Aus: Ausgabe vom 20.01.2018, Seite 15 / Geschichte

Von Kaisers Gnaden

Vor 100 Jahren warfen sich die Vertreter des ukrainischen Nationalismus dem deutschen Imperialismus an den Hals und erklärten die »Unabhängigkeit«

Von Reinhard Lauterbach
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Das Staatsoberhaupt der Ukraine, der Heerführer und Großgrundbesitzer Pawlo Skoropadskyj (Bildmitte), zu Gast im deutschen Hauptquartier im belgischen Spa (9.7.1918)

Am 15. März 1917 erklärte im Gefolge der Februarrevolution Zar Nikolai II. von Russland seinen Thronverzicht. Zwei Tage darauf gründete sich in Kiew der »Ukrainische Zentralrat«. Was sich zunächst anhört wie eine Formalie – schließlich wurden damals überall in Russland irgendwelche Räte gegründet –, war eine politische Kampfansage. Denn die Bezeichnung »Ukraine« für die südwestlichen Gouvernements des russischen Imperiums war damals eine politische Richtungsentscheidung; ungefähr so, als wenn heute in Norditalien die »Lega Nord« eine »Padanische Republik« ausriefe. Im offiziellen russischen Sprachgebrauch hieß das Land damals »Kleinrussland«, die Österreicher bezeichneten die Ukrainer, die ihr Kronland Galizien besiedelten, als »Ruthenen«. Aus diesen Ländern eine »Ukrai­ne« zu machen, war das Programm des bürgerlichen Nationalismus oder, wie es 1912 ein russischer Autor genannt hatte, des »südrussischen Separatismus«. Einer seiner bedeutendsten Vertreter war der Historiker Michailo Hruschewskyj, lange Zeit Professor an der österreichischen Universität Lemberg. Er argumentierte, die Ukraine besitze eine von der russischen getrennte Kultur mit wesentlich stärkeren Verbindungen nach Westeuropa als jene. Die zehn Bände seiner »Geschichte der Ukraine-Rus« gelten noch heute als Grundstein der ukrainischen Historiographie.

Große Gebietsansprüche

Der Zentralrat rief alle Regionen, Parteien und Verbände, die sich als »Ukrai­ner« in diesem Sinne fühlten, auf, Delegierte zu entsenden. Er erkannte die Provisorische Regierung in St. Petersburg an und verlangte zunächst, um die Pferde nicht scheu zu machen, eine Autonomieregelung innerhalb der künftigen russischen Republik. Bei der territorialen Ausgestaltung der künftigen »Ukraine« war man nicht pingelig: Die beanspruchten Gebiete reichten vom Osten Polens bis tief ins Kaukasusvorland; die Krim gehörte übrigens damals nicht dazu. Nur die Hälfte davon – von Wolhynien im Westen bis Poltawa im Osten – war die Provisorische Regierung als »ukrainische Autonomie« anzuerkennen bereit. Gleichzeitig machte der Zentralrat deutlich, dass die Autonomie nicht sein letztes Wort war. Er forderte, die »Ukraine« zu künftigen Friedensverhandlungen zuzulassen, sie also zu einem Völkerrechtssubjekt zu erheben. Im Sommer 1917 verlangte der Rat, die in der auseinanderlaufenden russischen Armee dienenden Ukrainer in eigenen nationalen Einheiten zusammenzufassen und damit den Kern einer ukrainischen Armee zu schaffen. Politisch spiegelte der Rat ein Spek­trum vom liberalen Bürgertum bis zu sozialdemokratischen und sozialrevolutionären Parteien, die es für nötig hielten, ihrem Namen ein »Ukrainisch« voranzustellen.

Die Provisorische Regierung in Petrograd spielte auf Zeit und schlug vor, die Frage des künftigen Status der Ukraine von der noch einzuberufenden Konstituierenden Versammlung entscheiden zu lassen. Damit war den ukrainischen Nationalisten nun gerade nicht gedient. Sie wollten die sofortige Anerkennung ihres Sonderstatus. Sie argumentierten, dass Finnland ja auch bereits in die Unabhängigkeit entlassen worden sei; zudem gab es keine Garantie dafür, dass sie im Rahmen einer gesamtrussischen Konstituante eine Mehrheit für ihr Projekt finden würden. So setzte sich über den Sommer im Kiew allmählich die Fraktion durch, die Fakten schaffen wollte. Mit dem Russland der Oktoberrevolution wollte der Zentralrat nichts zu tun haben, und so erklärte er sich am Tag nach dem Umsturz in Petrograd zur obersten Machtinstanz und weitete das von ihm beherrschte Gebiet deutlich aus. In der ersten Woche nach der Revolution brachte der Zentralrat die russischsprachigen Gouvernements entlang der Schwarzmeerküste unter seine Kon­trolle, und einen Monat später proklamierte er eine »Ukrainische Volksrepublik« in föderativem Zusammenhalt mit Russland: »Im Namen der Aufrechterhaltung der Ordnung im Lande und der Rettung ganz Russlands«.

Der Kontext dieser Staatsproklamation war also klar antirevolutionär. Der Zentralrat schloss ein Bündnis mit einer »weißen« Kosakenarmee am Don. Die Bolschewiki nahmen die Herausforderung an. Bis Januar 1918 hatten revolutionäre Einheiten die meisten ukrai­nischen Industriezentren und Eisenbahnknoten erobert, in Charkow war eine »Ukrainische Sowjetrepublik« als Gegengründung zur »Volksrepublik« proklamiert worden. Ein bolschewistischer Aufstand in Kiew schlug zwar zunächst fehl, aber Ende Januar setzte sich unter dem Eindruck anrückender sowjetischer Truppen der Zentralrat nach Schitomir ab, nicht ohne zuvor unter dem Eindruck der Auflösung der Konstituante in Russland am 22. Januar 1918 die Unabhängigkeit der »Ukrainischen Volksrepublik« proklamiert zu haben.

Separatfrieden

In dieser militärisch verzweifelten Situation griffen die ukrainischen Nationalisten nach dem letzten Strohhalm: separate Friedensverhandlungen mit den Zentralmächten Deutschland und Österreich-Ungarn. Die gingen auf das Angebot gern ein, verbanden es aber mit drakonischen Bedingungen: Die Ukraine solle innerhalb eines halben Jahres riesige Mengen Lebensmittel und Rohstoffe an die Zentralmächte liefern, um deren Ernährungskrise zu lindern. Die militärische Unterstützung des »Zentralrats« durch die Zentralmächte erwies sich indes auch für diesen als tödlich. Deutsche Truppen stießen durch die ganze Ukraine bis nach Rostow am Don vor, und schon im April 1918 ließen sie den Zentralrat durch einen Militärputsch des Kosakenhetmans Skoropadskyj entmachten, weil die Tributlieferungen nicht so eintrafen wie vereinbart. Auch ein zweiter Griff der ukrainischen Nationalisten nach der Macht im Bündnis mit Polen 1919/20 misslang. Polen ließ die Ukraine nach seinem eigenen Sieg über Sowjetrussland fallen, und das Land wurde 1921 zwischen Warschau und Moskau aufgeteilt. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass es ausgerechnet die Sowjetunion war, die 1939 und 1945 der Ukraine die Grenzen verschaffte, in denen das Land heute international anerkannt ist.

Lenin und Genossen rechneten offenbar darauf, daß es kein sichereres Mittel gäbe, die vielen fremden Nationalitäten im Schoße des russischen Reiches an die Sache der Revolution, an die Sache des sozialistischen Proletariats zu fesseln, als wenn man ihnen im Namen der Revolution und des Sozialismus die äußerste unbeschränkteste Freiheit gewährte, über ihre Schicksale zu verfügen. Es war dies eine Analogie zu der Politik der Bolschewiki den russischen Bauern gegenüber, deren Landhunger die Parole der direkten Besitzergreifung des adeligen Grund und Bodens befriedigt und die dadurch an die Fahne der Revolution und der proletarischen Regierung gefesselt werden sollten. In beiden Fällen ist die Berechnung leider gänzlich fehlgeschlagen. (…)

Der beste Beweis ist die Ukraine, die eine so fatale Rolle in den Geschicken der russischen Revolution spielen sollte. Der ukrainische Nationalismus war in Russland ganz anders als etwa der tschechische, polnische oder finnische, nichts als eine einfache Schrulle, eine Fatzkerei von ein paar Dutzend kleinbürgerlichen Intelligenzlern, ohne die geringsten Wurzeln in den wirtschaftlichen, politischen oder geistigen Verhältnissen des Landes, ohne jegliche historische Tradition, da die Ukraine niemals eine Nation oder einen Staat gebildet hatte, ohne irgendeine nationale Kultur, außer den reaktionärromantischen Gedichten Schewtschenkos. Es ist förmlich, als wenn eines schönen Morgens die von der Wasserkante auf den Fritz Reuter hin eine neue plattdeutsche Nation und Staat gründen wollten. Und diese lächerliche Posse von ein paar Universitätsprofessoren und Studenten bauschten Lenin und Genossen durch ihre doktrinäre Agitation mit dem »Selbstbestimmungsrecht bis einschließlich usw.« künstlich zu einem politischen Faktor auf. Sie verliehen der anfänglichen Posse eine Wichtigkeit, bis die Posse zum blutigsten Ernst wurde: nämlich nicht zu einer ernsten nationalen Bewegung, für die es nach wie vor gar keine Wurzeln gibt, sondern zum Aushängeschild und zur Sammelfahne der Konterrevolution! Aus diesem Windei krochen in Brest die deutschen Bajonette.

Rosa Luxemburg: Zur Russischen Revolution. In: dies.: Gesammelte Werke, Bd. 4, S. 332–365, hier: S. 348 u. 351


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