Aus: Ausgabe vom 09.01.2018, Seite 3 / Schwerpunkt

13 Jahre Ungewissheit

Gedenken an Oury Jalloh: Bruder des Opfers bedankt sich bei Tausenden Demonstranten

Von Susan Bonath, Dessau
chm_ 20180107_0464.jpg
Gedenkdemonstration zum 13. Todestag von Oury Jalloh in Dessau

Mehr als 4.000 Menschen haben am Sonntag in der 85.000-Einwohner-Stadt Dessau in Sachsen-Anhalt gemeinsam mit der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh ein deutliches Zeichen gesetzt. »Wir werden nicht aufhören, Aufklärung zu fordern und die Justiz unter Druck zu setzen, auch wenn sie uns verfolgen«, sagte Mouctar Bah unter lautem Beifall. Bah war mit dem 2005 in einer Dessauer Polizeizelle verbrannten Flüchtling aus Sierra Leone befreundet, hatte die Initiative mit ins Leben gerufen. Er selbst und viele andere seien immer wieder mit konstruierten Vorwürfen angeklagt worden.

Man habe ihm auch die Lizenz für ein Internetcafé entzogen. »Wir alle haben ein Ziel: Rassismus muss bekämpft werden, dafür müssen wir eine gemeinsam Sprache sprechen«, so Bah. Diese Gewalt sei Teil des Systems und Jalloh ihr Symbol. Sein Bruder Mamadou Saliou Diallo solle sehen, »wie viele Leute heute an Oury denken«.

Saliou Diallo, mit Hilfe von Spenden aus Guinea angereist, trat ebenfalls ans Mikrofon. »Seit 13 Jahren warten wir darauf zu erfahren, was Oury erlitten hat«, sagte er. Es sei wichtig für ihn, die Menschen zu sehen, »die hier für Gerechtigkeit stehen«, dankte er den Demonstranten. Und ergänzte auf deutsch: »Oury Jalloh – das war Mord.« Mit diesem Slogan gehen Aktivisten seit Jahren auf die Straße. Auch nachdem ein Gericht ihn zur freien Meinungsäußerung erklärt hatte, versuchte die Polizei immer wieder, ihn zu unterbinden.

Am vorgestrigen Sonntag hielten sich die Uniformierten allerdings im Hintergrund. Sie wussten wohl, warum: Es dürfte der Polizei nun nicht mehr gelingen, die Demonstranten als Verschwörungstheoretiker zu brandmarken. Ihre Mordthese teilt mindestens seit April 2017 der langjährige Dessauer Ermittler in dem Fall, Oberstaatsanwalt Folker Bittmann. Es war eine Wende um 180 Grad, die Abkehr von der Selbstmordthese, für die es nie einen einzigen Beleg gab. Doch kurz darauf entzog ihm Sachsen-Anhalts Generalstaatsanwalt das Verfahren – um es in Halle einstellen zu lassen. Bittmann geht von einem Verdeckungsmord aus. Polizeibeamte hätten Oury Jalloh misshandelt, mindestens seine schweren Verletzungen nicht ärztlich versorgen lassen. Um das zu verschleiern, hätten sie den Gefesselten wahrscheinlich angezündet.

Auch die in der Vergangenheit häufig verbreitete Darstellung von »gewaltbereiten Linksautonomen« passt nicht ins Bild. Die Polizei war kaum präsent, weil vornehmlich damit befasst, eine kleine AfD-Gegendemonstration mit etwa 100 Teilnehmern zu »sichern«. Es blieb dennoch alles friedlich. Thomas Ndindah von der Initiative hatte gleich zu Anfang gemahnt: »Wir demonstrieren heute nicht gegen die AfD, sondern zum Gedenken an Oury Jalloh.« Eine ältere Frau, die seit Jahren an jedem Todestag des Opfers dabei ist, sagte im Gespräch mit jW, sie habe nichts anderes erwartet. »Bisher war es die Polizei, die zu diesem Anlass provozierte, wohl weil sie sich selbst provoziert fühlte.«

Vor wenigen Tagen berichteten Taz und Mitteldeutsche Zeitung über eine nicht verfolgte Anzeige im Fall Oury Jalloh als angeblich neues Detail. Tatsächlich hatte jW schon 2015 davon berichtet. Der Zeuge Dirk N., ein Justizmitarbeiter, hatte 2013 den Polizisten Udo S. angezeigt und wurde danach selbst mit einem Verfahren belangt. Er gab an zu wissen, dass S. es gewesen sei, der Jalloh im Januar 2005 in der Dessauer Polizeizelle angezündet habe. S. sei vor 1990 bei der Betriebsfeuerwehr eines Dessauer Chemiewerks gewesen, kenne sich mit Brandmitteln aus. Die Spekulationen überschlugen sich: Reicht das aus, um jemanden zu beschuldigen?

Im Kontext wird vieles klarer: Wie N. der Linke-Abgeordneten im Magdeburger Landtag Henriette Quade gesagt habe, seien ihm etliche Polizisten gut bekannt, darunter der Vorgesetzte von Udo S., Andreas Sch. Privat habe Sch. 2007 gegenüber N. geäußert: »Ich war es nicht.« Dabei zweifelte damals keine Behörde die offizielle Selbstmordthese an. Andreas Sch. wurde 2012 in Magdeburg wegen fahrlässiger Tötung zu einer Strafe von 10.800 Euro verurteilt. Das Landgericht Dessau hatte ihn und Hans-Ulrich M. vier Jahre zuvor freigesprochen.

Eigentlich sollte 2007 auch Udo S. vor Gericht landen. Er und M. hatten Jalloh festgenommen und gefesselt. Das Gericht wies die Anklage ab. 2011 kam heraus: Der Polizist Torsten B. sah S. zusammen mit M. wenige Minuten vor dem Brandausbruch in der Zelle. Niemand hatte diese »Kon­trolle« vermerkt, ebenfalls ging keiner dieser Aussage nach. Ferner war S. offenbar auch nach 1990 bei der Dessauer Feuerwehr aktiv. Diese verabschiedete ihn 2013 zum 65. Geburtstag im Amtsblatt. Wie M. hat S. kein Alibi zur Tatzeit. Die Anzeige gegen ihn nahm N. später auf Druck zurück. In den Ermittlungsakten taucht sie nicht auf.

Außerdem existiert, wie jW berichtete, eine zweite Anzeige. Sie stammt von einer WDR-Journalistin. Ein Privatdetektiv hatte sie kontaktiert, den der Polizist Daniel N. eingeschaltet hatte. N. wiederum war von seinem Freund Conny E. ins Vertrauen gezogen worden. E. hatte ihm berichtet, was ihm seine Exfrau anvertraut hatte: Ihr damaliger Freund, Birko S., habe vor ihr damit geprahlt, auf Geheiß aus dem Dessauer Revier Brandbeschleuniger besorgt zu haben. S. ist Polizeibeamter, Hundetrainer und Feuerwehrmann. Der Generalbundesanwalt verwies die Anzeige an die Staatsanwaltschaft Dessau. Die befragte weder E.s Exfrau noch Birko S. Stattdessen ließ sie E.s Wohnung durchsuchen und Datenträger beschlagnahmen. Damit wollte sie Conny E. der Lüge überführen. Als das nicht gelang, stellte sie das Verfahren ein. (sbo)


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Verdacht auf Mord Wurde Oury Jalloh das Opfer eines Verbrechens?

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Schwerpunkt
  • Oury Jalloh und Mario Bichtemann starben auf ungeklärte Weise im Polizeirevier Dessau. Zwischen beiden Fällen gibt es erschreckende Parallelen
    Susan Bonath