Aus: Ausgabe vom 26.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Wenn es langt

Vom Abhauen und Nichtankommen: Eine Erinnerung an den »Tunix«-Kongress im Januar 1978

Von Helmut Höge
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»Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen«: Im Audimax der TU Berlin wurde 1978 ­versucht, die Depressionen von 1977 zu vergessen

Vor 40 Jahren, am 27. Januar 1978 begann im Audimax der Technischen Universität in Westberlin der »Tunix«-Kongress, um den Zustand der politischen Depression und Repression zu beenden, in dem sich die Linken und Alternativen nach dem »Deutschen Herbst« 1977 befanden.

Die Entführung des Spitzenfunktionärs der deutschen Wirtschaft Hanns Martin Schleyer durch die RAF, die damit ihre Gefangenen freipressen sollte, hatte mit dessen Ermordung und mit der Todesnacht von Stammheim geendet. Der Staat unternahm viele Anstrengungen, die Linke allgemein zu stigmatisieren und zu kriminalisieren, und die großen Medien schlossen sich dieser Kampagne durch eine Art Selbst-Gleichschaltung an.

In diesem eisigen Klima kursierte seit Dezember 1977 ein Flugblatt, mit dem dazu aufgerufen wurde, sich am imaginären »Strand von Tunix« zu versammeln: »Uns langt’s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht, und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. (…) Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! Zum Strand von Tunix!«

In dieser Situation wurde auch die Idee einer linken Tageszeitung als kollektives Projekt »angedacht«. In Frankreich und in Italien gab es das bereits, mit Liberation und Il Manifesto. Doch in der BRD existierten nur lokale Stadtmagazine. Außerdem gab es in Frankfurt am Main den »Informationsdienst zur Verbreitung unterbliebener Nachrichten« sogenannter undogmatischer Gruppen und in Westberlin den linkssozialistisch ausgerichteten »Extra-Dienst«. Das »Zeitungsprojekt« sollte nun auf dem von einigen Westberlinern vorbereiteten »Tunix«-Kongress auf breiter Basis diskutiert werden, zusammen mit etlichen weiteren Ideen für linke Projekte. »Etwas Besseres als den Tod finden wir überall« lautete das Motto, das dem Märchen über die Bremer Stadtmusikanten entnommen war.

Ich war damals mit einem Pferd, das mein Gepäck trug, unterwegs in Richtung Süden, wobei ich als Betriebshelfer auf Bauernhöfen arbeitete. Eine Freundin, die als angehende Journalistin in Paris lebte, forderte mich auf, auch nach Westberlin zum Kongress zu kommen, denn dort ginge es ja ebenfalls darum, dieses schreckliche Land zu verlassen. Dies war jedoch ein Irrtum, das laute »Wir hauen alle ab! … zum Strand von Tunix« war metaphorisch gemeint. Während des dreitägigen Kongresses, zu dem insgesamt 15.000 Menschen kamen, befasste sich keine einzige Arbeitsgruppe damit. Statt dessen ging es um die Gründung einer Tageszeitung, die Anti-AKW-Bewegung, Berufsverbote, selbstverwaltete Jugendzentren, Stammheim als Spezialknast für politische Gefangene, »Schwulenrojekte« und »Antipsychiatrie«. Es gab Diskussionen über »Feminismus und Ökologie«, über »alternative Energien«, »Selbstversorgung« und über »linke Kneipen und Buchläden«.

Und es gab am zweiten Tag vormittags eine große, z. T. militante Demonstration am Kudamm, auf der plötzlich, mitten im Januar ein Regenbogen erschien. Das wirkte ebenfalls wie eine Metapher für die Vielfarbigkeit der nach wie vor antiautoritären Linken, von der sich bereits große Teile in maoistische und moskowiter Parteiungen abgespalten hatten. Für »Tunix« hätte man mit dem französischen Philosophen Jean-François Lyotard von einem »Patchwork der Minderheiten« sprechen können. Von den französischen »Meisterdenkern« waren tatsächlich auch einige zum Kongress gekommen. Im Audimax sollte ich für den »Antipsychiater« Félix Guattari eine Diskussion übersetzen, die sich – glaube ich – um Leninismus und Antileninismus drehte. Ich scheiterte kläglich.

Auch mein Flugblatt mit dem Titel »Zwischenruf«, das ich bei einem Bauern, bei dem ich gerade arbeitete, geschrieben und der mir auch den Druck finanziert hatte, ging unter – wie eben ein Zwischenruf. Ich hatte dafür plädiert, dass das »Abhauen« keine bloße Metapher sein dürfe. Wir sollten uns vielmehr wirklich auf den Weg machen. Nur die ergangenen Gedanken haben Wert oder so ähnlich.

Auch in der Arbeitsgruppe »linke Tageszeitung« waren meine Gedanken fehl am Platz, denn ich war dagegen. Ich meinte: 1. gebe es schon viele Stadtzeitungen – sie würden neben einer solchen Zeitung nicht länger existieren können (was dann auch der Fall war), 2. eine Zentralredaktion sei nicht gerade besonders antiautoritär, und dann noch 3. in Westberlin ansässig, wo doch das antikapitalistische theoretische Rüstzeug bis dato meist aus Frankfurt am Main gekommen sei. Außerdem, meinte ich, sei mit linkem Journalismus kein »Unterwegs-Sein« oder »Nomadisch-Werden« zu schaffen, geschweige denn eine tendenzielle »Aufhebung der Trennung von Kopf- und Handarbeit«.

Dennoch hob der »Tunix«-Kongress meine Stimmung gewaltig, was nicht zuletzt an der schieren Masse der fröhlichen Beteiligten lag; in eine Teilnehmerin verliebte ich mich auf der Demonstration, und wir blieben ein paar Tage zusammen. Sie schenkte mir später einen langen Schal in Regenbogenfarben. Als ich wieder zurück beim Bauern war, machte ich mich an einen euphorischen »Nachruf« auf den Kongress, den ich dann in der Westberliner Autonomenzeitung Interim veröffentlichte. Die Ausgabe damit fand ich nach der sogenannten Wende in meiner Akte beim Verfassungsschutz.

Einige wenige, die gar nicht mal so sehr damit zu tun hatten, machten sich tatsächlich auf den Weg – und treiben sich bis heute in Indonesien rum. Ich setzte meine Fluchtlinie in Richtung Süden fort, jedoch mit einer Freundin aus der Bremer Universität zusammen; und neben dem Pferd hatten wir noch einen Esel dabei, der jedoch kein Gepäck trug und einfach neben uns lief. Wir kamen bis in die Toskana. Eine Erkenntnis habe ich aus dem damaligen Unterwegs-Sein gewonnen: Esel stehen mir näher als Pferde – sie sind neugieriger und geraten nicht so leicht in Panik.


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