Aus: Ausgabe vom 04.01.2018, Seite 10 / Feuilleton

Spezielle Verhältnisse

Ein Buch über die geteilte Geschichte von Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg

Von Dr. Seltsam
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»Es gibt noch Anwohner, die dabeiwaren«: Kreuzberg mit ausgebranntem ­Bolle-Supermarkt (rechts hinten), 2. Mai 1987

In dem Buch »Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin« fragt der Historiker Hanno Hochmuth nach den Vor­aussetzungen der Gentrifizierung in diesen Stadtteilen, die einst durch die Mauer getrennt waren und 2001 zu einem Bezirk zusammengelegt wurden. Es geht in dem Band um das Wohnen, die Kirche und das Vergnügen, außerdem darum, wie in Ost und West der »Kiez« erfunden wurde.

Bei den Bundestagswahlen 2002 bis 2013 kam der einzige direkt gewählte Abgeordnete der Grünen aus Frie­drichshain-Kreuzberg: Hans-Christian Ströbele. Man konnte das gut verstehen angesichts seiner Verdienste um die linke Bewegung, die von der Verteidigung von Mitgliedern der RAF vor Gericht über die Gründung der Taz bis zum Waffensammeln für die Guerilla in El Salvador reichten. Mit der Verteidigung grüner »Essentials« trieb Ströbele regelmäßig »Realos« wie Joseph Fischer zur Weißglut. Als er im Herbst nicht mehr antrat, gewann eine weniger bekannte Kandidatin den grünen Stammsitz. Irgendwas hat diese Gegend sehr speziell werden lassen. Was das war, kriegt leider auch Hanno Hochmuth nicht raus.

Ich habe 35 Jahre in Kreuzberg gewohnt und weiß es auch nicht. Mir kommt es sogar immer rätselhafter vor, da einen Mütter heute in der Gegend mit Zwillingskarren vom Trottoir jagen und die Restaurants durchaus Ku’dammpreise aufrufen. Wenn ich früher einen Auftritt in Westdeutschland hatte, konnte ich angeben: »In meinem Wahlbezirk ist die CDU eine Splitterpartei unter fünf Prozent, und solche Kreuzberger Verhältnisse wünsche ich mir überall auf der Welt!« Nun, mittlerweile haben die Idioten von der AfD »Kreuzberger Verhältnisse« als Schreckgespenst entdeckt, ohne jemals einen Schritt in diese Gegend getan zu haben.

Hochmuth vergleicht streng historisch die Wohnverhältnisse in den Bezirken. Sowohl über die Sorauer Straße (West) als auch über die Fruchtstraße (Ost) liegen genaue Sozialerhebungen aus früheren Jahrhunderten vor. Das ist mäßig interessant, denn die Bewohner wurden mehrmals ausgewechselt, womit sich auch die soziale Schichtung veränderte. Von den 40 Bewohnern meines einst halb besetzten Hauses zum Beispiel wohnt noch ein einziger im Hinterhaus, ein alter Fahrensmann, der mich manchmal zum Tee einlädt. Die Wohnung gegenüber wird unrechtmäßig an Airbnb-Gäste vermietet, die moderne Pest.

Bei Neuvermietungen in dem Bezirk reichen die Bewerberschlangen bis zur nächsten Straßenecke. In etwas netteren Häusern gibt es nur noch Eigentumswohnungen für 200.000 Euro aufwärts. Bei einer Besichtigung traf ich eine Dame aus Spanien, die ihr durch Ausbeutung von illegalen Apfelsinenpflückern akkumuliertes Kapital in Berliner Immobilien in Sicherheit bringen wollte vor den Verhältnissen in ihrer Heimat. Dabei findet sich in Prospekten von Immobilienfirmen schon mal das schöne Versprechen, in Berlin seien Mietsteigerungen zu erwarten wie in Madrid.

Hochmuth erzählt einige schöne Geschichten, die man so noch nicht kannte, etwa über die Kreuzberger Künstlerkneipe Leierkasten, die zu Anfang ein Bordell gewesen sei, oder über die Modernisierung der Fruchtstraße auf der anderen Seite der Mauer. Wie sie zur Straße der Pariser Kommune wurde, ist im Film »Paul und Paula« dokumentiert. Um Parallelen zu finden, wird im Buch ausführlich die Rolle der evangelischen Kirche in Ost und West dargestellt, und das ist dann doch zu doof. Der Friedrichshainer Pfaffe Eppelmann, der im blinden Hass auf alles Linke die Bluesmessen erfand, um die SED zu ärgern, war ja wohl ein anderes Kaliber als die Geistlichen der Kreuzberger Passionskirche, die als Besetzerpaten dem mordgierigen Senator Lummer entgegentraten.

Überhaupt ist diesem Historiker Hochmuth alles so sehr vergleichbar, dass er keine Klassenunterschiede erkennt und alles durcheinanderbringt. Zum Beispiel fehlt die Rolle der Eigentümer bei Räumungen völlig. Im Osten die Kommunale Wohnungsverwaltung, lahm und wohlwollend, im Westen raubgierige reaktionäre Alteigentümer, die die Polizei am liebsten mit scharfen Hunden in die Besetzerbetten schicken wollten. Es geht die Mär, dass bei der Räumung der Mainzer Straße Ende 1990 SEK-Bullen Teenager über die Dachkante hielten und höhnisch fragten: Wo isser jetzt, dein linker Bürgermeister? Das bleibt genauso unerwähnt wie die Rache geräumter Kids am Bürgermeister Momper, der in der Kreuzberger Fichtestraße wohnte und monatelang mit schartigen Wunden auf der Glatze herumlief, die ihm erboste Anarchos immer wieder mit der Dachlatte nachzogen.

Immerhin bringt Hochmuth die Besetzergeschichte einigermaßen vollständig in den Fakten, wenn auch bar jeden Verständnisses für die zwei- bis dreitausend Menschen, die damals den Kommunismus im Alltag verwirklichen wollten. Diese Bewegung beruhigt zu haben, ist ein Triumph sozialdemokratischer Verräterpolitik, und man fragt sich, warum die Bourgeoisie die SPD nicht fürstlicher belohnt.

Vielleicht lässt sich die Faszination dieses zentralen Berliner Bezirks in dem Buch am Ende doch erahnen. Sie liegt in seiner revolutionären Vergangenheit. Es gibt noch Anwohner, die dabeiwaren, und Namen wie den der neuen Moschee an der U-Bahn-Station Görlitzer Bahnhof. Sie heißt Bolle-Moschee nach dem Supermarkt, der hier am 1. Mai 1987 niederbrannte.

Hanno Hochmuth: Kiezgeschichte. Friedrichshain und Kreuzberg im geteilten Berlin. Wallstein-Verlag 2017, 392 S., 29,90 Euro

Dr. Seltsam wird am 13. Januar die Rosa-Luxemburg-Konferenz der jW moderieren

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