Aus: Ausgabe vom 06.01.2018, Seite 8 / Ansichten

Mantel des Schweigens

Ermittlungen zum Tod Oury Jallohs

Von Susan Bonath
Gedenken_zum_Todesta_36835586.jpg
Kundgebungteilnehmer demonstrieren zum 9. Todestag von Oury Jalloh am 07. Januar 2014 in Dessau-Roßlau

Staatlich organisierte Vertuschung – so muss man es wohl nennen, wenn Justiz und Behörden alles Erdenkliche dafür tun, einen Mord nicht aufzuklären. Der Fall Oury Jalloh ist beispielgebend: Da verbrennt ein 36jähriger Afrikaner binnen 20 Minuten bis zur Unkenntlichkeit in einer gefliesten Polizeizelle. Von der feuerfest umhüllten Matratze bleiben nur verkohlte Reste. Doch die Tatortgruppe lässt sie nicht auf Brandbeschleuniger untersuchen. Noch bevor sie eintrifft, steht die These fest: Der Mann habe sich, trotz gefesselter Hände und Füße, selbst angezündet.

Es verschwinden Polizeijournale, Dienstpläne, Matratzenkaufbelege, eine Handfessel, der größte Teil vom Tatortvideo. Polizisten lügen, dass sich die Balken biegen. Das hat sogar der Dessauer Richter Manfred Steinhoff festgestellt. Ohne die Unterstützer der Hinterbliebenen hätte es keine Nebenklage in zwei Prozessen gegeben. Die Verletzungen Jallohs im Kopfbereich, an Nasenbein und Siebbeinplatte, wären unbekannt geblieben. Richterin Claudia Methling hätte keine Untersuchung des Feuerzeugs angeordnet, mit dem sich das Opfer angeblich selbst angezündet hatte. Keiner hätte festgestellt, dass das Utensil nie in der Zelle war und irgendwer es manipuliert haben muss. Die Staatsanwaltschaft Dessau hätte keine neuen Ermittlungen aufgenommen, keine Gutachter beauftragt. Und Sachsen-Anhalts Justizministerin hätte nicht angeordnet, die Ermittlungen wieder aufzunehmen. Kurz: Ohne die Unterstützer, die etwa 100.000 Euro für eigene Gutachten ausgeben mussten, wäre der Fall seit vielen Jahren abgehakt. Sie waren die eigentlichen Ermittler.

Man beschimpfte sie als Verschwörungstheoretiker. Die Justiz verfolgte sie, erfand immer neue Gründe. »Allein ich habe wohl 28 Anzeigen seit 2005 bekommen«, erinnert sich Oury Jallohs Freund Mouctar Bah. 2012 schlugen Beamte ihn wegen des Slogans »Oury Jalloh – das war Mord« krankenhausreif. »Uns hat keiner geglaubt, doch jetzt bestätigen Gutachter und ein Staatsanwalt in vielen Punkten unsere Argumente«, sagt Bah. Dass nun endlich ernsthaft ermittelt wird, glaubt er aber nicht. Auch das haben die letzten Wochen gezeigt.

Dabei sind die verdächtigen Polizisten bekannt: Ein Zeuge sah Udo S. und Hans-Ulrich M. kurz vor dem Brand am Tatort. Andreas S. soll einem Justizangestellten gesagt haben: »Ich war es nicht.« Beate H. log am Tattag und später, sie habe Oury Jalloh noch viele Minuten nach Brandausbruch schreien gehört. Das wurde medizinisch ausgeschlossen. Uwe H. gehörte der Tatortgruppe an und informierte als erster über das Feuerzeug. Er muss wissen, wie es zu den Asservaten kam. Es gibt eine Anzeige gegen Birko S. Der habe gegenüber einer Freundin geprahlt, auf Geheiß aus dem Revier Brandbeschleuniger besorgt zu haben. Wer soll diese Tatverdächtigen und Mitwisser damit konfrontieren, wenn nicht die Justiz?


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Verdacht auf Mord Wurde Oury Jalloh das Opfer eines Verbrechens?

Ähnliche:

Mehr aus: Ansichten