Aus: Ausgabe vom 22.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Klappe tot?

Ein Nachruf auf die öffentliche Toilette als Schwulentreffpunkt. Die Ausstellung »Fenster zum Klo« in Berlin

Von Maximilian Schäffer
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Oldschool: Heute erübrigen Apps das Spannen

Sitzt man als schwuler Mann im Jahr 2018 nach getaner Arbeit einsam zu Hause, schaltet man bequem sein Smartphone ein und erkundigt sich, welche menschlichen Angebote sich in der Umgebung befinden. Grindr und Planetromeo heißen die etabliertesten Apps zur Kontaktsuche; ist man einmal auf Reise im Ausland, so kann man sich den besonders in Asien beliebten Ableger Jack’d zunutze machen. Nach allen Mutationen der menschlichen Existenz lässt sich mit sogenannten Filtern rasterfahnden: Alter, Körper- und Penisgröße, Haarfarbe, Augenfarbe, Fetisch, »Rasse«, kulturelle Interessen. Für jeden Topf findet sich meist kein Deckel, aber zumindest eine kurze Fellatio.

Noch vor wenigen Jahren war es deutlich schwieriger, sich sein sexuelles Manna zu beschaffen. Entweder man begab sich in Bars, wo man sogar gezwungen war, ganz fleischlich miteinander zu kommunizieren, traf sich abenteuerlich in kalten, nächtlichen Parks, oder aber man besuchte eine öffentliche Toilette. In Notdurftanlagen warteten dann die ebenso Willigen auf effektive Steigerung und/oder mechanischen Abbau der Lust. »Klappe«, so das Umgangswort für diese mehr oder weniger diskreten Treffpunkte von Homosexuellen, die in fast jeder Groß- und Kleinstadt zu finden waren und immer noch sind. Das Schwule Museum in Berlin hat diesem urbanen Phänomen nun eine Ausstellung gewidmet. Künstlerkurator Marc Martin erzählt von der Geschichte des stillen Örtchens als Traumwelt der Erotik. Eine Geschichte, die sich bis in die berühmten »Vespasiennes Parisiennes«, die Pissrinnen von Paris, zurückverfolgen lässt. Schon Marcel Proust und Arthur Rimbaud kommentierten verschmitzt das halböffentliche Treiben, das sie von ihren Fenstern aus beobachteten. Die Berliner Ausstellung bietet gar eine lebensgroße Replik des verschlungenen französischen Holzklos, damit man nachempfinden kann, wie sich der eine oder andere interessierte Matrose auf Landgang gefühlt haben muss.

Bei allem gebotenen Spaß war die gleichgeschlechtliche Sexbörse damals vor allem eines: gefährlich. Immer wieder schleuste die Polizei Lockvögel ein, verhaftete die als »pervers« Betitelten, sperrte sie ein, oder gar Schlimmeres. Besonders im deutschen Faschismus machte man sich stramme SS-Burschen als Köder zunutze, um die Todeslager mit rosa Winkeln zu füllen. Nichtsdestotrotz überlebte die »Klappe« den Krieg und fand sich selbstverständlich auch in Doppeldeutschland wieder, wo die Strafbarkeit der Homosexualität im Osten in den späten 1950ern praktisch und im Westen 1973 faktisch abgeschafft wurde – der berühmte §175 behielt sein Stigma allerdings im Volksmund.

Ausstellungsmacher und Fotograf Martin versucht unter dem Titel »Fenster zum Klo« einen Rundumschlag zum Thema. Gerne möchte er Historie, Fetischisierung, Politkontroversen wie mediale Rezeption gleichberechtigt abbilden und wird dabei etwas tendenziös. Am Ende möchte man am liebsten gleich auf der Museumstoilette sein Glück versuchen. Schade, dass es dort nur verschließbare Kabinen mit Flachspüler gibt. Am interessantesten an dieser netten kleinen Sammlung anekdotenhafter Texttafeln, gespickt mit Foto-, Sach- und Kunstbeiträgen, ist die einige Quadratmeter große Karte mit Verzeichnis aller ehemaligen Klappen in Berlin. Man staunt nicht schlecht, wo es damals überall abging – und das nicht nur im Szenebezirk Schöneberg. Wer sich heute probehalber zu den geschichtsträchtigen Stätten begibt, steht aber meistens vor verschlossenen Halbruinen oder langweilig leeren Schüsseln. Das Internet hat dieses Abenteuer beendet, nur Freunde rüstiger Herren im Pensionistenalter werden dort noch freudig fündig. Wer sich in Promiskuität fernab des Internets üben möchte, besucht lieber ganz legal einen der Dutzenden Sexclubs, oder traut sich nachts in den Tiergarten, wo er aufpassen sollte, nicht Opfer eines Raubüberfalls zu werden.

Bis 19.2., Schwules Museum, Lützowstraße 73, Berlin

Eine Liste noch aktueller Klappen in Deutschland findet sich unter www.gay-szene.net


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