Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Vermeidbare Entscheidung

Zu jW vom 6./7. Januar: »Die Ästhetik der ­Großen Weigerung«

Die Einstellung von Melodie & Rhythmus ist ein Verlust für die Bewegung, die sich zum Ziel setzt, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« (Marx). Sie markiert aber auch ein Versagen dieser Bewegung, die es nicht schafft, Kultur als Bestandteil des Klassenkampfs zu begreifen und zu betreiben, sondern ihr höchstens mal die Rolle des unterhaltenden Begleitprogramms zugesteht. Im Programm meiner Partei findet sich die kluge Feststellung: »Es geht nicht um die ›Befreiung von der Arbeit‹, sondern um die Befreiung der Arbeiterklasse von kapitalistischer Ausbeutung. Erst dann kann sich der Mensch als kulturelles Wesen entwickeln. Kultur wächst da, wo der Mensch seine Anlagen und Neigungen über die Befriedigung der unmittelbaren Lebensbedürfnisse hinaus entfalten kann. (…) Alle kulturelle Tätigkeit ist ein Vorgriff auf diese menschliche Zukunft; sie ist kritisch, insofern sie die Verkürzung des Menschlichen in der Klassengesellschaft entlarvt. Sie ist ein wesentliches Element des Klassenkampfes und des kommunistischen Bewusstseins.« (DKP-Programm) Wenn auch nur die wenigen Genossinnen und Genossen meiner kleinen Partei diesem Anspruch die erforderliche Aufmerksamkeit widmen würden (…) – die Entscheidung zur Einstellung von M&R hätte wohl vermieden werden können.

Jürgen Lloyd, per E-Mail

Nicht ohne die DDR

Zu jW vom 30./31. Dezember 2017/1. Januar 2018: »Wo ist das alles geblieben?« und »Kein Bluff«

Hohe Anerkennung für die Darstellung der Leistungen der DDR, des ersten Arbeiter- und Bauernstaates auf deutschem Boden, in dem das Pro-Kopf-Einkommen Ende der 1980er leicht unter dem Großbritanniens und weit über Spanien lag und der wesentlich umfangreichere Sozialleistungen und soziale Dienste als im Westen (…) gewährte. Zu berücksichtigen ist dabei, dass die DDR arm geboren und in ihrer Existenz tagtäglich bekämpft worden ist. (…) Neuere Schätzungen ergeben, dass der DDR seit 1949 durch die BRD und Westmächte Schäden und Verluste in Höhe von weit mehr als 2,5 Billionen DM zugefügt worden sind, darunter durch Zahlung der Reparationen auch für Westdeutschland in Höhe von 99,1 Milliarden DM (…), Ausbildungskosten für 1,5 Millionen in den Westen abgewanderte Facharbeiter, Ingenieure und 14.000 Ärzte, Verluste durch Embargo, Handelsbeschränkungen, Rohstoffmangel und ineffektive Industriestruktur, verhinderte weltweite Arbeitsteilung, Aufwendungen gegen Spionage und Sabotage (…), für den Grenzschutz, darunter den Mauerbau, der vorwiegend wegen der feindlichen Haltung der BRD gegenüber der DDR notwendig wurde. Im Gegensatz dazu hat z. B. allein Westberlin in den 1950er Jahren etwa eine Milliarde Dollar von den USA als Geschenk nur für den Wiederaufbau erhalten. Das Schweigen zu den Errungenschaften und Leistungen der DDR bzw. ihre Verteufelung ist eine der größten Untaten der Linken – nun fast völlig von Westkräften beherrscht (…). Antikapitalistisches Gerede ist ohne die Anerkennung der DDR reine Heuchelei und ausweglos.

Gerhard Ulbrich, per E-Mail

Überfällige Vereinigung

Zu jW vom 8. Januar: »Die Linke muss Partei bleiben«

(…) Oskar Lafontaine und vielen anderen Linken ist der Parteicharakter der Partei Die Linke nicht schnurz. Sie verkennen nicht, welch gefährlicher Rechtsruck sich in diesem Lande vollzieht. (…) Die Argumentationen in den eigenen Reihen zur Vereinigung aller linken Kräfte gegen die menschenverachtende neoliberale Politik der Herrschenden kann und darf man nicht so bezeichnen, wie es Genosse Sukov tut, indem er uns als »linksbekümmerte Sozialdemokraten« oder auch als Kräfte bezeichnet, denen die Partei nicht genügend bietet, wie einen »Sturm auf das Winterpalais«. Solche Einschätzungen (…) stellen sich deutlich gegen die längst überfällige Vereinigung linker Kräfte. Solche Äußerungen bewirken auch, dass vor allem junge Kräfte aus den Landesverbänden ausscheiden. Genosse Sukov meint dazu, dass sie dann ihren »Traum von der Revolution im Kreise Gleichgesinnter intensiv träumen« könnten. Ich betrachte das als Hohn. Im Kampf um gesellschaftliche Veränderungen brauchen wir jeden. (…) Auf jeden Fall ist Sukov damit weit entfernt von einer realen Einschätzung der politischen Wirklichkeit in diesem Land. (…) Linke Politik ist noch lange nicht (…) massenwirksam. Aber ohne die Massen wird es nicht gehen. Erst durch den Zusammenschluss mit der WASG wurde Die Linke in den alten Bundesländern zum politischen Faktor. (…) Der politische Gegner duldet es, dass jeder sein »Lied singt«, aber er wird in seinem Handeln aggressiv, wenn sich ein gemeinsamer »Chorgesang« auftut. (…) Erst jede gemeinsame Aktivität macht Die Linke stark. (…)

Peter Meißner, per E-Mail

Heuchlerische Doppelmoral

Zu jW vom 10. Januar: »Nachschlag: Schicke Leute in Schwarz«

Es ist bemerkenswert, wie jetzt, wo das Thema sexuelle Übergriffigkeit bei den Privilegierten angekommen ist, auf einmal die Stimmen lauter werden, dass das ganze Thema differenzierter betrachtet werden sollte. Selbst im eigenen Bekanntenkreis, wo es nach der Empörung über die Silvesterereignisse in Köln noch hieß: »Wenn ein Afrikaner meine Frau anmacht, dann kann ich für nichts mehr garantieren!« Wobei ich mich damals schon fragte, warum nur bei »Afrikanern« und nicht bei »Männern« generell. Heute bin ich schlauer. Denn sobald der privilegierte weiße Mann betroffen sein könnte oder seine Freunde, Nachbarn, Kollegen, dann muss das Ganze differenziert betrachtet und sollte nicht so aufgebauscht werden. Aha, so ist sie also, die doppelmoralistische und heuchlerische Wertevorstellung der besorgten und konservativen Bürger. Und dann darf man sich auch nicht wundern, warum in den USA einer Präsident wird, der meint, als weißer Mann mit Geld könne man jeder Frau ungestraft in den Schritt greifen. Leider ist da was dran, und daher ist »Me too« auch so wichtig!

Markus Meister, Mönchengladbach

Der Gegner duldet es, dass jeder sein Lied singt, aber er wird in seinem Handeln aggressiv, wenn sich ein gemeinsamer Chorgesang auftut.