Aus: Ausgabe vom 20.01.2018, Seite 6 / Ausland

»Wir verteidigen unser Land«

Türkei verkündet Beginn von Militäroperation gegen Afrin in Nordsyrien. Kurden wollen Widerstand leisten

Von Nick Brauns und Peter Schaber
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In der türkischen Grenzstadt Reyhanli wurden am Mittwoch Panzer ausgeladen

Seit Wochen hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sein Land auf Krieg gegen das »Terrornest« Afrin eingeschworen. Der Kanton, Teil der mehrheitlich von Kurden bewohnten selbstverwalteten Demokratischen Konföderation Nordsyrien, ist Ankara seit langem ein Dorn im Auge.

In der Nacht zum Freitag eröffnete nun intensiver Artilleriebeschuss die lange angekündigte Militäroperation. Die Offensive habe »de facto« begonnen, erklärte der türkische Verteidigungsminister Nurettin Canikli. Sprecher der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) und ihrer Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) bestätigten den Beschuss. Zudem, so die kurdische Nachrichtenagentur ANF, hätten Busse mit islamistischen Kämpfern bei der türkischen Kleinstadt Kilis die Grenze nach Syrien passiert.

»Für uns sind diese Angriffe nichts Neues«, erklärte YPJ-Kommandantin Nesrin Abdallah wenige Stunden vor dem offiziellen Beginn der Attacken gegenüber junge Welt. »Seit dem Beginn unserer Revolution versucht die Türkei, sie zu zerstören. Die jetzigen Attacken kommen also nicht plötzlich.«

Gerade Afrin komme seit geraumer Zeit nicht zur Ruhe. In regelmäßigen Abständen feuert die türkische Armee Granaten über die Grenze. Abdallah berichtet zudem von »verdeckten Operationen« auch durch die mit Ankara verbündeten islamistischen Gruppierungen, die ihre Basis im illegal von der Türkei besetzt gehaltenen Gebiet zwischen Dscharabulus und Al-Bab haben. »Dabei kam es immer wieder zu Toten auch unter der Zivilbevölkerung«, so die kurdische Kommandantin. Die Propaganda des Erdogan-Regimes, das behauptet, von der kurdischen Regionalverwaltung in Afrin gehe eine Bedrohung der türkischen Sicherheit aus, weist die hochrangige Kämpferin zurück: »Wir haben uns immer verteidigt, aber wir wollten uns nicht von der türkischen Regierung in eine Konfrontation ziehen lassen, von der wir glauben, dass sie sowohl für die Türkei wie auch für Syrien insgesamt katastrophale Auswirkungen haben kann.«

Ob Erdogan tatsächlich, wie angekündigt, Bodentruppen nach Afrin schicken wird, blieb am Freitag nachmittag unklar, denn weder aus Washington noch aus Moskau hatte er dafür offenbar grünes Licht bekommen. Das russische Militär unterhält Beobachtungsposten in dem von fast allen Seiten von der Türkei oder türkisch besetzten syrischen Gebieten umgebenen Kanton. Auch die Sprecherin des US-Außenministeriums, Heather Ann Nauert, hatte die Türkei am Donnerstag aufgefordert, keine Militäroperationen gegen Afrin zu unternehmen. Aus Damaskus hieß es sogar, ein Angriff auf Afrin werde als Akt der Aggression gegen die Souveränität Syriens betrachtet. »Die syrische Flugabwehr hat ihre Kapazitäten vollständig wiederaufgebaut und ist bereit, türkische Luftziele am Himmel über Syrien zu vernichten«, erklärte der stellvertretende Außenminister Faisal Al-Mikdad. Die türkischen Piloten könnten sich im Falle einer Aggression »nicht wie bei einem Spaziergang« fühlen.

Nesrin Abdallah nimmt diese Stellungnahmen zwar zur Kenntnis. Man sei ja immer noch Teil der Koalition gegen den »Islamischen Staat« und stehe damit in einem Bündnis mit den USA. Und auch die Präsenz Russlands in Afrin biete einen gewissen Schutz gegen türkische Attacken. Fakt sei aber auch: »Bislang gab es weder von der Koalition noch von den Russen je ernsthafte Antworten auf die zahllosen Angriffe der Türkei auf syrischem Boden.«

Für die türkische Armee, die starke Verbände an der Grenze zusammengezogen hat, könnte der Angriff auf die kurdischen Einheiten trotzdem zu einem Debakel werden. Afrin ist im Vergleich zu benachbarten Regionen in Nordsyrien geographisch leichter zu verteidigen, denn es gibt Bergregionen, die sich befestigen lassen. Zudem stehen große Teile der Bevölkerung hinter YPG und YPJ. Bereits in den vergangenen Wochen kam es zu Massendemonstrationen, Tausende Freiwillige traten in die militärischen Formationen ein. Nesrin Abdallah gibt sich entsprechend kämpferisch: »In Afrin leben nicht nur Kurden, alle Völker Syriens sind hier vertreten. Die Angriffe der Türkei richten sich gegen das gesamte syrische Volk. Komme, was wolle, wir werden unsere Heimat nicht verlassen. Wir werden unsere Heimat verteidigen.«


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