Aus: Ausgabe vom 22.01.2018, Seite 4 / Inland

Zehntausende für Agrarwende

In Berlin protestierten 33.000 Menschen gegen »industrielle« Landwirtschaft und Globalisierung zu Lasten der Bauern weltweit

Von Jana Frielinghaus
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Bunt und vielfältig: Die Demo für eine soziale und ökologische Wende in der Agrarpolitik am Samstag in Berlin

Bereits zum achten Mal zogen am Sonnabend Zehntausende Menschen durch Berlin, um »der Agrarindustrie die Stirn« zu bieten. Anlässe der Demo unter dem Motto »Wir haben es satt« waren der Auftakt der weltgrößten Landwirtschafts- und Ernährungsmesse »Grüne Woche« und ein internationales Agrarministertreffen in der deutschen Hauptstadt.

Unter den nach Veranstalterangaben 33.000 Demonstranten waren neben umwelt- und entwicklungspolitisch Engagierten auch 160 Bauern, die mit ihren Traktoren aus der gesamten Bundesrepublik angereist waren. Ein Bündnis von mehr als 50 Organisationen hatte die Manifestation organisiert, zur Teilnahme hatten insgesamt rund 100 Verbände und Initiativen aufgerufen. Auf Plakaten und Transparenten brachten die Teilnehmenden ihren Unmut über neue »Riesenställe« und »Chemie auf den Äckern« zum Ausdruck. Von der künftigen Bundesregierung forderten sie ein Verbot des Pflanzengifts Glyphosat und eine Kennzeichnungspflicht insbesondere für tierische Lebensmittel, was Herkunft und Art der Erzeugung betrifft. Auf Transparenten waren Slogans wie »Kein Schwein braucht Tierfabriken« oder »Ohne Bienen ist kein Staat zu machen« zu lesen. Unter den Rednern waren Umweltschützer, Gewerkschafter und Bauern aus der Bundesrepublik wie auch aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Kirsten Wosnitza, Milchbäuerin aus Schleswig-Holstein, betonte: »Eine Agrarpolitik mit dem System ›immer billiger – immer mehr‹ ist gegen die Interessen von Bauern und Bürgern. Milchbauern wollen keine Überschuss­produktion, sondern sie brauchen faire Marktregeln und faire Preise.« Dann habe nachhaltige Milcherzeugung »eine echte Perspektive«.

Der Zug führte vom Berliner Hauptbahnhof über das Bundeswirtschaftsministerium zum Brandenburger Tor. Im Ministerium tagten zur selben Stunde Agrarminister aus 69 Staaten im Rahmen des insgesamt dreitägigen »Global Forum for Food and Agriculture«, das bereits am Donnerstag begonnen hatte. Zu den Veranstaltern gehörten neben dem Bundeslandwirtschaftsministerium auch die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und der Deutsche Bauernverband. Die Minister sprachen sich in einer gemeinsamen Erklärung für mehr »Tierwohl« und dafür aus, dass die Tierhaltung klimaschonender werden soll. Instrumente dafür sollen der Resolution zufolge verstärkte Forschung und der Erhalt von Weideflächen sein. Zugleich wird darin betont, dass die Tierhaltung weltweit die Existenzgrundlage für 1,3 Milliarden oft arme und besonders gefährdete Menschen sichere. Weiter wollen sich die Minister »weltweit verstärkt gegen den unnötigen Einsatz von Antibiotika zur Wachstumsförderung in der Tierhaltung« einsetzen. In der Bundesrepublik und in der EU ist dieser Arzneimittelmissbrauch verboten, in den USA dagegen üblich.

Der Generaldirektor der UN-Welternährungsorganisation, José Graziano da Silva, nannte als Aufgabe für die Wissenschaft auf der Tagung Zucht und Verbesserung von Grassorten, die längere Dürren überstehen könnten. Waldzerstörung zur Schaffung zusätzlicher Weiden müsse vermieden werden. Für Kleinbauern sei der zunehmende Konsum tierischer Erzeugnisse aber auch »eine große Chance«, meinte da Silva. Ziel müsse eine global »ausgeglichenere Ernährung« sein, sagte er mit Blick auf Länder mit extrem hohem und solche mit sehr niedrigem Fleischkonsum. Der Gastgeber des Treffens, Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU), forderte zugleich einen Ausbau der Produktion, um die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern. Er betonte, Standards für den Handel sollten dazu beitragen, »dass der Wettbewerb nicht über den Preis brutal stattfindet«.

Schon am Sonnabend vormittag hatten die Bauern, die später die Demonstration mit ihren Traktoren anführten, eine Protestnote an die Minister aus aller Welt übergeben. »Wir wollen raus aus der fatalen Exportorientierung und Landkonzentration, die Bauern hier und weltweit das Genick bricht«, sagte Jochen Fritz, Sprecher des Demobündnisses. Allein in den vergangenen zwölf Jahren habe in Deutschland ein Drittel der Höfe ihre Tore schließen müssen. Das Bündnis teilte im Anschluss mit, die Teilnehmerzahl habe sich im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt.


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