Aus: Ausgabe vom 23.01.2018, Seite 16 / Sport

Wo das Spiel gesteuert wird

Handball-EM: Deutsche haben Halbfinaleinzug nicht mehr in eigener Hand

Von Jens Walter
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Drei Tore in 15 Minuten? Finn Lemke und Patrick Wiencek in der Partie gegen Dänemark

Als die deutschen Handballer bei der EM in Kroatien am Sonntag abend gegen Olympiasieger Dänemark ihre bisher beste Turnierleistung gezeigt und dennoch verdient verloren hatten, blickte Bundestrainer Christian Prokop mit versteinerter Miene ins Leere. »Im Moment ist die Enttäuschung größer als die Hoffnung«, sagte der 39jährige später. Selbst ein Sieg im letzten Hauptrundenspiel am Mittwoch (20.30 Uhr/ZDF) gegen Vizeeuropameister Spanien würde die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) nicht unbedingt ins Halbfinale bringen. Die Titelverteidigung ist damit fast schon abzuschreiben.

Am Montag hatten die Handballer kein Training. Sie sollten den Kopf freibekommen, erklärte Prokop nach dem Frühstück. Da hatte er außerdem bereits die nächste Hiobsbotschaft zu verdauen: das Ergebnis einer MRT-Untersuchung des rechten Knies von Paul Drux. Der Berliner Rückraumspieler hatte sich das Gelenk in der Partie gegen Dänemark verdreht. Mit einem »falschen Schritt«, wie er sagte, ohne Einwirkung des Gegners. Meniskusriss, lautet die Diagnose. Drux muss operiert werden und fällt mindestens drei Monate aus.

Im Spiel gegen unseren nördlichen Nachbarn war er nach einer Viertelstunde vom Parkett gehumpelt. Da waren auf beiden Seiten noch kaum Tore gefallen. Die deutschen Angriffsbemühungen beschränkten sich auf haltbare Distanzwürfe. Dann vergab Kapitän Uwe Gensheimer mit einem schwachen Wurf einen Siebenmeter. Bis zum ersten deutschen Treffer sollten geschlagene neun Minuten vergehen. Hätte die deutsche Defensive in dieser Phase auch nur leicht geschwächelt, wäre die Partie früh entschieden gewesen. So stand es nach 17 Minuten 4:4. In der 25. Minute gingen die Deutschen sogar erstmals in Führung (7:6). Sie konnten den knappen Vorsprung mit einigem Glück – mehrmals verfehlten die Dänen das leere deutsche Tor – in die Halbzeitpause retten (9:8).

Im zweiten Durchgang wirkten beide Teams in der Vorwärtsbewegung entschlossener. Eine Zeitlang war es ein mitreißendes Spiel auf Augenhöhe. Die DHB-Auswahl traf am gegnerischen Kreis dann aber viele falsche Entscheidungen. Die Gegner wussten das eiskalt zu nutzen. So knapp wie das 26:25-Endergebnis suggeriert, war es nicht.

Zwei große Baustellen gibt es nun vor dem Spiel gegen Spanien. Zum einen spielt Kapitän Gensheimer weit unter dem gewohnten Niveau. Gegen die Dänen saß er fast nur auf der Bank. »Ich war mit der Leistung auf Linksaußen nicht hundertprozentig zufrieden«, übte Prokop erstmals öffentliche Kritik am 31jährigen vom Topclub Paris Saint-Germain. Für Gensheimer spielte der nachnominierte Rune Dahmke, der einen guten, durchweg kämpferischen Eindruck machte (»Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, dass wir das noch packen«) und gegen Spanien erste Wahl sein könnte. Zum anderen läuft es im Rückraum noch nicht nach Wunsch, obwohl hier Julius Kühn erstmals im Turnier überzeugte. Mit sechs Toren war er am Ende bester DHB-Werfer. »Gerade auf der Rückraummitte, wo das Spiel gesteuert wird, müssen wir zulegen«, betonte Prokop, und nahm damit vor allem den erneut enttäuschenden Leipziger Philipp Weber in die Pflicht.

Im zweiten Spiel der Hauptrunden­gruppe kam Spanien zu einem nie gefährdeten 31:20-Erfolg gegen Mazedonien. Wenn die Iberer heute gegen Slowenien gewinnen und morgen gegen den DHB verlieren, muss nur noch Mazedonien in den Partien gegen Tschechien und Dänemark Punkte lassen, und die Deutschen stehen im Halbfinale.

In der zweiten Hauptrundengruppe haben Weltmeister Frankreich, Schweden und Kroatien die besten Karten. Die Gastgeber wahrten ihre Chancen auf den Halbfinaleinzug am Wochenende durch ein 23:17 gegen Norwegen. Sollten die Schweden am Mittwoch gegen Norwegen die Oberhand behalten, käme es im Hexenkessel der Arena Zagreb zum Showdown. Kroatien müsste mit zwei Toren Vorsprung gegen Frankreich gewinnen, das letzte bisher noch ungeschlagene Team des Turniers.


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