Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 9 / Kapital & Arbeit

Kampf um Quartiere

Sozialer Zündstoff: Wie viele EU-Metropolen leidet Amsterdam unter Wohnungsknappheit und Preisanstieg. Gegensteuern scheint schwer

Von Gerrit Hoekman
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Trügerische Idylle: In Amsterdam ist ein Wettlauf um bezahlbare Wohnungen entbrannt

Paris, Wien, Brüssel, Frankfurt am Main – europäische Handelszentren fürchten den »Brexit«, oder besser, den daraus resultierenden Umzug vieler Banken und Institutionen der EU von London aufs Festland. Denn die Unternehmen und Behörden bringen eine Menge sehr gut entlohnter Angestellter mit, die am neuen Standort eine Wohnung brauchen – und mit den Einheimischen um die ohnehin wenigen Angebote konkurrieren werden.

Die niederländische Hauptstadt Amsterdam hat zum Beispiel im November den Zuschlag für die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) erhalten. Noch hat sie ihren Sitz in London, doch mit dem Austritt Großbritanniens zieht die Einrichtung an die Amstel. Einer internen Untersuchung der EMA zufolge, wollen 81 Prozent der 700 Mitarbeiter ihrem Arbeitgeber in die Niederlande folgen, wie die Amsterdamer Tageszeitung Het Parool am Donnerstag berichtete.

Die Stadtverwaltung hat ein Team gebildet, das den Familien beim Umzug helfen soll. Und besonders wichtig: Es soll dafür sorgen, dass sich die Neuankömmlinge in der gesamten Randstad ansiedeln, wie das urbane Ballungszentrum im Dreieck zwischen Amsterdam, Rotterdam und Den Haag genannt wird. Die EMA-Beschäftigten seien an weite Anfahrtswege zur Arbeit bereits aus London gewöhnt. Deshalb könne man ihnen auch Alkmaar oder Utrecht als Wohnsitze schmackhaft machen. »Wir erwarten deshalb keine großen Effekte auf den Wohnungsmarkt in Amsterdam«, zitierte Het Parool ein Teammitglied. Möglicherweise eine allzu optimistische Einschätzung.

Die Mieten und Immobilienpreise steigen in der Hauptstadt rasant. Wer sich ein Haus kaufen will, muss heute im Schnitt 13,5 Prozent mehr bezahlen als noch vor einem Jahr. Der Preis für einen Quadratmeter im »mittleren Standard« liegt im Moment bei 4.610 Euro. »In Amsterdam zeigen sich alle Krankheitssymptome eines überhitzten Häusermarktes«, gibt sogar ein Vertreter der Maklervereinigung gegenüber dem Blatt zu. Viele Hausbesitzer würden zudem gerne ihre Immobilie verkaufen, finden aber kein Folgeobjekt, in das sie ziehen könnten.

Bei den Mietwohnungen sieht es nicht besser aus. Das knappe Angebot treibt die Preise. Benachteiligt sind wie üblich Familien mit Kindern, Alleinerziehende, Studenten, Rentner und alle anderen mit wenig Geld. Die sozialen Wohnungsbaugenossenschaften haben lange Wartelisten. Der Rechnungshof von Amsterdam forderte kurz vor Weihnachten von der Stadtverwaltung, schärfer gegen die explodierenden Mieten vorzugehen. Außerdem müsse ein strengerer Blick darauf geworfen werden, dass große Wohnungen bei einer Neuvermietung nicht unterbelegt werden. Dennoch: Helfen würde nur, mehr in den sozialen Wohnungsbau zu investieren.

Um kurzfristig mehr Quartiere nutzbar zu machen, geht die Stadt nun energischer gegen die verbreitete Unsitte vor, Privatwohnungen über Internetportale wie Airbnb als Ferienunterkünfte anzubieten, die bekanntlich deutlich teurer sind als eine normale Monatsmiete. Die Objekte werden damit dem öffentlichen Wohnungsmarkt entzogen. Das gab die Kommune am Mittwoch bekannt. Mietwohnungen in Amsterdam dürfen jetzt nur noch für 30 Tage im Jahr an Urlauber vermietet werden anstatt der bisher erlaubten 60 Tage.

Vor einem Jahr war bereits eine Meldepflicht für alle eingeführt worden, die über Airbnb Wohnungen bewerben. Längst nicht alle Vermieter halten sich daran. 19.000 Amsterdamer Wohnungen stehen auf Airbnb zur Auswahl, berichtete Het Parool am Mittwoch. Das seien zehn Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Ein Drittel davon soll angeblich dauerhaft über das Internet an Touristen vermietet werden. Das Bußgeld in Höhe von 6.000 Euro schreckt die Geschäftemacher offenbar nicht.

In diesem Jahr will die Stadt laut Wohndezernent Laurens Ivens (Sozialisten) konsequent gegen solche Vermieter vorgehen. »Es gibt ein Rechercheteam, das online nach illegalen Ferienwohnungen sucht«, erläuterte Ivens in der Tageszeitung Trouw die Maßnahmen. Sei ein Angebot verdächtig, schicke man als Urlauber getarnte Mitarbeiter, um den schwarzen Schafen auf die Schliche zu kommen. »Ich will die Leute warnen: Ihr seid sehr dumm, wenn ihr euch jetzt nicht anmeldet«, so der Wohndezernent.

Ursprünglich war die Plattform nicht zum großen Geldverdienen gedacht, sondern als eine Art Tauschbörse für Reisende: Wohnst du bei mir, wohne ich bei dir. Doch inzwischen ist daraus ein lukratives Geschäft geworden. Miethaie sind dazu übergegangen, einen Großteil ihres Bestandes an Urlauber zu vermieten. Ivens weiß, dass sich diese Klientel vermutlich nicht um Appelle scheren wird. Sie verstehen es geschickt, ihr Angebote zu verschleiern, zum Beispiel indem sie unter verschiedenen Namen inserieren.

Airbnb verbieten kann Ivens nicht, solange es kein entsprechendes Gesetz gibt: »Berlin musste neulich eine solche Maßnahme zurücknehmen.« »Am liebsten sähe ich es, wenn Häuser nicht vermietet werden um Gewinn zu machen, sondern benutzt werden, um darin zu wohnen.«


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