erlassen, die die Freiheit des Gewissens beeinträchtigen oder begrenzen könnten oder irgendwelche Bevorzugungen oder Privilegien enthalten, die auf der Zugehörigkeit der Staatsbürger zu einer bestimmten Religion beruhen. (…)

5. Die freie Ausübung religiöser Riten wird insoweit gestattet, als sie nicht die öffentliche Ordnung stört und nicht von Eingriffen in die Rechte der Staatsbürger der sowjetischen Republik begleitet wird. (…)

9. Die Schule wird von der Kirche getrennt. Die Unterrichtung religiöser Glaubenslehren ist in allen staatlichen und öffentlichen Schulen, aber auch in privaten Lehranstalten, in denen auch allgemeinbildende Gegenstände unterrichtet werden, nicht gestattet. (…)

10. Alle kirchlichen und religiösen Gemeinschaften unterliegen den allgemeinen Bestimmungen über Privatgesellschaften und -verbände und erhalten keinerlei Vorrechte und Hilfsgelder (…)

11. Zwangseintreibungen von Abgaben und Gebühren zugunsten von Kirchen- und Religionsgemeinschaften werden ebenso wie Zwangsmaßnahmen und Strafen von seiten dieser Gemeinschaften gegenüber ihren Mitgliedern nicht gestattet.

12. Keine Kirchen- und Religionsgemeinschaft hat das Recht, über Eigentum zu verfügen. Sie besitzen nicht das Recht einer juristischen Person.

13. Alles Vermögen der in Russland existierenden Kirchen- und Religionsgemeinschaften wird zu Volkseigentum erklärt.

Übersetzung hier nach Altrichter, H., Haumann, H. (Hg.): Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod, Bd. 2: Wirtschaft und Gesellschaft, München 1987, S. 49–51


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

  • Der Raubfrieden (11.12.2017) In Brest-Litowsk zwang das Deutsche Reich der Sowjetregierung 1918 einen äußerst nachteiligen Friedensvertrag auf. Die revolutionäre Staatsmacht unter der Führung Lenins musste große Gebietsverluste hinnehmen – verschaffte sich so aber eine Atempause
  • Sprung ins Ungewisse (07.11.2017) Vor hundert Jahren eroberten die Bolschewiki in Russland die politische Macht. Entgegen ihren Erwartungen blieben sie mit der Oktoberrevolution auf dem ­europäischen Kontinent allein
  • Es lebe die Revolution! (04.11.2017) Am 7. November 1917 begann der Aufstand der Bolschewiki in Petrograd. Lenin verfasste die ersten Dokumente der Sowjetmacht

Regio: