Aus: Ausgabe vom 04.01.2018, Seite 12 / Thema

Zerstörerische Schöpfung

Beim »Crowdworking« werden Aufträge digital für einen anonymen Arbeitskräftepool ausgeschrieben. Auf diesem Wege wird das Arbeitsrecht weiter ausgehöhlt. Doch Unternehmensvertreter diskutieren offen: Jeder soll ein »Selbständiger« sein

Von Marcus Schwarzbach
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Alleine in der Bundesrepublik gibt es inzwischen Hunderttausende Crowd-Arbeiter. Bei den meisten Plattformen haben die Klickjobber noch nicht einmal ein Recht darauf, für getane Arbeit auch bezahlt zu werden

»Microjobbing per App«, das empfiehlt Stephan Grabmeier den Unternehmen. »Das Geld liegt auf der Straße«, denn immer mehr Menschen verfügen ein Smartphone und könnten so Aufträge übernehmen, argumentiert der »Experte für digitale Transformation«. »Appjobber«, so der Name einer entsprechenden Anwendung, helfe, eine »Mobile Workforce« aufzubauen. Die App zeige, wo in der Umgebung bezahlte Aufgaben zu erledigen seien, etwa neue Produkte oder den Restaurantservice vor Ort zu testen. Wähle der Nutzer eine Aufgabe, habe er »drei Stunden Zeit, den Job zu bewältigen. Solange bleibt er reserviert. Wurde der Job ordnungsgemäß ausgeführt, erhält man meist zwischen ein und zwei Euro, die gutgeschrieben und später bequem ausgezahlt werden«, so Grabmeier¹. Das war bereits vor gut fünf Jahren.

Die Probleme werden bei einem Blick auf die Homepage »appjobber.de« sichtbar. So wird vom Entgelt wie von einer mildtätigen Gabe gesprochen: »Die Belohnung variiert von Job zu Job und richtet sich nach der Komplexität der Aufgabe. Sie beträgt aber immer mindestens einen Euro. Sie lässt sich sowohl dem Marker als auch der Beschreibung des Jobs entnehmen. Dieser Betrag wird vom Auftraggeber festgelegt und Jobbern ohne Abzüge gutgeschrieben.« Ergänzt wird der Hinweis um die Warnung vor Entlohnungskürzungen »Vorsicht: Beim Auszahlen auf einen Paypal-Account, können Gebühren von Paypal anfallen«.²

Die Bezeichnung für diese Art der Arbeit lautet »Crowdworking«. Dabei werden Aufträge digital für einen anonymen Arbeitskräftepool, die sogenannte Crowd, ausgeschrieben. Die Vergabe erfolgt über Plattformen im Internet. Der Autobauer Daimler hat angekündigt, das Thema »Autonomes Fahren – Digitalisierung – Carsharing und Elektromobilität« in der »Crowd« bearbeiten zu lassen. 20 Prozent der Beschäftigten sollen in Schwarmorganisationen mitarbeiten. Aufträge nach außen geben Airbus, BMW oder VW. 32 Crowdworking-Plattformen haben einen Sitz in der Bundesrepublik, rund eine Million Menschen arbeitet hierzulande auf diese Weise, im Nebenjob oder in Vollzeit.³

Radikaler Arbeitsplatzabbau

Was wie ein leichter Weg zum Nebenjob klingt, ist ein radikaler Arbeitsplatzabbau im Stillen. Oder neudeutsch »Crowdsourcing«. Der Begriff verknüpft die Auslagerung von Arbeit, also »Outsourcing«, mit einer Menge (»Crowd«), die diese Arbeit dann verrichten soll. Im großen Stil eingeführt hat das der Versandkonzern Amazon – dort wollte man 2005 zum Weihnachtsgeschäft erstmals CDs auf seinen Webseiten anbieten. Dazu mussten Hunderttausende Cover geprüft werden. Doch kein Algorithmus konnte die Informationen so zuverlässig, schnell und billig der CD-Hülle entnehmen wie ein Mensch. Also entwickelte Amazon eine Plattform, die Menschen wie ein Computerprogramm einsetzt, um die Angaben zu digitalisieren. So entstand Amazon Mechanical Turk. Als Ergänzung dieser Technik übernahmen Tausende »Crowdworker«, die diese Akkordarbeit für ein paar Dollar erledigten, solcherlei Kontrollaufgaben. Zwei Cent erhält, wer in einem Webshop zu drei Produkten die Preise recherchiert. Drei Cent gibt es, wenn man sich einen kurzen Filmschnipsel ansieht und zehn Fragen beantwortet, etwa, ob die Stimmung beängstigend oder eine Maschinenpistole zu sehen ist. »Profi-Turker berichten, dass sie es schaffen, acht Dollar und mehr in der Stunde zu verdienen. Manche arbeiten mit zwei Bildschirmen, um die Wartezeit zu verkürzen, die es dauert, bis das zu kategorisierende Produktbilder geladen ist. Crowdwork ist digitale Fließbandarbeit von Minutenlöhnern«, so Eva Roth bereits im April 2015 in der Berliner Zeitung.⁴

Alleine in der Bundesrepublik gibt es inzwischen Hunderttausende solcher Crowd-Arbeiter. Bei den meisten Plattformen haben die Klickjobber noch nicht einmal ein Recht darauf, für getane Arbeit bezahlt zu werden. Theoretisch kann jede Firma in der ganzen Welt auf einer entsprechenden Seite ihre Aufträge einstellen, und jeder Mensch mit Internetanschluss kann diese Aufgaben übernehmen. Auch deutsche Firmen geben Aufträge an Amazons Crowdworking-Website. Der Energieriese EnBW hat einen Teil der handschriftlichen Zählerablesungen seiner Kunden so digitalisieren lassen, da die Handschrift für den Computer oft schlecht zu lesen war.⁵

Sprunghaftes Wachstum

In den Medien wird häufig suggeriert, bei Crowdworking seien nur unbedeutende Nebenjobs betroffen. Forscher schätzen, dass egal ob um Mitternacht oder um sechs Uhr morgens zwischen 10.000 und 40.000 Menschen auf Amazon Mechanical Turk schuften, Pornofotos aus Bilddateien löschen, Visitenkarten abtippen etc. Aber auch anspruchsvollere Aufgaben warten auf Internetnutzer, etwa die Entwicklung von Software. Das US-Unternehmen »Local Motors« entwickelt und produziert Autos – mit nur rund 100 festangestellten Beschäftigten und einer »Crowd« von geschätzt 45.000 Entwicklern.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hat im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums eine Untersuchung durchgeführt, die im Februar 2016 veröffentlicht wurde. Die ZEW-Mitarbeiterin Irene Bertschek hat 400 Crowdworker von zwei externen Plattformen befragen lassen. Fazit: Nur eine Minderheit der Befragten versucht auf diese Weise, eine Existenz aufzubauen. »Der überwiegende Teil der befragten Crowdworker gibt eine wöchentliche Arbeitszeitszeit auf der Plattform von lediglich bis zu einer Stunde an (54 Prozent)«, heißt es in der Studie.⁶ »Für 38,8 Prozent ist Crowdworking ein Zusatzjob neben der Festanstellung, für 39,6 Prozent ein Zusatzeinkommen neben Schule, Ausbildung und Studium«, ergänzt die Journalistin Ruth Lemmer die Ergebnisse der Untersuchung.⁷ Es dominieren Kleinaufträge: 41,5 Prozent wickelten in den zum Zeitpunkt der Befragung zurückliegenden sechs Monaten 0 bis 19 Aufträge ab, 24 Prozent 20 bis 49, etwa 12 Prozent zwischen 50 und 99 und 23 Prozent mehr als 100, so das ZEW. Der Zeitaufwand pro Auftrag betrug bei 19 Prozent unter fünf Minuten und bei fast der Hälfte zwischen fünf und 15 Minuten. Der Versuch der ZEW-Forscher, Crowdworking nur als »Nebenjob« einzusortieren, muss allerdings kritisch betrachtet werden. Denn bereits die Minijobs wurden bei ihrer Einführung nur als Zuverdienstmöglichkeit dargestellt. Heute aber müssen viele Menschen von mehreren Minijobs leben.

Die Kommission »Arbeit der Zukunft« der Hans-Böckler-Stiftung schätzt die Situation ohnehin anders ein. Die große Bedeutung des Themas »ergibt sich aus dem sprunghaften Wachstum von Plattformen, die entweder Dienstleistungen vermitteln (Uber, Airbnb, Helpling) oder als Crowdworking-Plattformen selbst zum Ort der Arbeit werden. Es wird geschätzt, dass es in Deutschland insgesamt zwischen ein bis zwei Millionen Crowdworker/innen gibt. Die Kund/innen der Crowdworking-Plattformen umfassen das gesamte Spektrum der Wirtschaft von Google, Intel und AOL Inc. über die Deutsche Telekom bis hin zur Deutschen Bahn.«⁸

Ausdehnung der Konkurrenz

Die Plattformökonomie beeinflusst das Verhältnis zwischen »Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber«: Ein Vorteil sei, dass Transaktionskosten »durch den Einsatz digitaler Technologien spürbar sinken werden. Angebot und Nachfrage können auf den verschiedensten Märkten wesentlich leichter zusammenfinden, Transaktionen oft blitzschnell vollzogen werden. Dies hat zur Folge, dass marktförmige Aktivitäten in Relation zu einer betriebsförmigen Organisation von Arbeit attraktiver« werden, erläutert das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit verklausuliert. Das Angebot ist hier die Arbeitskraft eines bisherigen Arbeitnehmers, der einen Auftrag per Internet erhalten möchte. Der Auftraggeber kann durch die Plattform Beschäftigte in Konkurrenz setzen, auch weltweit. Diese digitalen Technologien stellen »die herkömmliche Organisation der Arbeit zumindest teilweise auf den Prüfstand«.

Denn Onlineplattformen »fungieren als virtueller Marktplatz mit hoher Transparenz, ohne dass es dabei eines Arbeitgebers oder permanenten Auftraggebers bedarf. Unternehmerische Risiken werden auf Anbieter und Nachfrager verlagert«. Für unwahrscheinlich hält das IAB, »dass abhängige Beschäftigung hierdurch in großem Stil ersetzt wird«.⁹ Gleichzeitig kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss: »Bestimmte Formen der Selbständigkeit könnten zunehmen«.

Fachzeitschriften geben Personalabteilungen bereits jetzt Praxistips. »Crowdworking ist derzeit in der Arbeitswelt noch eine kleine Nische«, erläutert das von Haufe herausgegebene Personalmagazin im Oktober 2016. Die Diskussion um die Frage »Crowdwork als Arbeitsvertrag oder Preisausschreiben« wird ergänzt um konkrete Formulierungsvorschläge für Verträge. So muss »durch Klauseln zur Geheimhaltung und Löschung der Arbeitsergebnisse beim Crowdworker sichergestellt« werden, dass Arbeitsergebnisse »vertraulich behandelt und nicht für eigene Zwecke« verwertet werden, warnt Rechtsanwalt Dietmar Heise in dem Fachblatt.¹⁰

Neue Arbeitsorganisation

Konkreter geht die Leiharbeitsbranche den Trend an. Die Crowdworking-Plattform »Twago« wurde von Randstad, einem der großen Player der Branche, gekauft. Das »Randstad-Portfolio« solle erweitert werden, »so dass keine interne Konkurrenz geschaffen« werde, erklärt Jan Ole Schneider die Strategie seines Unternehmens.¹¹

Eine von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie lieferte 2016 wissenschaftliche Erkenntnisse über das Problem in der Bundesrepublik. »Crowdworker sind häufig gut ausgebildet. Viele nutzen die Jobs im Internet als Zuverdienst, doch gut ein Fünftel der Befragten verdient damit den Lebensunterhalt – zum Beispiel als Programmierer oder Designer«.¹²

»Generell kann Crowdsourcing ein breites Spektrum an Aufgabenarten umfassen. So wird beispielsweise die Erstellung beziehungsweise Konzeption von Marketingkampagnen an die Crowd ausgelagert«, erläutert Jan Marco Leimeister, Professor für Informatik an der Gesamthochschule Kassel und Autor der Studie.¹³ So wird »das Programmieren, Entwickeln sowie Testen von Websites und Software schon in vielen Teilen durch Crowd-Lösungen übernommen«. Das große Risiko: Aufgaben von Festangestellten könnten an Klickarbeiter ausgelagert werden.

»Crowdwork hat in den vergangenen Jahren ein erstaunliches Wachstum verzeichnet«, schreiben die Forscher. Gut die Hälfte der 434 Befragten gibt an, dass sie zu unterschiedlichen Tageszeiten arbeiten, häufig abends oder nachts. Nur vier Prozent sind regelmäßig morgens aktiv. Die durchschnittliche Arbeitszeit beträgt knapp 14 Stunden pro Woche. Die Aufgaben reichen von einfachsten Tätigkeiten zum schnellen Nebenverdienst bis hin zu komplexen Projekten. Etwa 70 Prozent verdienen weniger als 500 Euro im Monat. »Firmen stellen Aufträge einfach online ins Netz, sie müssen sich noch nicht einmal mehr um die Frage ›Leiharbeit oder Werkverträge?‹ kümmern und warten nur noch, bis die Dienstleistung geliefert wird. Die beste und billigste Lösung erhält den Zuschlag. Alle anderen haben umsonst gearbeitet. Im Internet konkurrieren dann fachliche Experten aus der ganzen Welt um den Auftrag, selbstverständlich unter der Leistungs- und Verhaltenskontrolle des Auftraggebers«, schilderte Ralf Kronig, damals Betriebsrat bei der SAP AG schon 2013 die Situation.¹⁴

Das Zerlegen von Arbeit in kleine und zumeist einfache Tätigkeiten ermöglicht es den Auftraggebern, auf eine Unmenge an Anbietern zurückzugreifen, die sich weltweit unterbieten. Crowdsourcing ist aber nicht nur bei kleinen Nebenjobs oder einfachen Aufgaben bedeutsam. Auch bislang abgesicherte und hochqualifizierte Angestellte sind von einschneidenden Veränderungen betroffen. Die Plattformen agieren üblicherweise als Vermittler, die Rechtsbeziehungen regeln Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB). Der Gerichtsstand richtet sich nach dem Sitz des Unternehmens, für Topcoder und Innocentive etwa gilt das Recht des Staates Massachusetts und der USA. Das Arbeitsrecht findet auf externe Crowdworker keine Anwendung. Mindestlöhne, Urlaub oder Entgeltfortzahlung gelten also für sie nicht, so Thomas Klebe, Leiter des Hugo-Sinzheimer-Instituts für Arbeitsrecht in Frankfurt am Main.¹⁵ Auffällig sind die Kontaktverbote, die manche AGB vorsehen, wie etwa in dieser Formulierung: »Falls Sie von einem Dritten wegen Beschäftigungsmöglichkeiten (…) als Ergebnis Ihrer Teilnahme an Topcoder-Wettbewerben angesprochen werden, werden Sie Topcoder sofort über diese Kontaktaufnahme informieren«. Oder auch das ausdrückliche »Verbot, mit einem anderen User außerhalb von feelancer.com Kontakt aufzunehmen«. Solche Regelungen sind schon wegen der Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts unwirksam. Die Gründe für eine erfolgreiche oder abgelehnte Registrierung bleiben im dunkeln. Amazon Mechanical Turk teilt im Falle einer Ablehnung lediglich mit: »Unsere Auswahlkriterien sind rechtlich geschützt, und wir können den Ablehnungsgrund nicht bekanntgeben«.

Crowdworking-Plattformen wie »Clickworker« sind die Vorboten einer neuen Arbeitsorganisation. Bei den Internetmarktplätzen für Arbeit liegt die Macht klar bei den Auftraggebern. Bezahlt wird oft nur, wer zuerst eine Lösung einreicht, die dessen Anforderungen entspricht. »Amazons Plattform zeigt ähnlich wie die Share-Economy-Protagonisten Airbnb (Übernachtungen) oder Uber (Personentransporte) die Gesetzmäßigkeit der radikalen Machtkonzentration im Netz: ›The winner takes it all.‹ Der größte Anbieter der Branche macht das Geschäft allein. Hierfür wirkt der Netzwerkeffekt, bei dem ein großes Angebot und eine große Nutzerschaft für eine weiter steigende Attraktivität der Internetplattform sorgen – scheinbar ungebremst, da Dienstleistungen im Netz ohne Zusatzkosten quasi ortsunabhängig organisiert werden können. Ein Phänomen mit dramatischen Konsequenzen für die Arbeitswelt. Im Einzelhandel fallen durch die erdrückende Dominanz von Amazon allein in Deutschland Zehntausende Jobs weg – wahrscheinlich ein Vielfaches der bei Amazon neu geschaffenen Stellen«, so die AG Amazon Attack im Juni 2016 in der Monatszeitung analyse und kritik (ak).¹⁶

Mangelndes Problembewusstsein

Die Wirkungen von Crowdworking dürfen nicht unterschätzt werden. »Zwar sind diese Phänomene nicht flächendeckend, beeinflussen aber grundlegend die Denk- und Gestaltungsweisen betrieblicher Strukturen«, kritisiert die Kommission »Arbeit der Zukunft«.¹⁷ In einem Positionspapier versprechen Konzernvertreter von BMW, Bayer-Konzern, Münchener Rückversicherung und Telekom ein »flexibleres, selbstbestimmteres und eigenverantwortlicheres Arbeiten« durch die Digitalisierung.¹⁸ Formal werden die Vorgaben durch die »Deutsche Akademie der Technikwissenschaften« (Acatech) im Positionspapier »Arbeit in der digitalen Transformation« vorgebracht. Was nach wissenschaftlicher Analyse klingt, ist entschlossene Interessenvertretung im Sinne der Kapitalvertreter. Acatech ist ein staatlich geförderter privater Verein, der auch durch Unternehmensspenden finanziert wird.¹⁹

Ein wichtiges Element der Arbeitsorganisation aus Unternehmenssicht ist Selbständigkeit anstatt abhängiger Beschäftigung von Arbeitnehmern: »Demgegenüber erfordern moderne Beschäftigungsformen mehr Selbständigkeit, Kreativität und Verantwortlichkeit der Beschäftigten. Hiermit einher gehen Bedürfnisse nach mehr Selbstverantwortlichkeit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die in der bisherigen Mitbestimmungskultur eher marginal ausgeprägt sind.«

Gewerkschaften haben die Dimension dieser Veränderung noch nicht wahrgenommen. Immer noch werden vermeintliche »Chancen« der Digitalisierung hervorgehoben. »Die IG Metall möchte, dass die Chancen durch vernetztes Arbeiten genutzt werden können. Ob aus Sicht der Beschäftigten für eine bessere Vereinbarkeit oder hierarchiefreieres Arbeiten. Oder ob aus Sicht der Unternehmen für schnellere Innovationen und kreative Lösungen«, betonte Christiane Benner für die IG Metall.²⁰ »Künftig werden Maschinen die meisten Arbeiten übernehmen. Immer weniger Menschen werden daher einen Vollzeitjob in einem Unternehmen haben«, erläuterte der Sozialphilosoph Charles Handy im November 2017 seinen Blick in die nahe Zukunft. »Wir werden alle selbständige Portfolio-Arbeiter mit verschiedenen Jobs und temporären Aufträgen. Wir werden wie Schauspieler leben, die sich von einem Engagement zum nächsten hangeln und sich damit oft gerade so über Wasser halten«.²¹

IT-Experten würden in einem solchen Fall von »Disruption« sprechen – der vom englischen Wort »disrupt« (»zerstören«) abgeleitete Begriff soll eine Veränderung beschreiben, die das bisherige zerstört. In diesem Fall das Arbeitsrecht.

Anmerkungen

1 siehe https://www.haufe.de/personal/hr-management/microjobbing-per-app_80_136620.html

2 Zitate aus https://www.appjobber.de

3 siehe www.igmetall.de/crowdworking-studie-des-hugo-sinzheimer-institut-hsi-25481.htm

4 Crowdwork und Crowdsourcing: Die digitalen Minutenlöhner www.berliner-zeitung.de/1212884

5 Thomas Wagner: Das Netz in unsere Hand! Vom digitalen Kapitalismus zur Datendemokratie, Köln 2017, Seite 63

6 http://ftp.zew.de/pub/zew-docs/gutachten/ZEWfb462EndberichtCrowdworker2016.pdf

7 https://www.haufe.de/personal/hr-management/was-versteht-man-unter-crowdworking_80_389120.html

8 Kerstin Jürgens, Reiner Hoffmann, Christina Schildmann: Arbeit transformieren!, Kommission »Arbeit der Zukunft«, Hans-Böckler-Stiftung, Bielefeld 2017, Seite 28

9 https://www.iab-forum.de/beschleunigt-die-digitalisierung-den-wandel-der-erwerbsformen

10 www.haufe.de/personal/zeitschrift/personalmagazin/personalmagazin-102016-personalmagazin_48_381028.html

11 Personalmagazin 10/2016, Seite 24

12 Die digitalen Tagelöhner, www.boeckler.de/64443_64455.htm

13 Computer und Arbeit 10/2014, Seite 17

14 www.labournet.de/branchen/medien/medien-technologie/medien-sap/betriebsklimakatastrophe-mit-eurem-siegeswillen-unschlagbar-ralf-kronig-zur-haltbarkeit-der-beschaftigten-bei-sap

15 www.gegenblende.dgb.de/++co++8a7876ea-af70-11e3-a64a-52540066f352

16 https://www.akweb.de/ak_s/ak617/22.htm

17 Kerstin Jürgens, Reiner Hoffmann, Christina Schildmann: Arbeit transformieren!, Kommission »Arbeit der Zukunft«, Hans-Böckler-Stiftung, Bielefeld 2017, Seite 34

18 Acatech, »Arbeit in der digitalen Transformation – Agilität, lebenslanges Lernen und Betriebspartner im Wandel«, im internet zu finden unter: www.acatech.de/fileadmin/user_upload/Baumstruktur_nach_Website/Acatech/root/de/Publikationen/acatech_diskutiert/170609_DISKUSSION_HR-Kreis_WEB.pdf

19 siehe www.acatech.de – Knapp zehn Jahre war der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog Acatech-Sprecher und Förderer. Acatech hat die »Umsetzungsempfehlungen für das Zukunftsprojekt Industrie 4.0« im Auftrag der Bundesregierung erarbeitet, ihre Veröffentlichungen finden bei Regierungspolitikern Gehör

20 www.igmetall.de/crowdworking-studie-des-hugo-sinzheimer-institut-hsi-25481.htm

21 https://www.haufe.de/personal/hr-management/interview-mit-charles-handy-duestere-zukunft-der-arbeitswelt_80_434124.html

Marcus Schwarzbach ist Autor der neuen ISW-Wirtschaftsinfo 52 »Agil und ausgepresst – Agile Unternehmensführung als Herausforderung für Gewerkschaften und Betriebsräte in der digitalen Arbeitswelt«.


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