Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Inflationsmysterium

Zu Lust und Risiken des Kapitalverkehrs

Von Lucas Zeise

Noch immer wundern sich die Zentral- und gewöhnlichen Geschäftsbanker darüber, dass die Inflation so niedrig ist. Janet Yellen, die gerade aus dem Amt geschiedene Präsidentin der US-Notenbank (Fed) nannte das ein »Mysterium«. Und im Protokoll der letzten Sitzung des EZB-Rates wurde von der Verblüffung der Zentralbankräte über das Auseinanderklaffen von gut laufender Konjunktur und weiterhin kaum steigenden Preisen berichtet.

Man kann sich sicher sein, dass die Herren und Damen genau wissen, warum dieser altbekannte Zusammenhang nicht mehr so besteht wie ehedem. Es war schließlich immer so: Laufen die Geschäfte der Unternehmer gut und können sie mehr verkaufen, als sie produzieren können, erweitern sie die Kapazitäten und stellen dafür neue Arbeitskräfte ein. Diese wiederum können höhere Löhne nicht nur fordern, sondern auch durchsetzen. Geschieht das massenhaft, wächst die Kaufkraft der Massen. Die Unternehmer können die gestiegenen Kosten auf die Preise abwälzen. Die Waren werden trotz gestiegener Preise verkauft, und die Inflation kommt langsam in Gang.

Warum ist das in diesen Zeiten anders? Weil es den Kapitalisten gelungen ist, mehr Arbeitskräfte einzustellen, ohne dass diese nennenswert höhere Löhne durchgesetzt haben. Die Regierungen haben den Unternehmern dabei kräftig geholfen. In Deutschland wurde Hartz IV durchgesetzt, die Arbeiter in Vollbeschäftigte und Prekäre eingeteilt, der Staat dazu vergattert, keine vollwertigen Gehälter mehr zu zahlen, und die Gewerkschaften und Betriebsräte durch manch nette Tricks dazu gebracht, in den Standortwettbewerb um die Gunst des Kapitals durch Selbstbeschränkung einzutreten. Im Ergebnis sind im Zuge des leichten Aufschwungs die Einkommen der ohnehin Reichen kräftig, die der Ärmeren kaum gestiegen. Ihre Kaufkraft ist nicht nennenswert gewachsen, ebensowenig wie die Lohnkosten der Unternehmen. So bleibt die Inflation mäßig.

All das ist selbst dem verstocktesten Zentralbanker bekannt. Aber nur in seltenen Ausnahmefällen lässt er sich aus Versehen dazu hinreißen, Unternehmern und Staat eine bessere Bezahlung der Arbeitskräfte zu empfehlen. Bekannt ist ihm auch, dass der Aufkauf von Staatspapieren und die Mästung der Banken und Fonds mit Geld zwar auch den kleinen Wirtschaftsaufschwung gebracht hat, noch mehr aber den Wiederanstieg der Vermögenspreise, also der Preise für Wertpapiere und Immobilien verursacht hat. Im Zuge dessen sind die Reichen schnell noch reicher geworden. Ein Aufschwung, der auf dem Absatz von Luxuswaren und auf Investitionen in die Herstellung dieser Produkte basiert, fällt bald wieder in sich zusammen. Man nennt das Finanzkrise, wenn die Preise für Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe, Kunst und Bitcoins wieder fallen. Dann muss der Staat wieder die Banken retten, und deshalb ist dann wieder kein Geld da, um es in die Stärkung der Bildung und der sozialen Sicherheit zu stecken. Das Problem der fehlenden Inflation wäre einfach zu lösen, aber die Damen und Herren wollen (und dürfen) nicht.

Unser Autor ist Finanzjournalist und Publizist. Er lebt in Frankfurt am Main


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