Aus: Ausgabe vom 05.01.2018, Seite 7 / Ausland

Heldin des Widerstands

Eine palästinensische Teenagerin ist ein Ikone des Kampfs gegen die israelische Besatzung

Von Gerrit Hoekman
RTX3ZD20.jpg
Jugendlicher Staatsfeind: Ahed Al-Tamimi wird von israelischen Schließern im Gerichtssaal des Ofer-Gefängnisses nahe Ramallah gebracht (28.12.2017)

Ahed Al-Tamimi ist ein arabischer Internetstar. Millionen Nutzer schauen sich auf Youtube ihre Videos an. Die Palästinenserin ist populär, weil sie israelische Soldaten anbrüllt, schubst und tritt. Am 19. Dezember war sie zum letzten Mal im Einsatz. Sie zeigte einem Soldaten die Faust, beleidigte ihn und verpasste ihm eine Ohrfeige. Die Soldaten reagierten nicht, aber am nächsten Tag wurde Ahed verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Am Montag veröffentlichte die israelische Staatsanwaltschaft die Anklageschrift. Der 16jährigen werden ganze zwölf Vergehen vorgeworfen, die teilweise bereits länger zurückliegen, wie die palästinensische Nachrichtenagentur Maan Dienstag berichtete. So soll die junge Frau mehrfach Steine auf Soldaten geworfen und Gefangene befreit haben. Ihr droht jahrelange Haft.

Die arabischen Medien berichten ausführlich über den Fall. Kinder, die sich gegen die Besatzungstruppen wehren, machen Quote, weil das die erwachsenen Zuschauer besonders rührt. Seit ihrer Verhaftung ist Ahed nun erst recht eine Volksheldin. »Palästinensische Teenager sehen die Fotos und denken: Ich will so sein wie sie«, schrieb der bekannte Friedensaktivist Uri Avnery am Dienstag in einem Kommentar für die israelische Tageszeitung Haaretz. »Jeanne d’Arc« nennt er sie.

Ahed ist inzwischen ein Profi. Schon als Elfjährige ging sie unerschrocken auf Soldaten los. Von einem kleinen Mädchen angegriffen zu werden, bereitete den Israelis sichtbar Kopfschmerzen. Auf den Videos ist die Überraschung in ihren verdutzten Gesichtern zu sehen. Manche grinsen verlegen. Ein Ziel ist damit schon erreicht: Die Besatzungsarmee wird vorgeführt.

Millionenfach sind die Filmchen mit ihr in den vergangenen fünf Jahren im Internet angeklickt worden. In der arabischen Welt ist Ahed eine Berühmtheit, die schon in TV-Sendungen zu Gast war. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat sich mit ihr getroffen, und auch der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan wollte unbedingt mit Ahed aufs Bild.

Der Vater setzt große Hoffnungen in seine Tochter: »Sie ist eine Freiheitskämpferin, die in den kommenden Jahren den Widerstand gegen die israelische Herrschaft anführen wird«, zitiert ihn am Sonntag Haaretz. Laut der Palestinian Prisoner’s Society sind bis zum 19. Dezember 138 Minderjährige verhaftet worden, seit US-Präsident Donald Trump am 6. Dezember Jerusalem als israelische Hauptstadt anerkannt hat, meldete Maan.

Die Al-Tamimis sind Bauern, die im Westjordanland in dem kleinen Dorf Nabi Saleh leben. Die Bewohner protestieren jeden Freitag gegen die illegale zionistische Siedlung Halamisch, die in unmittelbarer Nähe liegt. Immer wieder werden sie deswegen von der israelischen Armee attackiert.

Ein Großteil der Familie Tamimi ist im Widerstand gegen die israelische Besatzung aktiv, wie Maan berichtet. Aheds Bruder saß ebenfalls schon im israelischen Gefängnis. Am vergangenen Donnerstag wurde ein anderer Verwandter während einer Solidaritätsdemonstration verhaftet. Am Mittwoch erschoss die israelische Armee unter noch ungeklärten Umständen den 17jährigen Musab Firas Al-Tamimi, der laut Al-Dschasira auch zu Aheds erweiterter Familie gehört.

Die Angriffe sind keineswegs spontan, sondern eine inszenierte Provokation. Oft sind Reporter und Fotografen zugegen, wenn Ahed die israelischen Soldaten als »Hunde«, »Naziterroristen« oder »Mörder« beschimpft. Wer will, kann das Mädchen live im Internet verfolgen: Mutter Nariman ist mit der Kamera dabei und streamt die Bilder direkt im Internet. Sie wird nun wegen Aufhetzung zur Gewalt angeklagt, weil sie online Angriffe bejubelt habe, wie den gegen eine israelische Polizistin am Damaskus-Tor in Jerusalem im vergangenen Juni.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

Ähnliche:

Mehr aus: Ausland
  • BRD-Außenminister fordert in Ukraine Zugeständnisse von Russland und kritisiert USA
  • HDP-Abgeordneter zu 16 Jahren Haft verurteilt. Demirtas kündigt Rückzug an
  • EU-Außenbeauftragte Mogherini grenzt sich bei Kuba-Besuch von USA ab und setzt dafür auf Dialog mit dem sozialistischen Land
    Volker Hermsdorf
  • Jahresrückblick 2017. Heute: Frankreich. Der Banker Emmanuel Macron übernimmt das Steuer, die Sozialistische Partei verschwindet
    Hansgeorg Hermann