Aus: Ausgabe vom 26.01.2018, Seite 15 / Feminismus

Elite propagiert Geschlechtergerechtigkeit

Wirtschaftsforum: Digitalisierung bedroht Frauenjobs. Oxfam: System Ursache für Diskriminierung

Von Jana Frielinghaus
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Friedensnobelpreisträgerin Malalai Yousafzai appellierte am Donnerstag in Davos an die dort versammelten Eliten, in die Bildung von Mädchen zu investieren. Kanadas Premier Trudeau pries derweil die frauenpolitischen Errungenschaften seines »feministischen« Kabinetts

Seit Dienstag geben sich die Mächtigen der Welt ihr Stelldichein im Schweizer Nobelkurort Davos. Gern werden zum Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (WEF) im Januar auch Popmusiker und einige Vertreter von Nichtregierungsorganisationen eingeladen, um Offenheit für die Anliegen der unter dem herrschenden System leidenden Mehrheit zu demonstrieren. Unter den Frauen ist die Zahl derer, die unter Niedriglöhnen und ökonomischer Benachteiligung leiden, noch erheblich größer als bei den Männern. Das hat der zu Wochenbeginn veröffentlichte Ungleichheitsbericht der Entwicklungs- und Nothilfeorganisation Oxfam einmal mehr deutlich gemacht. Jörn Kalinski, Kampagnenleiter von Oxfam Deutschland, hatte anlässlich der Vorstellung des Reports betont, das herrschende System basiere auf der »konsequenten Ausbeutung von Frauen«. Weltweit würden sie für gleiche Arbeit schlechter entlohnt als Männer. Sie seien überproportional häufig prekär beschäftigt. Zugleich seien die Entgelte in Branchen, in denen mehrheitlich Frauen tätig sind, niedriger als in »Männerberufen«.

Unterdessen präsentierte sich das WEF als geistiges Zentrum des Kampfes gegen Armut und für Frauenrechte. Zum Auftakt des Gipfels in Davos zeigte sich die Organisation besorgt über die Folgen, die die Digitalisierung für Frauen haben könnte. Einer am Montag von ihr veröffentlichten Studie zufolge sind durch »Industrie 4.0« entgegen bisheriger Annahmen insbesondere die Jobs von Sekretärinnen und Verwaltungsangestellten gefährdet. Von den 1,4 Millionen Stellen, die bis 2024 allein in den Vereinigten Staaten vom »digitalen Wandel der Arbeitswelt« bedroht seien, würden 57 Prozent von Frauen ausgeübt. Für sie gebe es zugleich deutlich weniger Möglichkeiten, ihren Arbeitsplatz zu wechseln. Die Autoren haben aber die Lösung parat: Mit einer Umschulung hätten 95 Prozent der von Jobverlust Bedrohten »gute Aussichten« auf »bessere und höher bezahlte« Beschäftigung. Ohne seien es nur zwei Prozent.

Eigentumsverhältnisse als ­Problem spielten keine Rolle beim Gipfel. Statt dessen durften zum Beispiel am Donnerstag auf einem Podium die junge Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai und der kanadische Premier Justin ­Trudeau über »geteilte Zukunft durch Bildung und Ermächtigung« referieren. Die UN-Botschafterin sprach über die Bedeutung von Mädchenbildung in ihrem Herkunftsland Pakistan und anderswo, ­Trudeau über sein »feministisches Kabinett« und dessen Errungenschaften. Dessen neoliberale, auf Förderung von Konzerninteressen konzentrierte Politik war erwartungsgemäß kein Thema.

Demgegenüber machte Oxfam zumindest darauf aufmerksam, dass auch ungerechte Geschlechterverhältnisse maßgeblich durch das herrschende Wirtschaftssystem bedingt sind – also durch das staatliche geförderte Streben nach Profitmaximierung auf dem Rücken der Arbeiterinnen und Arbeiter. »Rund um den Globus müssen wir beobachten, dass Staaten über leere Kassen klagen, sobald es um Bildung, Gesundheitsversorgung und soziale Sicherung geht«, konstatierte Jörn Kalinski. Gleichzeitig werde geduldet, »dass Konzerne marktbeherrschende Monopole bilden, Menschen- und Arbeitsrechte ignorieren und sich durch Verschiebung ihrer Gewinne in Steueroasen um ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl drücken«.


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