Aus: Ausgabe vom 10.01.2018, Seite 7 / Ausland

Damaskus unter Beschuss

Bewaffnete Gruppen reagieren auf Offensive der Armee mit Angriffen auf Zivilisten. Israel attackiert erneut Syrien

Von Karin Leukefeld, Damaskus
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Bewohner des Dorfs Tel Al-Tukan in der syrischen Provinz Idlib bereiten sich auf die Flucht vor (4. Januar 2018)

Am Dienstag ist die Damaszener Altstadt von mehreren Granaten getroffen worden. Die Geschosse, die unweit des vorwiegend von Christen bewohnten Viertels Bab Tuma einschlugen, wurden von bewaffneten Gruppen aus östlichen Vororten der syrischen Hauptstadt abgefeuert. Auch die Seitun-Kirche wurde getroffen. Zwei Kirchen in Bab Tuma waren bereits am Montag von einer Rakete schwer getroffen worden.

Der Beschuss ist eine Reaktion auf eine Offensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten: Russland, Iran und die libanesische Hisbollah. Sie gehen östlich von Damaskus und im Grenzgebiet der Provinzen Idlib und Hama gegen die verbliebenen bewaffneten Gruppen vor. Nahe der Hauptstadt gelang es den Regierungstruppen in der Nacht zu Montag, einen von der ehemals Al-Nusra-Front genannten Fatah-Al-Scham-Front und ihren Verbündeten gezogenen Belagerungsring um ein Militärdepot zu durchbrechen. Gleichzeitig konnten auch zwei Getreidemühlen unweit der Armeebasis wieder unter Kontrolle gebracht werden. In der nordwestsyrischen Provinz Idlib rückt die syrische Armee mit ihren Verbündeten in Richtung des strategisch wichtigen Militärflughafens von Abu Al-Duhur vor, der von der Fatah-Al-Scham-Front kontrolliert wird.

Am Dienstag setzte sich der Kampf östlich von Damaskus in Harasta, Irbin und Ain Tarma fort. Harasta gehörte mit anderen östlichen Damaszener Vororten zu einer Deeskalationszone, die nach den Astana-Gesprächen im Frühjahr 2017 etabliert worden war. Anfänglich wurde dort über den Abzug beziehungsweise Entwaffnung der Kampfgruppen verhandelt. Doch nach einem schweren Anschlag auf eine Armeestellung im Oktober 2017, bei dem 70 Soldaten getötet wurden, nahm die Gewalt wieder zu, die Deeskalation war gescheitert. Ein weiterer Anschlag folgte Ende Dezember, woraufhin die Armee ihre Angriffe erneut verstärkte.

In der Nacht zu Dienstag attackierte die israelische Luftwaffe die östlich von Damaskus gelegene Militärbasis Kutaifa. Nach Angaben des Generalstabs wurden bei drei aufeinanderfolgenden Angriffen mehrere Raketen von der syrischen Luftabwehr abgefangen, ein Flugzeug sei getroffen worden. Zunächst habe ein Kampfjet durch den libanesischen Luftraum mehrere Raketen auf Kutaifa abgefeuert. Dann sei ein Angriff von den von Israel besetzten Golanhöhen aus mit Boden-Boden-Raketen erfolgt. Der dritte Angriff sei erneut mit Kampfjets durchgeführt worden. Die Armeeführung in Damaskus warf Israel vor, mit seiner »ungeheuerlichen Aggression terroristische Gruppen« zu unterstützen.

Tel Aviv äußert sich zu den Angriffen nicht. Der israelische Energieminister Yuval Steinitz hatte bereits am Montag gegenüber dem Armeeradio erklärt, die Regierung von Benjamin Netanjahu führe »diplomatische, geheimdienstliche und Sicherheitsoperationen durch«, um zu verhindern, dass aus Syrien »eine iranische Militärbasis wird«.

Der syrische Minister für nationale Versöhnung, Ali Haidar, erklärte im syrischen Fernsehen, in Harasta gebe es angesichts der wiederholten Angriffe der bewaffneten Gruppen und deren Missachtung der Deeskalationsvereinbarung derzeit keine Gespräche. Man wolle indes die Tür nicht zuschlagen. Doch habe die Erfahrung gezeigt, dass die Kämpfer nicht an einer Versöhnung interessiert seien.

Das russische Verteidigungsministerium teilte am Dienstag Einzelheiten über Angriffe auf den russischen Luftwaffenstützpunkt Hmeimim in Latakia sowie auf den Marinestützpunkt Tartus mit. In der Nacht zu Samstag seien beide Ziel eines Angriffs mit insgesamt 13 bewaffneten Drohnen gewesen. Sechs der Drohnen wurden demnach abgefangen, die anderen sieben abgeschossen. Die beiden Stützpunkte seien nicht getroffen worden. Die Drohnen seien hochentwickelt gewesen, ausgestattet mit einem GPS-Suchsystem und in der Lage, bis zu 100 Kilometer weit zu fliegen, hieß es aus Moskau. Die Art der Drohnen und der mitgeführten Sprengsätze deute darauf hin, dass sie aus dem Ausland zu den Kampfgruppen gelangt sein müssten. Ihre Herkunft werde untersucht.


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