Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 5 / Inland

Er will es wissen

Hans Modrow hat die BRD auf Herausgabe der Akten über seine Person verklagt. Am 27. Januar feiert er seinen 90. Geburtstag

Von Frank Schumann
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»Die sagen, sie hätten nichts«: Der letzte DDR-Ministerpräsident Hans Modrow forschte bei BND und Verfassungsschutz nach Geheimdienstunterlagen (Oktober 2017)

Einst in den 80er Jahren. Das SED-Politbüro fuhr Volvo und die ersten Bezirkssekretäre Citroën. In Dresden fand ein Jugendfestival mit Pionieren und FDJlern statt. Ein Moment blieb mir besonders im Gedächtnis haften. Die Junge Welt-Redaktion hatte mich an die Elbe geschickt, um von einem Freundschaftsmeeting zu berichten. Das fand auf einem Platz statt, an dessen Rand das Gebäude mit dem Organisationszentrum stand. Ich schaute vom Balkon. Der Platz war bereits gefüllt, es sollte bald losgehen. Zur Rechten verlief eine Straße, auf der eine dunkle französische Limousine heranrollte und stoppte, ein Mann sprang heraus. Von links schob sich zur selben Zeit hupend ein dunkelblaues Auto mit kantigem schwedischen Heck durch die gedrängt stehende Menge bis vors Portal.

Schulterklopfen

Auch ihm entstieg ein Mann und eilte ins Haus. Der andere bahnte sich statt dessen seinen Weg durch die Massen. Er musste immer wieder Hände schütteln, blieb stehen, wechselte ein paar Worte, Jugendliche klopften ihm lachend auf die Schultern. Hans Modrow traf so mit reichlich Verspätung bei uns ein, wofür ihn der Berliner Genosse vernehmlich tadelte. Eine exemplarische Begebenheit.

Im Mai vergangenen Jahres fuhr ich mit eben jenem Hans Modrow nach Pulsnitz in Sachsen, seiner früheren Wirkungsstätte. In der Pfefferkuchenstadt hatte es zu DDR-Zeiten den Lehrberuf »Pfefferküchler« gegeben, welcher in der »neuen Zeit« sofort abgeschafft wurde, weil es den im Westen nicht gab. Inzwischen hat man ihn wieder zugelassen, zulassen müssen. Modrow fuhr durch die landschaftliche Idylle zu Paul Bormann. Er wollte ihn nach Jahren wieder einmal umarmen und sprechen, ihre letzte Begegnung davor hatte in den 90er Jahren konspirativ in einem Wald bei Moritzburg stattgefunden – das Treffen des Bundestagsabgeordneten Modrow mit Bormann musste nicht unbedingt publik werden. Der Ex-MfS-Oberst war – bis er wegen seiner Nähe zu den Russen von den eigenen Leuten in die Wüste geschickt wurde – Vizechef der Dresdner Bezirksverwaltung (BV) gewesen. Modrow nahm ihn danach in der SED-Bezirksleitung auf, wo Paul Bormann ehrenamtlich für die Traditionsarbeit tätig wurde. Das alles hatte die Kontrollgruppe der BV heimlich dokumentiert und archiviert, auch Fotos vom Leiter der KGB-Residentur Lasar Matwejew gab es, wie dieser ins Haus der SED-Bezirksleitung trat, um Modrow zu sprechen.

»Paul«, sagte Modrow, »ich wurde, wie mich der Bundesinnenminister informiert hat, von 1956 bis 2012 von BND und Verfassungsschutz ausgespäht. Die sagen, sie hätten nichts. Nun dachte ich, dass vielleicht unsere Spionageabwehr von deren Aktivitäten etwas mitbekommen haben müsste. Doch die BStU hat nur belangloses Zeug, meine MfS-Akte ist weg.«

»Nun«, sagte Paul, »die ist in Moskau.« Sein Nachfolger im Amte, Winfried Linke, inzwischen verstorben, habe drei Akten unterm Pullover über die Bautzner Straße getragen, als die Bürgerbewegten die Dienststelle im Herbst ’89 besetzten. Jenseits der Straße befand sich die Dienststelle des sowjetischen Nachrichtendienstes.

»Welche drei Akten?«

»Deine, meine und die von Lasar Matwejew.«

»Auch den?«

Wenig später sei »Wladimir« wütend zu ihm gekommen – »die Freunde hießen alle Wladimir, nur Wladimir Wladimirowitsch (Putin, jW) hieß wirklich so« –, weil sie auf diese Weise erfahren hatten, dass selbst der Dienststellenleiter des KGB vom MfS observiert worden war. Das gehe nun wirklich zu weit! Bormann beruhigte »Wladimir«, er solle die Backen nicht so aufblasen: Auch die Freunde hätten sich nicht gerade mit Ruhm bekleckert: Als er, der junge Volkspolizist, im Juni 1952 ins »Organ« eintreten wollte, haben ihn die Jungs aus Moskau ein Jahr lang auf die Nudel geschoben, weil seine Mutter eine geborene »von Wolffersdorf« war und Bormann darum als verkappter Rittergutsbesitzer galt. Das habe ihm mal Putin verraten, der wiederum Bormanns KGB-Akte kannte.

Zweierlei Maß

Hans Modrow, der am heutigen Samstag 90 Jahre alt wird, forscht seit Jahren nach den Akten, die diverse Geheimdienste über ihn anlegten. Dabei treibt ihn weniger die persönliche Neugier als vielmehr die Tatsache, dass es offenkundig zweierlei Recht und zweierlei Maß in Deutschland gibt. Der DDR-Geheimdienst wurde nach allen Regel der Kunst ausgeweidet, es gibt eine Bundesbehörde, die mit über 100 Millionen im Jahr ausgehalten wird – aber die Akten der BRD-Geheimdienste, die bei West- und bei Ostdeutschen spitzelten, sind tabu. Modrow, das wurde aus den wenigen bislang ihm überlassenen und geschwärzten Blättern publik, wurde in den 50er Jahren als »uneingeweihte Unterquelle« vom BND geführt. Auch darin also waren sich die Dienste ähnlich. Wenn man ehrlich die deutsch-deutsche Geschichte »aufarbeiten« wolle, dann muss auch darüber geredet werden, sagt Modrow. Es müsse Schluss sein mit diesen einseitigen Schuldzuweisungen: Für alles Schlimme in der deutschen Geschichte seien die DDR und die Kommunisten verantwortlich, hingegen trage die BRD eine reine Weste, und die Pharisäer dürften unwidersprochen dummes Zeug behaupten.

Hans Modrow hat die Bundesrepublik Deutschland auf Herausgabe seiner Akten verklagt, am 28. Februar findet das Verfahren vorm Bundesverwaltungsgericht in Leipzig statt.


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