Aus: Ausgabe vom 13.01.2018, Seite 4 / Inland

Messerstecher vor Gericht

Mord und versuchte Tötungen in Hamburger Supermarkt aus Sicht des Angeklagten religiös motiviert

Von Kristian Stemmler
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War es der Amoklauf eines Verwirrten oder ein islamistischer Anschlag? Hamburg stand noch unter dem Eindruck der Ereignisse beim G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli 2017, da erschütterte eine Gewalttat im Stadtteil Barmbek die Hansestadt. Der Palästinenser Ahmad A. erstach am 28. Juli in einem Supermarkt einen Kunden, verletzte eine Kundin schwer, atta­ckierte auf der Straße Passanten. Unter hohen Sicherheitsvorkehrungen begann am Freitag vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts der Prozess gegen den 26jährigen, den die Bundesanwaltschaft wegen Mordes sowie versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in sechs Fällen angeklagt hat.

Die Verhandlung begann mit einem Geständnis, das laut Nachrichtenagentur dpa der Anwalt des 26jährigen vortrug. »Er bekennt sich in allen Anklagepunkten ausdrücklich schuldig«, erklärte er. »Die Taten hatten aus seiner Sicht einen religiösen Hintergrund.« Der Angeklagte habe unter einer sehr großen Anspannung gestanden, aus der heraus er die Taten begangen habe. Zu den Details der Taten werde sich sein Mandant nicht äußern, ebensowenig zu seinem Konsum von Alkohol oder Drogen und zu Fragen seiner Hinwendung zur Religion oder zu einer Terrororganisation.

Am Nachmittag des 28. Juli hatte Ahmad A., ein abgelehnter Asylbewerber, der in einer Flüchtlingsunterkunft lebte, einen Edeka-Markt in Barmbek betreten. Er griff sich ein Messer mit einer 20 Zentimeter langen Klinge aus einem Regal und stach unvermittelt auf einen Kunden und eine Kundin (beide 50 Jahre) ein. Der Mann starb am Tatort, die Frau konnte gerettet werden. Auf der Flucht verletzte A. vier Männer im Alter von 67, 57, 56 und 19 Jahren, ehe ihn Zeugen in der Nähe des Supermarktes überwältigen konnten.

Am ersten Verhandlungstag beantwortete der Angeklagte lediglich Fragen zu seinem Lebenslauf. Demnach hatte er angefangen, Zahnmedizin zu studieren, aber dann abgebrochen. Seine Mutter sei Lehrerin. Nach Deutschland sei er gekommen, um zu arbeiten und auf eigenen Beinen zu stehen. Auch die westliche Lebensweise sei anfangs ein Grund gewesen. Doch dann sei er damit nicht klargekommen. »Ich hatte den Eindruck, dass ich nicht willkommen bin«, übersetzte ein Dolmetscher eine der Antworten aus dem Arabischen.

Die Anklage betrachtet den Palästinenser aufgrund eines vorläufigen psychiatrischen Gutachtens als voll schuldfähig. Die Behörden gehen davon aus, dass er sich selbst radikalisiert und als Einzeltäter gehandelt hat. Der Angeklagte habe Vergeltung für das aus seiner Sicht Muslimen weltweit zugefügte Unrecht üben wollen. Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft wollte er seine Tat als »Beitrag zum weltweiten Dschihad verstanden wissen«, sei aber kein Mitglied eines islamistischen Netzwerks gewesen.

Für politischen Streit hatte die Tatsache gesorgt, dass die Staatsschutzabteilung des Hamburger Landeskriminalamtes und das Landesamt für Verfassungsschutz schon Monate vor der Tat Hinweise auf eine Radikalisierung des Mannes erhalten hatten. Ahmad A. war aber nicht als akut gefährlich eingestuft worden, sondern lediglich als psychisch labil. Für Diskussionen hatte auch gesorgt, dass A. nach Norwegen hätte abgeschoben werden können. Dort hatte er zu einem früheren Zeitpunkt gelebt. Doch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge versäumte eine Frist.


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