Aus: Ausgabe vom 09.01.2018, Seite 1 / Titel

Vor die Werkstore!

IG Metall startet bundesweite Warnstreiks in der Metall- und Elektroindustrie. Mehr als 15.000 Arbeiter im Ausstand

Von Stefan Thiel
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Dem Kapital einheizen: Arbeiter des Automobilzulieferers Kirchhoff im west­fälischen Iserlohn demonstrieren am Montag mit »südländischer Begeisterung«

Wenn sich das Kapital in einer Tarifrunde nicht bewegt, tun es eben die Arbeiter. So auch am Montag in der Metall- und Elektroindustrie: Tausende Beschäftigte folgten dem Aufruf der IG Metall und zogen vor die Werkstore. Damit begannen die von der Gewerkschaft bereits im Vorfeld angekündigten bundesweiten Warnstreiks in der Branche. Diese sollen im Laufe der Woche sukzessive ausgeweitet werden, um den Druck auf die Unternehmer zu erhöhen. Am Donnerstag findet dann im als Pilotbezirk geltenden Baden-Württemberg die nächste Runde der Tarifverhandlungen statt.

Insgesamt beteiligten sich nach Gewerkschaftsangaben am Montag bundesweit mehr als 15.000 Arbeiter aus über 80 Betrieben am Ausstand. Dazu aufgerufen waren Belegschaften aus Berlin, Brandenburg, Sachsen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen sowie Baden-Württemberg. Dort legten etwa in Stuttgart mehr als 3.000 Porsche-Mitarbeiter die Arbeit nieder. In Berlin nahmen nach Angaben der IG Metall rund 700 Arbeiter an einer Demonstration durch den Stadtteil Tegel teil. Dem Aufruf in der Hauptstadt folgten mehrheitlich Arbeiter des Aufzugherstellers Otis. Unterstützung bekamen sie unter anderem aus den Belegschaften der Firmen MAN, Borsig sowie aus dem Mercedes-Benz-Werk Marienfelde. In Sachsen wurden unter anderem das Volkswagen-Motorenwerk in Chemnitz sowie drei Gießereibetriebe in Leipzig bestreikt. Im brandenburgischen Hennigsdorf zogen rund 300 Beschäftigte des kanadischen Bahnbauers Bombardier vor die Fabrik­tore.

»Die starke Beteiligung der Belegschaften am bundesweiten Warnstreikauftakt zeigt, was sie vom Arbeitgeberangebot halten: Nichts! Sie lassen sich nicht mit einem mickrigen Lohnangebot abspeisen. Zudem müssen die Arbeitgeber endlich ihre Verweigerungshaltung aufgeben und mit uns konstruktiv über unsere Forderung zur Arbeitszeit reden«, kommentierte ­IG-Metall-Chef Jörg Hofmann in einer Mitteilung das bisherige Geschehen in dem Tarifkonflikt. Zugleich kündigte Hofmann auch für die kommenden Tage bundesweite Arbeitsniederlegungen an.

Die IG Metall fordert neben sechs Prozent mehr Lohn für alle 3,9 Millionen Beschäftigten in der Branche auch einen rechtlichen Anspruch auf eine individuelle, auf maximal zwei Jahre begrenzte Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 28 Stunden. Besonders belastete Gruppen wie die der Schichtarbeiter sowie der Beschäftigten, die Kinder erziehen oder Angehörige pflegen müssen, sollen hierbei zumindest einen teilweisen Lohnausgleich erhalten. Zudem sollen alle Arbeiter und Angestellten, die ihre Arbeitszeit verkürzen, ein Rückkehrrecht in die Vollzeit erhalten.

Nach zwei Verhandlungsrunden besteht das »Angebot« der Kapitalseite lediglich aus einer Einmalzahlung von 200 Euro für die Monate Januar bis März und einer Lohnerhöhung um zwei Prozent ab April. Verhandlungen über Arbeitszeitverkürzungen lehnen die Unternehmer hingegen kategorisch ab. Nicht zuletzt vom Jobabbau betroffene Belegschaften wie bei Bombardier in Hennigsdorf verbinden damit aber weitere Hoffnungen. Darauf verwies am Montag die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Oranienburg, Stefanie Jahn: »Jede Arbeitszeitverkürzung schafft Arbeitsplätze«, sagte sie dem Rundfunk Berlin-Brandenburg. Sollte sich das Kapital in dieser Frage weiterhin nicht bewegen, werden die Metaller wohl auch noch in den kommenden Wochen zu Zehntausenden vor die Werkstore ziehen.


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