Aus: Ausgabe vom 06.01.2018, Seite 7 / Ausland

Ankara gab Mordbefehl

Gedenken an in Paris getötete Kurdinnen: PKK legt Dokumente über Verwicklung des türkischen Geheimdienstes vor

Von Nick Brauns
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Die beiden im August gefangengenommenen türkischen MIT-Agenten auf einem von der PKK verbreiteten Foto

Menschen aus ganz Europa werden am Samstag in Paris zu einer Großdemonstration zusammenkommen, um Gerechtigkeit für drei vor fünf Jahren ermordete kurdische Politikerinnen zu fordern. Die Mitbegründerin der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), Sakine Cansiz, die Diplomatin Fidan Dogan und sowie Leyla Saylemez, eine Aktivistin der kurdischen Jugendbewegung, waren am 9. Januar 2013 in den Räumen des Pariser Kurdistan-Informationsbüros erschossen worden.

Die ermittelnde Staatsanwaltschaft ging in der Anklageschrift von einer Tatbeteiligung des türkischen Geheimdienstes MIT aus. Doch der Prozess wurde so lange verschleppt, bis der mutmaßliche Mörder Ömer Güney, ein in die kurdischen Strukturen eingeschleuster Anhänger der faschistischen türkischen »Grauen Wölfe«, wenige Wochen vor dem für Januar 2017 angesetzten Prozesstermin in der Untersuchungshaft verstarb. Das fortgesetzte Schweigen des französischen Staates komme einer Mittäterschaft gleich, beklagt daher die kurdische Frauenbewegung in Frankreich.

Nun hat die Union der Gemeinschaften Kurdistans (KCK), ein die PKK und weitere Organisationen umfassender Dachverband, Dokumente zur Aufklärung der Pariser Morde vorgelegt. Demnach wurde die Operation durch den MIT-Funktionär Sabahattin Asal geleitet, der zu diesem Zeitpunkt gemeinsam mit dem Agenten Muhammed Dervisoglu im Namen der türkischen Regierung Friedensgespräche mit dem auf der Gefängnisinsel Imrali inhaftierten PKK-Vordenker Abdullah Öcalan geführt hatte. »Inzwischen ist klar, dass die Morde von Paris im Wissen und mit Zustimmung der politischen Führung vom MIT geplant, organisiert und angeleitet wurden«, erklärte Fatma Adir vom KCK-Exekutivrat am Donnerstag gegenüber der Nachrichtenagentur Firat. Damit wäre erwiesen, dass die Morde nicht, wie von der türkischen Regierung behauptet und zeitweise auch von der PKK angenommen, durch Mitglieder eines der Gülen-Bewegung nahestehenden ultranationalistischen Flügels innerhalb des Geheimdienstes ausgeführt wurden – mit dem Ziel, den Friedensprozess zu sabotieren. Vielmehr hätte die Regierung die Gespräche mit Öcalan von Anfang an als ein Spiel auf Zeit verstanden, ohne ihre Vernichtungspläne gegen die kurdische Befreiungsbewegung fallengelassen zu haben. Die Morde an Cansiz und ihren Genossinnen sollten demnach den Druck auf Öcalan verschärfen, einer Entwaffnung der Guerilla zuzustimmen.

Die Dokumente und Informationen über die Rolle des MIT bei den Pariser Morden gelangten in die Hände der KCK, nachdem im August 2017 im Nordirak zwei hochrangige türkische Agenten von einer Spezialeinheit der Guerilla gefangengenommen worden waren. Die beiden Geheimdienstler, deren Fotos und Ausweise Mitte der Woche von Firat veröffentlicht wurden, waren im Auftrag des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in die kurdische Autonomieregion gereist, um Anschläge auf Leitungspersonen der PKK vorzubereiten. Mit Hilfe eines Doppelagenten im Umfeld der PKK-Führung konnten sie entlarvt werden.

Erhan Pekcetin und Aydin Günel gehören den Berichten zufolge dem MIT seit über 20 Jahren an und waren zuletzt in leitenden Positionen der wichtigen Abteilungen für »separatistische Vorgänge« und Personalressourcen tätig. Der KCK sei es durch die Vernehmung der gefangenen Agenten und die Auswertung der bei ihnen sichergestellten Dokumente gelungen, weite Teile des Netzwerkes des MIT im Nahen Osten und in Europa zu enttarnen, Attentate aufzuklären und eine erhebliche Anzahl von Spionen gefangenzunehmen, hieß es. »Mit jeder Festnahme gelangen wir zu neuen Informationen, durch die wir unsere Vergeltungsoperation erweitern und sowohl innerhalb als auch außerhalb der Türkei die Arbeit des MIT praktisch zum Stillstand bringen«, zeigte sich die KCK-Führung überzeugt. Zuletzt meldeten Sicherheitskräfte am Donnerstag im kurdischen Kanton Afrin in Nordsyrien die Festnahme eines Mannes. Dieser habe gestanden, im Auftrag mutmaßlicher MIT-Agenten einen Sprengstoffanschlag vorbereitet zu haben.


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