Aus: Ausgabe vom 06.01.2018, Seite 15 / Geschichte

»Das dritte Reich zu zimmern …«

Vor 100 Jahren wurde in Berlin der »Luther-Bund« gegründet. Sein Ziel war die Überwindung der Weimarer Republik im Interesse des Monopolkapitals

Von Reiner Zilkenat
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Parteilos, aber »industriefreundlich« – Hans Luther (vorne), März 1925

Am 6. Januar 1928 schlug die Geburtsstunde des »Bundes zur Erneuerung des Reiches«. Prominente Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik hatten sich in Berlin versammelt, um ihrem Verlangen nach einer Vereinheitlichung der staatlichen Strukturen Ausdruck zu verleihen. Auf den ersten Blick erschienen diese Forderungen durchaus sinnvoll. Denn vor allem das Nebeneinander der Reichsregierung und derjenigen Preußens sorgte für Reibungsverluste. Doch ganz so einfach lagen die Dinge nicht.

Was sich für die Öffentlichkeit als ein Projekt zugunsten der Steuerzahler darstellte, hatte in Wahrheit andere Motive. Maßgebliche Repräsentanten der Monopolbourgeoisie hatten ihre ablehnende Haltung gegenüber der am 14. August 1919 in Kraft getretenen Verfassung niemals aufgegeben. Sie suchten nach Wegen, die bürgerlich-parlamentarische Demokratie in Richtung eines autoritär verfassten Staates umzuwandeln und dabei zugleich die sozialen Errungenschaften der verhassten Revolution von 1918 zu eliminieren: u. a. den Achtstundentag und die Anerkennung der Gewerkschaften als Tarifpartner der Unternehmerverbände. Worum es den reaktionären Kräften ging, war die Konstituierung eines »starken Staates«, der repressiv im Innern gegen die Arbeiterbewegung vorgehen, eine Art klassenübergreifende »Volksgemeinschaft« und zugleich die Voraussetzungen schaffen sollte, perspektivisch aggressiv nach außen auftreten zu können. Im Gründungsaufruf hieß es hierzu: »Überall im deutschen Volke muss der Wille aufflammen zur Überwindung von Streit und Vielregiererei. Das dritte Reich gilt es zu zimmern, das die ganze Nation in gesunder Gliederung zusammenschließt«.

Wider die Verfassung

Walter Adametz, beurlaubter Oberregierungsrat im Preußischen Innenministerium, hatte am 8. April 1927 auf einer Veranstaltung, die der Deutsche und Preußische Städtetag u. a. mit dem Centralverband des Deutschen Bank- und Bankiersgewerbes und dem Deutschen Industrie- und Handelstag durchführte, die hinter den allgemein klingenden Zielen einer Staats- und Verwaltungsreform lauernden politischen Anliegen genannt: »Allgemeine Einschränkung der Gesetzgebungstätigkeit, Entpolitisierung der Beamtenschaft, Abbau von Ausgaben«. Und weiter: »Ein praktischer Weg, die Einschränkung der Gesetzgebungstätigkeit zu erreichen, sei der, gesetzlich festzulegen, dass die Tagungen der Volksvertretungen auf ein halbes Jahr beschränkt werden.« Adametz warnte allerdings vor übertriebenen Hoffnungen, derartige Anliegen im Rahmen der Verfassung realisieren zu können. Er glaube aber, so fuhr er fort, »dass man auch nur dann schnell und gut zum Ziel kommen werde mit einem Ermächtigungsgesetz, dass dem Reichskanzler außerordentliche Vollmacht gäbe«.

Hinter den Kulissen befand sich Adametz in ständigem Austausch mit dem Grafen Pfeil, der als Referent des Reichsverbands der Deutschen Industrie ebenfalls mit den Problemen einer »Reichsreform« befasst war. Der aristokratische Funktionär der mächtigsten Unternehmerorganisation der Weimarer Republik hatte dem Oberregierungsrat am 23. April 1927 vertraulich mitgeteilt, dass er beauftragt worden sei, die Angelegenheit ebenfalls zu bearbeiten: »Die Gedanken innerhalb des Reichsverbandes gingen zunächst dahin, Verwaltungsreformvorschläge auszuarbeiten, die sich streng innerhalb des Rahmens der Verfassung halten. Mehr und mehr neigt man aber dazu, über diesen Rahmen hinauszugehen und die verwaltungsmäßigen und finanziellen Unmöglichkeiten des jetzigen Zustandes auf ihre Ursachen zu untersuchen und dann als Lösung der Schwierigkeiten zu dem Vorschlag auch gewisser Änderungen der gegenwärtigen Verfassung zu kommen.«

Eine wesentliche Ursache für die Forderung nach einer »Reichsreform« war die Lage im sozialdemokratisch regierten Preußen, dem mit Abstand größten und ökonomisch wichtigsten Teilstaat der Weimarer Republik. Zwar waren die meisten Politiker der SPD, wie Ministerpräsident Otto Braun, längst auf bürgerliche Positionen eingeschwenkt. Doch ohne sozialpolitische Zugeständnisse an ihre Wählerschaft konnte die SPD dauerhaft nicht an der Regierung bleiben. Und diese bildeten für die Herrschenden die entscheidende Ursache für ihre Kampagne, das Land Preußen zu entmachten. Worum ging es dabei? Parallel zu den Forderungen nach einer »Reichsreform« trommelten die Kapitalverbände unablässig gegen die »Kalte Sozialisierung«. Damit meinten sie die in Preußen staatlich betriebenen Unternehmen, die beispielsweise in der Energieversorgung und im Wohnungsbau den privaten Konzernen ihre Profite schmälern würden. Zugleich lehnten sie grundsätzlich alle sozialpolitischen Projekte ab. So den Bau von menschenwürdigen Wohnungen, die Anlage von Volksparks, modernen Schulen und Sportstätten sowie den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Im Interesse des Kapitals

Adametz war von den Wirtschaftsverbänden, die an der Tagung am 8. April 1927 teilgenommen hatten, beauftragt worden, die Konstituierung einer Organisation vorzubereiten, die unter dem Namen »Bund zur Erneuerung des Reiches« die Planungen zum Abbau der Demokratie mit öffentlichkeitswirksamen Parolen propagieren sollte. Folgerichtig wurde er zum Geschäftsführer des Bundes berufen. Wer aber waren die Initiatoren hinter den Kulissen? Stellvertretend genannt sei der ehemalige Reichskanzler (Amtszeit von ­November 1922 bis August 1923) und Generaldirektor der größten deutschen Reederei HAPAG, Wilhelm Cuno. Zu den Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufes zählten Fritz Thyssen, Aufsichtsratsvorsitzender des größten schwerindustriellen Konzerns in Europa, der Vereinigten Stahlwerke AG, und Paul Reusch, der Vorstandsvorsitzende des Haniel-Konzerns. Der Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, zählte ebenso zu den Unterzeichnern wie General Wilhelm Groener, der letzte Chef der kaiserlichen Obersten Heeresleitung und spätere Reichsinnenminister.

Nun galt es, eine geeignete Persönlichkeit zu finden, die einerseits einen gewissen Bekanntheitsgrad hatte, andererseits jedoch parteipolitisch nicht gebunden war. Nach einigem Suchen geriet Hans Luther ins Visier, ein parteiloser, aber der »industriefreundlichen« Deutschen Volkspartei nahestehender Politiker, der von Januar 1925 bis Mai 1926 das Amt des Reichskanzlers bekleidet hatte. Luther übernahm den Vorsitz des in der Öffentlichkeit dann oftmals nach ihm benannten Organisation. Bis zu seiner Ernennung zum Reichsbankpräsidenten am 12. März 1930 leitete er den »Luther-Bund« und wurde dabei besonders tatkräftig von Tilo Freiherr von Wilmowsky, einem Schwager Gustav Krupps, unterstützt.

Die Bilanz des Luther-Bundes war nicht unbedingt erfolgreich. Einerseits wurde der Gedanke einer »Reichsreform« mit Hilfe von Publikationen und durch die Organisierung von Versammlungen verbreitet. Andererseits differenzierten sich auf seiten der Monopolbourgeoisie im Gefolge der Weltwirtschaftskrise die Vorstellungen, auf welche Art und Weise die bürgerlich-parlamentarische Demokratie ausgeschaltet werden könnte. Nicht mehr die »Reichsreform«, die schon 1928 lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner für die Herrschenden darstellte, sondern der Kurs auf den Faschismus gewann unter ihnen immer stärkere Attraktivität. Insofern leisteten Hans Luther und der Bund zur Erneuerung des Reiches einen gewissen Beitrag zur Vorgeschichte des 30. Januar 1933. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wie es jedoch im Kriege auf den Geist der kämpfenden Truppe ankommt, so ist es Aufgabe der Gegenwart, dafür zu sorgen, dass der Geist des Deutschtums nicht etwa durch eine allzu rationalistische Behandlung der Probleme geschwächt wird. (…) Im Südosten lebt das deutsche Volk in dem deutschen Österreich, teils als Minderheit mit durchaus deutscher Lebensstruktur. Nach diesem Südosten hin muss das Deutsche Reich, der Ausdruck sei gestattet, staatsrechtlich offen sein. Hier gleiten die Aufgaben, die das Deutsche Reich zu erfüllen hat, aus dem Staatsrechtlichen ins Völkerrechtliche hinüber.

Hans Luther am 17. März 1931 auf der Mitgliederversammlung des »Bundes zur Erneuerung des Reiches« in Berlin


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