Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 16 / Sport

Der Schattenmann

Mit Talentscout Sven Mislintat wechselte einer der wichtigsten BVB-Mitarbeiter zu Arsenal London. Dort stößt er auf erste Probleme

Von Rouven Ahl
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Nicht gerne im Mittelpunkt: Talentscout Sven Mislintat, damals noch bei Borussia Dortmund (2012)

Normalerweise muss Arsène Wenger andere Personalien kommentieren: Doch Anfang Januar fragte das Internetmagazin Football London den Trainer des FC Arsenal nach seinem Verhältnis zum neuen Chefscout seines Klubs, Sven Mislintat. Wenger gestand, man hätte Schwierigkeiten, sich aneinander anzupassen: »Momentan ist es noch etwas neu und ungewohnt.« Mislintat war Ende vergangenen Jahres von Arsenals Vorstandsvorsitzenden Ivan Gazidis angeworben worden, um Wengers langjährigen Vertrauten Steve Rowley zu ersetzen.

Der Wechsel des Spielerbeobachters machte in Deutschland und Großbritannien ungewöhnliche Schlagzeile. Wenn ein Scout einen Bundesligisten verlässt, interessiert das meist nur absolute Insider. Die Berufsgruppe leistet Hintergrundarbeit, abseits der Pressekonferenzen und Fernsehkameras. Doch Mislintat kam nicht von irgendeinem Bundesligisten, sondern von Borussia Dortmund. Dort hatte er einiges bewirkt. Unter seiner Leitung erarbeitete sich die Scoutingabteilung der Westfalen den exzellenten Ruf, den sie heute genießt; auf sein Konto gehen u. a. die Verpflichtungen von Robert Lewandowski, Ousmane Dembele oder Shinji Kagawa. Gerade der Transfer von letzterem aus der zweiten japanischen Liga brachte dem 45jährigen einiges an Respekt ein.

Diese Namen standen auch in den Notizblöcken anderer Talentsucher. Was Mislintat vor allem auszeichnet, ist seine Prognosefähigkeit. Er vermag gut einzuschätzen, ob ein Spieler den Sprung in die Elite des Weltfußballs schaffen kann, wie der 11Freunde-Redakteur Christoph Biermann der englischen Tageszeitung The Guardian sagte. Als Mislintat seinen Posten beim BVB 2006 antrat, war der achtmalige deutsche Meister finanziell schlecht aufgestellt, teure Spielertransfers nicht zu machen. Mit seinem Auge für günstige potentielle Weltklassespieler hat Mislintat neben Trainer Jürgen Klopp, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Michael Zorc einen großen Anteil an der sportlichen Renaissance der Dortmunder in den folgenden Jahren.

Um so schwerer wiegt nun sein Abgang. Beim englischen Spitzenklub Arsenal ist er seit dem 1. Dezember 2017 der Leiter der Scoutingabteilung sowie verantwortlich für Transfers. Dem 13fachen englischen Meister war seine Verpflichtung sogar eine Ablöse in Höhe von etwa zwei Millionen Euro wert. Mislintat selbst sagte über seinen Wechsel, dass er in Dortmund eigentlich zufrieden war, und eine Veränderung bis vor kurzem gar nicht in Betracht gezogen hatte. Ein Streit mit dem ehemaligen Trainer Thomas Tuchel und dessen Folgen – Mislintat wurde offenbar zwischenzeitlich der Zugang zum Trainingsgelände verwehrt –, brachten ihn angeblich zum Umdenken. Dieses Zerwürfnis war letztlich auch einer der Gründe, warum Tuchel trotz erfolgreicher Arbeit im Sommer entlassen wurde – und weshalb Mislintat plötzlich im Rampenlicht stand.

Arsenal–Trainer Wenger begrüßte seine Verpflichtung zunächst. Der Franzose war einst selbst für sein gutes Auge für junge Spieler mit großem Potential bekannt. In den letzten Jahren hatten die »Gunners« mit Talenten allerdings weniger Glück. Mislintat soll helfen, wieder zu anderen Topklubs aufzuschließen. Es kommt viel Arbeit auf ihn zu, stehen doch die beiden größten Stars vor dem Absprung, Mesut Özil und Alexis Sanchez.

Das anfängliche Wohlwollen ist aber mittlerweile Skepsis gewichen. Gegenüber London Football sagte Wenger: »Wir kannten jeden Spieler in Europa, bevor Sven kam.« Und weiter: »Manchmal kennt er vielleicht einen Spieler von einem kleinen Verein in Deutschland, den wir vielleicht vergessen haben.« In der britischen Hauptstadt wird sich Mislintat erst wieder beweisen müssen.


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