Aus: Ausgabe vom 27.01.2018, Seite 1 / Titel

Ultimatum der Metaller

Bis Samstag mittag haben die Unternehmer Zeit. Gibt es bis dahin kein Ergebnis in der Tarifrunde, will die Gewerkschaft mit ausgeweiteten Streiks eines erzwingen

Von Daniel Behruzi
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Die Arbeiter fordern mehr Lohn und eine größere Selbstbestimmung bei den Arbeitszeiten (Hamburg, 24. Januar)

In Stuttgart dürfte es eine lange Nacht werden. Am Freitag abend wollten Gewerkschaft und Unternehmer einen vorläufig letzten Einigungsversuch im Tarifkonflikt für die rund 3,9 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektronindustrie unternehmen. »Steht morgen mittag keine Lösung, ist der Vorstand vorbereitet, unmittelbar die Ausweitung der Arbeitsauseinandersetzung zu beschließen«, erklärte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann am Freitag vor Pressevertretern in Frankfurt am Main. Das könne neben bundesweiten 24-Stunden-Warnstreiks auch die sofortige Einleitung einer Urabstimmung über einen Erzwingungsstreik in einzelnen Tarifgebieten bedeuten.

Kompromiss oder Eskalation – das sind also die Alternativen, die ab Freitag abend (nach Redaktionsschluss) in der Stuttgarter Liederhalle zur Wahl stehen. Am Mittag gab sich Hofmann skeptisch: »Die Unterschiede in den Positionen sind in den letzten zwei Tagen nicht kleiner, sondern größer geworden.« Am Mittwoch abend war die vierte Verhandlungsrunde im Pilotbezirk Baden-Württemberg ergebnislos abgebrochen worden. Zuvor hatte eine Expertenkommission 75 Stunden lang getagt, um diese vermeintlich entscheidende Sitzung vorzubereiten.

Worin genau die unterschiedlichen Positionen bestehen, wollte Hofmann nicht sagen. Er erklärte lediglich, die IG Metall habe ihre Ansprüche klar benannt: Neben sechs Prozent mehr Geld seien das mehr Selbstbestimmung bei den Arbeitszeiten in Form eines individuellen Anspruchs auf Arbeitszeitverkürzung sowie ein Zuschuss für bestimmte Beschäftigtengruppen, die von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. »Daran machen wir keine Abstriche, wir wollen in allen drei Komponenten zufriedenstellende Lösungen.«

Statt einer Verkürzung der Arbeitszeiten könnte am Ende allerdings für einen Teil der Beschäftigten eine Verlängerung herauskommen. Denn die Konzernvertreter bestehen dem Vernehmen nach darauf, dass das Arbeitszeitvolumen gleich bleibt. Das hieße: Wenn Beschäftigte ihre Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden verkürzen, könnten die Firmen diese für andere auf bis zu 40 Stunden ausweiten, wenn die Kollegen zustimmen. Schon jetzt gibt es laut Tarifvertrag die Möglichkeit, dass in Baden-Württemberg bis zu 18 Prozent, im restlichen Bundesgebiet maximal 13 Prozent einer Belegschaft 40 statt 35 Stunden arbeiten. In Betrieben mit vielen Hochqualifizierten oder einer betrieblichen Reglementierung von Leiharbeit kann diese Quote auf 50 bzw. 30 Prozent steigen.

Entscheidender Konfliktpunkt ist indes weiterhin der gefordert Teillohnausgleich für Beschäftigte mit kleinen Kindern, pflegebedürftigen Angehörigen oder für solche in Schichtarbeit. Ein nach jW-Informationen diskutierter Kompromiss könnte darin bestehen, dass das Urlaubsgeld deutlich aufgestockt wird und die Beschäftigten eine Wahlmöglichkeit erhalten, dieses Geld gegen eine Arbeitszeitverkürzung zu tauschen. In einem Tarifvertrag mit einer ähnlichen Regelung bei der Bahn hatten sich kürzlich überraschend viele Beschäftigte für verkürzte Arbeitszeiten entschieden. Der Preis, den die IG Metall dafür zahlen würde, wäre aber wohl eine lange Laufzeit von mehr als zwei Jahren.

Ein großer Erfolg wäre das nicht – trotz der insgesamt rund 960.000 Kollegen, die in den vergangenen Wochen an Warnstreiks teilgenommen haben. Angesichts voller Auftragsbücher und einer gutgefüllten Streikkasse wäre die Eskalation aus Beschäftigtensicht die bessere Option.


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Lohndumping Die Arbeitskosten und die Konkurrenz

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