Aus: Ausgabe vom 25.01.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

Nothilfe im Dschungel

In Nordfrankreich leben Flüchtlinge unter miserablen Bedingungen. Freiwillige kümmern sich um ihre Versorgung. Eine Ärztin berichtet

Von Jana Walter
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Elendscamp am Waldrand: Ein Flüchtling vor seinem Schlafplatz in der Nähe von Calais (Oktober 2017)

An diesem grauen Herbsttag weht ein rauer Wind die Küste entlang und es beginnt zu regnen. Ein 17jähriger Sudanese zieht seine Schuhe aus, rollt eine alte Decke auf dem nassen Gras am Rande eines Industriegebietes aus und kniet sich zum Gebet nieder. Ich ziehe mir die Kapuze tiefer ins Gesicht, es ist eisig kalt. Ich frage mich, wie ein junger Mann, der seine Heimat verlassen musste und seit knapp zwei Jahren seinen Träumen von einem vermeintlich besseren Leben folgt, am Glauben festhalten kann. Ein Weg, der ihn ins Herz Europas führte: ins nordfranzösische Calais.

Welcher Arzt möchte nicht mindestens einmal in seinem Berufsleben an einem humanitären Hilfsprojekt mitwirken? Die Welt braucht helfende Hände, ob nun Choleraepidemien in Haiti oder Müttersterblichkeit in Afrika zu bekämpfen sind. 33 Jahre jung und das Ende der Weiterbildung zur Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe in Sicht, hatte ich begonnen, nach einem Einsatzort zu recherchieren. Zunächst konnte ich nicht ahnen, dass meine Suche mich nicht in Notstandsgebiete auf anderen Kontinenten, sondern in unser Nachbarland Frankreich führen würde.

Bei meiner Suche stieß ich schließlich auf »Gynécologie Sans Frontières« (Gynäkologie ohne Grenzen), die es seit 1995 in Frankreich gibt. Es handelt sich um eine nichtstaatliche Hilfsorganisation, die insbesondere versucht, weltweit die Infrastruktur in der Geburtshilfe zu verbessern. Seit 2015 gibt es ein Projekt im eigenen Land, das Flüchtlingen in der Region Nord-Pas-de-Calais hilft. Da die Einsätze lediglich 14 Tage dauern und die Teilnehmer weder politischen noch gesundheitlichen Risiken ausgesetzt sind, schien mir dies ein guter Anfang für mein humanitäres Engagement zu sein.

Ende Oktober 2017 kam ich in die Region. Zwei Wochen lang sollte ich zusammen mit fünf weiteren ehrenamtlichen Helferinnen (drei Hebammen und zwei Frauenärztinnen) in einem kleinen Ort zwischen Calais und Dunkerque wohnen und arbeiten. Wir teilten uns in drei Teams auf, um möglichst viele Menschen behandeln zu können.

Schließlich starten wir unseren ersten Einsatz im Zweierteam, um täglich in die Stadt Calais zu fahren. Unsere Kolleginnen sind für die Gebiete um Dunkerque bzw. um Lille herum zuständig. In einem etwas betagten Krankenwagen fahren wir das erste Mal in die französische Hafenstadt am Ärmelkanal. Bereits die umliegenden Autobahnen sind entlang der Industriegebiete und in Richtung des Hafens von kilometerlangen Mauern und Stacheldraht umgeben. Sie sollen die Flüchtlinge davon abhalten, als blinde Passagiere eines Lkw nach Großbritannien zu gelangen.

Die Mauern entstanden größtenteils im Jahr 2015, als allein in Calais bis zu 9.000 Menschen am Stadtrand unter teilweise katastrophalen Bedingungen in Zelten lebten. Durch großes Engagement der Einwohner vor Ort sowie durch Unterstützung von »Ärzte ohne Grenzen« waren einige Baracken gebaut worden, die ein einigermaßen würdevolles Leben ermöglichten. Der »Dschungel von Calais« wurde allerdings im Oktober 2016 komplett geräumt und die Menschen unter Zwang auf andere Unterkünfte im Land verteilt. Davon war damals in allen Medien, auch den deutschen, zu hören. Allerdings wurde das Problem dadurch keinesfalls gelöst, denn nach wie vor kommen etliche Flüchtlinge nach Calais. Ihr Ziel ist Großbritannien. Was die Menschen auf die Insel lockt: die englische Sprache, möglicherweise kürzere Asylverfahren oder gar Arbeit ohne Papiere und ein schnelles Fußfassen durch bereits vor Ort lebende Angehörige. Derzeit leben etwa 1.000 Menschen in Calais und ungefähr 3.000 in der gesamten Region. Hierbei spielen der Hafen von Dunkerque und diverse Lkw-Umschlagplätze in der Umgebung eine Rolle.

Allein in Calais suchen wir am ersten Vormittag drei unterschiedliche Orte auf. Da Zelte von der Polizei nicht mehr geduldet werden, müssen die Menschen unter freiem Himmel leben und sind dringend auf Hilfe angewiesen. Die Nacht verbringen sie irgendwo in den an die Stadt angrenzenden Waldgebieten und kommen am Tag ins Zentrum oder in das Industriegebiet. Sie gehören mittlerweile zum Stadtbild. Der Anblick ist stets ähnlich: eine Gruppe junger Männer, die ihr Hab und Gut mit sich tragen, Müdigkeit und manchmal Hoffnungslosigkeit in den Augen. Zwei Drittel der Betroffenen kommen aus Afghanistan und dem Sudan. Viele auch aus Eritrea, Pakistan, Äthiopien, Irak, Iran, Syrien und Vietnam. Je nach Herkunftsland ist der Anteil der Minderjährigen unterschiedlich groß, kann bei bis zu 30 Prozent liegen. Die Menschen sind teilweise seit zwei Jahren auf der Flucht und haben oft eine wahre Odyssee hinter sich. Durch die strengen Polizeikontrollen am Hafen von Calais und am Eurotunnel gelangen nur noch etwa zwei bis fünf Personen pro Woche auf die andere Seite des Ärmelkanals. So sind die Flüchtlinge oftmals monatelang vor Ort. Dennoch sind viele froh, bisher nicht aus Frankreich abgeschoben worden zu sein.

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Behandlung vor Ort: Die Ärztin Jana Walter mit einem Patienten

Wir sind meist zusammen mit anderen Hilfsorganisationen (sowohl französischen als auch britischen und belgischen) unterwegs. Mit großem Engagement werden Lebensmittel, sauberes Wasser, Kleidung, Hygieneartikel, Strom für die Handys und Zugang zu Medizin bereitgestellt. Neben den »Médecins du Monde« (Ärzte der Welt) sind wir Mitarbeiter von Gynécologie Sans Frontières die einzigen, die regelmäßige medizinische Versorgung gewährleisten. Wir verteilen täglich Medikamente gegen Kopfschmerzen, Erkältung und Sodbrennen. Außerdem versorgen wir Wunden, wenn wieder jemand vom Lkw gestürzt ist. Wenn wir nicht helfen können, arbeiten wir mit den Kliniken vor Ort zusammen, indem wir beispielsweise Termine für Untersuchungen vereinbaren.

Durch die Jahreszeit bedingt, sind viele Flüchtlinge erkältet. Sie haben häufig schlechte Kleidung und Schuhe. Dieser Anblick ist manchmal kaum zu ertragen. Leider begünstigen die unhygienischen Bedingungen Infektionskrankheiten und sogar Parasiten. Kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren erschweren unsere Arbeit, allerdings sind die Dankbarkeit und das uns entgegengebrachte Vertrauen groß – die beste Art von Vergütung.

Frauen oder Flüchtlingsfamilien stellen mit etwa zehn Prozent eine Minderheit dar. Wir versuchen täglich, sie zu finden, da sie besonders auf uns angewiesen sind. Junge Frauen aus Eritrea oder Äthiopien reden kaum über Verhütung und Familienplanung. Ein zwar kleiner, aber wichtiger Teil unserer Arbeit ist es, den Frauen Zugang zu Verhütung, Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen und auch zu Schwangerschaftsabbruch in den lokalen Kliniken zu ermöglichen. Gynécologie Sans Frontières ist diesbezüglich nahezu die einzige Anlaufstelle.

Ein Faktor, der das Leben der Menschen zusätzlich zur Hölle macht, ist die Gewalt der französischen Polizei. Um weiteren Flüchtlingszulauf zu verhindern, werden Zelte, private Gegenstände wie Schlafsäcke, Medikamente und Hygieneartikel regelmäßig beschlagnahmt und die Lebensbedingungen verschlechtern sich täglich. Immer wieder suchen uns auch Menschen nach Angriffen mit Pfefferspray oder Schlagstöcken auf. Die Opfer der brutalen Polizeieinsätze sind häufig minderjährig, die Übergriffe finden oft nachts oder in den frühen Morgenstunden statt, wenn es nur wenige Zeugen gibt.

Die Flüchtlinge finden sich mitten in Europa im Elend wieder. Dass Mauern gebaut und Zelte zerstört werden, hindert sie jedoch nicht daran, den beschwerlichen, langwierigen und oftmals gefährlichen Weg auf sich zu nehmen. Seit der Räumung des Dschungels von Calais bzw. der Lager bei Dunkerque geht es den Menschen noch schlechter. Daher ist die Arbeit der Hilfsorganisationen äußerst wichtig, auch wenn sie die Problematik nicht ursächlich löst. Da wäre die Politik gefragt.

Weitere Informationen zu Gynécologie Sans Frontières: www.gynsf.org

Hintergrund: Migration und Militär

Großbritannien und Frankreich haben ein neues Abkommen geschlossen, um Grenzkontrollen zu verstärken. Dafür bekommt Paris von London weitere 50 Millionen Euro. Das vereinbarten die britische Premierministerin Theresa May und der französische Staatschef Emmanuel Macron am Donnerstag vergangener Woche bei einem Treffen in der Königlichen Militärakademie Sandhurst südlich von London. Weitere Vereinbarungen betrafen gemeinsame Militäreinsätze.

Großbritannien und Frankreich »bleiben den Grundsätzen der lange bestehenden Touquet-Vereinbarung verpflichtet«, sagte May bei einer Pressekonferenz im Anschluss. Es seien »zusätzliche Maßnahmen« für Calais und andere Grenzorte beschlossen worden. Die vereinbarte Millionenzahlung werde in Zäune, Überwachungskameras und Erkennungstechnologie investiert.

Das neue Abkommen löst den 15 Jahre alten Vertrag von Touquet ab, der gemeinsame Kontrollen ermöglichte. In weiteren Vereinbarungen aus den Jahren 2009, 2010 und 2014 verpflichtete sich Frankreich, Grenzübertritte von Flüchtlingen nach Großbritannien zu verhindern – vor allem in der Umgebung des Eurotunnels in Calais. Mit britischer Hilfe wurden Zäune und Überwachungsanlagen gebaut. Kritiker argumentieren, faktisch habe sich damit die britische Grenze nach Frankreich verschoben. Macron nannte die Vereinbarung den »Sandhurst-Vertrag« und sagte: »Was unsere Leute in Calais ertragen müssen, ist nicht zufriedenstellend.« Frankreich hatte auf größere Finanzhilfen aus Großbritannien gedrungen, damit Flüchtlingen das Überqueren des Ärmelkanals per Zug oder Fähre unmöglich gemacht wird.

Macron hat sich den Kampf gegen Migration auf die Fahnen geschrieben. Frankreich hatte im vergangenen Jahr eine neue Höchstzahl von mehr als 100.000 Asylbewerbern verzeichnet, das war ein Zuwachs von gut 17 Prozent. Macron fordert deshalb Zugeständnisse von London. Nach Angaben aus dem Élysée-Palast geht es unter anderem um die Aufnahme von unbegleiteten Minderjährigen oder von Flüchtlingen, die bereits Familienangehörige in Großbritannien haben. Das hatte Macron vor einer Woche auch bei einem Besuch in Calais angedeutet, von wo aus die meisten Flüchtlinge über den Ärmelkanal zu gelangen versuchen. Dort sagte der Präsident, Calais sei keine »Geheimtür« nach Großbritannien, sondern eine »Sackgasse« für die Migranten.

May sicherte außerdem zu, Chinook-Kampfhubschrauber der Royal Air Force zur Unterstützung der französischen Armee nach Mali zu schicken. Die britische Beteiligung könnte der Auftakt zu einem längeren Einsatz in der Region sein. Frankreich hat zugesagt, ab 2019 Soldaten für die von Großbritannien geführte NATO-Battlegroup in Estland zu entsenden. (AFP/jW)


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  • Roman Stelzig: Guter Artikel Herzlichen Dank an die Autorin für den persönlichen und lebendigen Bericht über ihre Arbeit und Erfahrungen mit Flüchtlingen in Calais. Nicht nur des Themas wegen hat mich der Beitrag berührt, die Per...

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