Aus: Ausgabe vom 12.01.2018, Seite 7 / Ausland

Fortschritte in Afrin

Im Norden Syriens ist der Aufbau des selbstverwalteten Kantons in vollem Gange

Von Karin Leukefeld, Afrin
IIMG_2319.jpg
Erinnerung an Kämpfer: Gedenktafel für im Jahr 2016 getötete Mitglieder der Volks- bzw. Frauenverteidigungseinheiten in Afrin

Der Weg nach Afrin führt nördlich aus Aleppo heraus durch die Trümmer früherer Industrieviertel. Bei Scheich Maksud ist die gelb-rot-grüne Fahne der Partei der demokratischen Union (PYD) gehisst, vor den zerstörten Appartementblocks von Masaken Schababi halten Männer und Frauen der kurdischen Volks- bzw. Frauenverteidigungseinheiten ­(YPG/YPJ) Wache. Erkennbar sind sie an ihren jeweiligen Fahnen.

Am letzten Kontrollpunkt am Rande von Aleppo sind sowohl eine syrische als auch eine kurdische Fahne gehisst, dann geht es auf die Castello-Straße, die heute eine Sandpiste mit unzähligen Schlaglöchern ist. Nach Westen hin ist ein hoher Schutzwall aufgeschüttet, um vor den Scharfschützen der nur wenige Kilometer weiter westlich operierenden islamistischen Kampfverbände zu schützen. Zu beiden Seiten der Straße wird Müll abgelagert, aus dem Menschen Metallreste angeln, um sie zu verkaufen.

Afrin ist eine Kleinstadt im Norden Syriens und liegt etwa 40 Kilometer nordwestlich von Aleppo. Zu dem Gebiet gehören 360 Dörfer. Die Bewohner sind Kurden, Araber, Jesiden. Es gibt Tscherkessen, früher lebten auch Christen hier. Afrin ist berühmt für sein Olivenöl. Hier gibt es zudem Obst und Gemüse, Wasser, Viehwirtschaft. Antike Stätten zogen früher Tausende Touristen und Archäologen an.

Heute ist Afrin ein von der PYD selbstverwalteter Kanton der »Demokratischen Föderation Nordsyrien« –auch bekannt als Rojava. Der starke Einfluss der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ist nicht zu übersehen. Schon am Kontrollpunkt nördlich von Aleppo bei Nubul blickt der PKK-Vorsitzende Abdullah Öcalan den Reisenden entgegen. Er sitzt in der Türkei in Isolationshaft und wird total abgeschirmt.

Der Checkpoint wirkt wie eine Grenze. Busse dürfen nur leer passieren, die Fahrgäste müssen aussteigen und zu Fuß mehrere hundert Meter durch einen mit Draht abgetrennten Korridor laufen. Die Farben der Gebäude und Absperrungen sind unerwarteterweise nicht in den kurdischen Farben gelb-rot-grün angestrichen, sondern in schlichtem Blau-Weiß. Hinter der Grenze halten Kleinlaster mit Gasflaschen, die aus Aleppo geliefert und auf Fahrzeuge aus Afrin – mit eigenem Nummernschild – umgeladen werden.

Rund eine Million Menschen lebt heute in Afrin, viele seien Inlandsvertriebene, sagt die Ministerpräsidentin des Kantons, Hevi Mustefa, im Gespräch mit junge Welt. Internationale Hilfe erreiche das Gebiet kaum, nur wenige ausländische, zumeist private Organisationen seien vor Ort. Nahezu jedes Dorf verfüge über eine Grundschule, in der Stadt Afrin könnten Schüler an Gymnasien auch das Abitur machen. Die frühere Lehrerin Hevi Mustefa ist stolz auf die Fortschritte bei der Frauengleichberechtigung. In Revolutionen würden Frauen immer eine wichtige Rolle spielen, sie werde sich dafür einsetzen, dass es dabei auch bleibe.

Als der Krieg 2012 auch Aleppo erreichte, zogen Textilunternehmen aus Aleppo nach Afrin und eröffneten Fabriken. Hosen, Röcke, Jacken werden produziert und auch in Damaskus verkauft. In Afrin selbst findet man auch türkische Kleidung und Schuhe. Vor dem Krieg wurden die Waren direkt aus der Türkei nach Syrien geliefert, die Handelsbeziehungen zwischen beiden Ländern waren gut. Heute nehmen die türkischen Waren den gleichen Weg wie Kämpfer, Waffen und humanitäre Hilfe, die aus der Türkei in die von Islamisten kontrollierte Provinz Idlib gelangen. Von dort aus erreichen die Waren Afrin auf Wegen, die von den in der Region operierenden Akteuren ausgehandelt werden. Geld wechselt die Besitzer, der Handel blüht.

Seine Geschäfte laufen gut, er könne sich nicht beklagen, sagt Ahmed Mohammed, Inhaber eines Schuhgeschäftes im Zentrum der Stadt. Seinen richtigen Namen möchte er nicht nennen. Wenige Schritte von seinem Geschäft entfernt liegt ein kleiner Park, in dem die YPG und YPJ eine große Gedenktafel für ihre getöteten Kämpferinnen und Kämpfer aus dem Jahr 2016 errichtet haben. Mitten unter ihnen ist wieder der Mann, den viele Kurden als ihren Präsidenten sehen: Abdullah Öcalan.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Neue Ausgabe vom Mittwoch, 24. Januar erschienen — jetzt einloggen! Oder abonnieren.
Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • Die landesweiten Proteste halten an. Kundgebungen am Jahrestag des »Arabischen Frühlings«
  • Österreich: Regierung will Unterstützung für Geringverdiener kürzen
    Simon Loidl, Wien
  • Venezuelas Regierung und Opposition verhandeln in der Dominikanischen Republik
    Modaira Rubio, Caracas
  • Die Tschechen sind an diesem Wochenende aufgerufen, über einen neuen Präsidenten abzustimmen. Linke Kandidaten fehlen
    Matthias István Köhler