Aus: Ausgabe vom 09.01.2018, Seite 4 / Inland

Anschlag auf Erdogan-Kritiker

Schüsse auf Auto von Fußballer Deniz Naki in Deutschland. Hinweise auf Anschlagspläne des türkischen Geheimdienstes

Von Nick Brauns
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Deniz Naki im März 2013, damals beim SC Paderborn. 2009 war er Mitglied der U-21-Nationalmannschaft gewesen

Auf den deutsch-kurdischen Fußballspieler Deniz Naki wurde am späten Sonntag abend ein Anschlag verübt. Auf der Autobahn A 4 bei Düren wurden aus einem fahrenden Auto mehrere Schüsse auf Nakis Fahrzeug abgegeben. Mindestens zwei Projektile hätten die linke Seite seins Wagens durchschlagen, erklärte der 28jährige, der unverletzt blieb. Die Staatsanwaltschaft Aachen hat Ermittlungen gegen Unbekannt wegen versuchter Tötung eingeleitet.

Naki ist ein Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er vermutet türkische Geheimdienstler oder Nationalisten hinter den Angriff. Er wisse nicht, ob es sich um einen Mordanschlag oder eine Warnung gehandelt habe, erklärte der frühere Spieler des Hamburger Fußballclubs St. Pauli und derzeitige Kapitän des kurdischen Drittligisten Amed Spor in Diyarbakir im Südosten der Türkei gegenüber Spiegel online. Er gehe aber von einem politischen Hintergrund aus: »Ich bin in der Türkei eine laufende Zielscheibe, weil ich mich prokurdisch äußere.« Im vergangenen Frühjahr war Naki aufgrund seiner öffentlichen Kritik am Krieg gegen die Kurden in der Türkei zu einer 18monatigen Haftstrafe auf Bewährung wegen »Terrorpropaganda« verurteilt worden. Bei Fußballspielen dort wird er zudem regelmäßig von nationalistischen Fans anderer Vereine rassistisch angefeindet.

Der Mordanschlag zeige, dass Oppositionelle aus der Türkei in Deutschland nicht sicher seien, sagte die Abgeordnete der Hamburgischen Bürgerschaft Cansu Özdemir (Die Linke) am Montag gegenüber jW. Auch sie sei bereits ins Visier des türkischen Geheimdienstes geraten, wie der Hamburger Linksfraktion im Juli zugespielte Gesprächsmitschnitte eines mutmaßlichen Agenten des türkischen Geheimdienstes gezeigt hätten, erklärte Özdemir. Die Politikerin fordert Schutzmaßnahmen von den deutschen Sicherheitsbehörden. Sie befürchtet, dass »die Mordkommandos Erdogans so lange Jagd auf Oppositionelle machen, bis jemand stirbt«.

Der kurdische Dachverband in Deutschland, Nav-Dem (»Demokratisches Gesellschaftszentrum der KurdInnen in Deutschland«) kritisierte die Bundesregierung. Sie nehme die Gefahr, die »vom türkischen Geheimdienst MIT und seinen Auftragsmördern« in Deutschland ausgehe, nicht ernst genug, erklärte Ayten Kaplan, Kovorsitzende des Verbandes, am Montag. Die jüngste Vergangenheit zeige, »dass weder die deutsche Justiz noch die Politik hierzulande ein Interesse daran hat, gegen diese Gefahr ernsthaft vorzugehen«. Die Ermittlungen gegen Imame des Dachverbandes der türkischen Moscheegemeinden DITIB wegen Spionage seien fallengelassen worden, die Mordpläne des Agenten Mehmet Fatih S. gegen kurdische Aktivisten interessierten die Staatsanwaltschaft nicht. Gegen andere MIT-Agenten erhebe die Bundesstaatsanwaltschaft noch nicht einmal eine Anklage, »obwohl wir unsere Erkenntnisse stets mit ihr teilen«, monierte Kaplan. Sie kritisierte zudem, dass Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) »Waffenlieferungen im Gegenzug zur möglichen Freilassung« des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel« ins Gespräch gebracht habe.

Der Abgeordnete der linken prokurdischen Demokratischen Partei der Völker (HDP) Garo Paylan hatte kürzlich im türkischen Parlament erklärt, ihm lägen Informationen über Anschlagspläne auf in Europa lebende türkischstämmige Oppositionelle und Journalisten vor. Das ZDF-Magazin »Frontal 21« hatte bereits im Dezember enthüllt, dass ein Vertrauter von Präsident Erdogan die in Deutschland aktive Rockergruppe »Osmanen Germania« mit Geld für Waffenkäufe versorgt hat. In einem Ausnahmezustandsdekret, das Erdogan am 24. Dezember erlassen hat, gibt es zudem einen Passus, der Zivilisten Straffreiheit nach Tötung vermeintlicher Terroristen zusichert.

Kolumnisten regierungsnaher türkischer Zeitungen haben wiederholt die Ermordung nach Europa geflohener prominenter Erdogan-Kritiker gefordert. Erst am Wochenende kündigte Ahmet Kekec in der Tageszeitung Star an, der Geheimdienst werde den Journalisten Can Dündar in die Türkei entführen. Der frühere Chefredakteur der oppositionellen Tageszeitung Cumhuriyet lebt seit zwei Jahren im Berliner Exil. In der Türkei droht ihm eine langjährige Haftstrafe.


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