Aus: Ausgabe vom 02.01.2018, Seite 12 / Thema

Kein Bluff

Der Ausbau der Halbleitertechnologie in der DDR war keine Milliarden verschlingende Propagandaveranstaltung. Vor 40 Jahren nahm das Kombinat Mikroelektronik seine Arbeit auf

Von Jörg Roesler
chip.jpg
Der DDR-Ein-Megabit-Chip. Anders als hämisch behauptet, war der Schaltkreis U61000 tatsächlich funktionsfähig. Bevor aber die Serienproduktion ­beginnen konnte, gab es den Arbeiter- und Bauernstaat nicht mehr

Die DDR-Wirtschaft, so sagen es die »Aufarbeiter der DDR-Geschichte« und verbreiten es die Medien, sei eine Mangelwirtschaft gewesen, stets weit hinter dem Weltniveau zurück und zum Zeitpunkt der »Wende« bzw. der »Einheit« nach 40 Jahren Planwirtschaft total marode. Dass man sich in der DDR nicht nur damit beschäftigte, die Industrieregionen des damaligen Mitteldeutschlands aus der Zeit des Kapitalismus zu verwalten, sondern auch für das nunmehrige Ostdeutschland völlig neue Zweige, allen voran die Mikroelektronik entwickelte, verträgt sich mit dem gepflegten Bild vom »Untergang auf Raten« eigentlich nicht. Eigentlich – denn es wurde von den »Aufarbeitern« in den Medien einiges unternommen, um die Mikroelektronik in ihr Bild von der DDR-Wirtschaft einzupassen: Die Zuwendung zur Mikroelektronik in der DDR sei allein auf das Renommierbedürfnis der SED-Führung, insbesondere von Generalsekretär Erich Honecker und seines Wirtschaftssekretärs Günter Mittag zurückzuführen. Die SED-Führung habe die Vorstellung, die Bundesrepublik auf ökonomischem Gebiet einzuholen – ursprünglich eine Idee Walter Ulbrichts – nicht aufgeben wollen. Man habe sich aber technologisch überhoben. Statt des erhofften Millionengeschäftes sei die Mikroelektronik zum Milliardengrab geworden. Als Beweis für die verfehlte Technologiepolitik wird gern die Geschichte vom Ein-Megabit-Chip erzählt. Mit diesem Speicher sollte technologisch der Anschluss an westliche Standards erreicht werden. Im September 1988 sei der erste Ein-MB-Chip mit großem propagandistischen Aufwand – das Neue Deutschland berichtete seitenlang darüber – an Erich Honecker übergeben worden, der sich beeilte, damit vor Michail Gorbatschow zu prahlen. Dabei sei der Chip überhaupt nicht funktionsfähig gewesen. Honecker und Mittag hätten schlicht geblufft. Der 40. Jahrestag der Gründung des Kombinats Mikroelektronik am 1. Januar 1978 soll Anlass sein, sich anhand dieses Beispiels einmal genauer mit den wirklichen Problemen und Errungenschaften der DDR-Mikroelektronik zu beschäftigen.

Auf der grünen Wiese

Die Gründung des Kombinats signalisierte, wie ernst es die Partei- und Staatsführung mit den 1977 auf dem sogenannten Mikroelektronikplenum gefassten Beschlüssen zur Entwicklung dieses neuen Industriezweigs meinte. Denn die Kombinate galten als effizienteste Form wirtschaftlicher Führungstätigkeit. Erstmals in größerem Maßstabe in der Zeit des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung (NÖS) in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gebildet, lag ihnen die Reproduktionsidee zugrunde: Im Kombinat wurden Betriebe verschiedener Produktionsstufen in einer Einheit zusammengefasst. Neben dem eigentlichen Produktionsbetrieb gehörten dazu Unternehmen, die Vorleistungen erbrachten, Kapazitäten für Forschung und Entwicklung sowie Vertriebs- und Verkaufseinrichtungen. Ebenfalls entsprechend den Vorstellungen der Wirtschaftsreformer verfügten die Kombinate innerhalb der Planwirtschaft über eine relative Selbständigkeit. Sie arbeiteten entsprechend den Grundsätzen der wirtschaftlichen Rechnungsführung auf der Grundlage eigener Fonds. Nach Beendigung des NÖS 1970 wurden sie allerdings stärker in die zentrale Lenkung der Volkswirtschaft eingebunden.

Im Mittelpunkt des Anfang Januar 1978 seine Arbeit aufnehmenden Kombinats Mikroelektronik stand die Herstellung elektronischer Bauelemente. Zum Sitz wurde Erfurt bestimmt. Die Entscheidung für den Standort lag nahe: Im Funkwerk Erfurt war man bereits 1968 zur Herstellung von Halbleitern übergegangen. Die Belegschaft verfügte damit über mehr als ein Jahrzehnt Erfahrungen in der Produktion integrierter Schaltkreise. Seit 1977 wurde dort der Mikroprozessor U808 in Serie hergestellt. Andere wichtige Kombinatsbetriebe befanden sich in Frankfurt/Oder und Berlin, die Forschung und Pilotfertigung in Dresden.

Nachdem sich die DDR-Führung zum Aufbau einer leistungsstarken Mikroelektronik entschlossen hatte, wurde der Erfurter Betrieb erheblich erweitert. »Auf der grünen Wiese« am südöstlichen Stadtrand, bis dahin nur für den Wohnungsneubau vorgesehen, wurde Gelände für den Fabrikneubau bereitgestellt und erschlossen. 1984 konnte in Erfurt Südost (ESO), die erste moderne Chipfabrik der DDR in Betrieb genommen werden (ESO I), 1988 folgte ESO II. Unmittelbar im Anschluss wurde mit dem Bau einer dritten Chipfabrik begonnen. Ende 1989 zählte die Erfurter Mikroelektronikfabrik insgesamt 8.500 Beschäftigte. Sie stellten 80 Prozent aller in der DDR gefertigten unipolaren Schaltkreise, darunter auch Mikroprozessoren-Schaltkreise her.

Der Aufbau der Fabriken war mit mehr als jenen anderthalb Milliarden Mark der DDR, die der Plan dafür ursprünglich vorgesehen hatte, ziemlich kostspielig. Das betraf auch andere im Aufbau befindliche Anlagen im Kombinat. Allein zwischen 1978 und 1980 waren für die Förderung der Mikroelektronik in der DDR insgesamt zwei Milliarden Mark ausgegeben worden. Für den Zeitraum von 1981 bis 1989 hat die Staatliche Zentralverwaltung für Statistik (SZS) im Januar 1990 den Gesamtaufwand für den Auf- und Ausbau der Forschungs- und Produktionsbasis der Mikroelektronik auf 20 Milliarden Mark der DDR geschätzt, eine Zahl, die der britische Spezialist für industrielle Forschung und Entwicklung in der DDR, Raymond Bentley, in einer Mitte der 90er Jahre veröffentlichten Analyse für glaubwürdig hielt. Bereits Anfang der 80er Jahre entfielen auf die Mikroelektronik 36 Prozent der Gesamtinvestitionen im Bereich des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik. Bis 1989 steigerte sich dieser Anteil auf 50 Prozent. Im Jahre 1989 entsprach die für die Entwicklung der Mikroelektronik ausgegebene Summe dem Zweieinhalbfachen der Investitionsaufwendungen für den seiner Beschäftigtenzahl nach größten Industriezweig der DDR, die Textilindustrie. Sie erreichten insgesamt den Umfang der Ausgaben der kompletten Leichtindustrie.

Störmanöver von außen

Im internationalen Vergleich waren die Kosten für den Auf- und Ausbau der Mikroelektronik in der DDR generell hoch, insbesondere aber wenn man sie mit den erreichten Ergebnissen verglich. Ausweislich einer 1976 vom Wirtschaftssekretariat des ZK der SED erarbeiteten Studie hatte der Rückstand der DDR zur internationalen Spitze je nach Chiptyp und gemessen jeweils am Beginn der Serienfertigung seinerzeit vier bis acht Jahre betragen. Im Jahre 1988, nach einem Jahrzehnt beschleunigter Entwicklung der Mikroelektronik in der DDR, belief sich dieser Abstand immer noch auf vier bis acht Jahre. »Die ersten Prototypen stehen in der DDR in der Regel erst dann zur Verfügung, wenn bei führenden Produzenten bereits die Serienproduktion beherrscht wird«, hieß es in der bereits erwähnten Einschätzung der SZS.

Haben die Medien also recht, wenn sie die Milliarden Mark verschlingende Mikroelektronikförderung in der DDR als ein »technologisches Desaster« bezeichnen? Nein. Man darf nicht vergessen, dass zwischen beiden Schätzungen mehr als ein Jahrzehnt rasanter Entwicklung der Mikroelektronik im Weltmaßstab lag und dass das in den Plänen der DDR von 1976 angestrebte Weltniveau 1988/89 nicht mehr mit dem der zweiten Hälfte der 70er Jahre vergleichbar war. Die SZS-Studie lässt damit immerhin auch diese Schlussfolgerung zu: Die DDR hatte sich im Wettbewerb auf diesem Gebiet nicht abhängen lassen. Das aber war angesichts der Hindernisse, die ihr in den Weg gelegt wurden, eine bemerkenswerte technologische Leistung.

Diese Hindernisse entsprangen keineswegs – und wie schon am zügigen Auf- und Ausbau des ESO-Fabrikgeländes trotz gewisser zeitlicher Verzögerungen und mehrfacher Kostenüberschreitungen erkennbar – nur, nicht einmal in erster Linie dem DDR-Planungssystem. Abgesehen einmal davon, dass zeitliche Verzögerungen beim Aufbau von Großprojekten auch in marktwirtschaftlich gesteuerten Ökonomien nicht selten sind – wie das gegenwärtig der Bau des Flughafens Berlin-Brandenburg beweist – lag der Hauptgrund für die Probleme in gezielten Störmanövern von außen.

Zum Kalten Krieg, der sich zwischen den USA und der UdSSR sowie ihren jeweiligen Verbündeten ab 1947 entwickelte, gehörte auch die Konfrontation auf ökonomischer Ebene. Die USA verboten ihren Unternehmen und denen ihrer Verbündeten die Ausfuhr »strategischer Güter« in die Länder des sozialistischen Lagers. Dabei handelte es sich zunächst um Erzeugnisse, die für die Rüstung Verwendung finden konnten. Das waren vor allem Rohstoffe, doch bald ging es auch um Technologien. Ab Mitte der 70er Jahre galten Embargobestimmungen für den Export mikroelektronischer Bauelemente. Nach den Beschlüssen der SED-Führung zum Ausbau der Mikroelektronik waren Technologieimporte auf diesem Gebiet von den führenden Produzenten, z. B. von Siemens, naheliegend, konnten jedoch über den traditionellen Außenhandel wegen des Embargos nicht realisiert werden. In der DDR musste man deshalb »nacherfinden« bzw. Muster mikroelektronischer Bauelemente aus dem Westen in die DDR schmuggeln. Dafür wurden Mitarbeiter der Hauptverwaltung Aufkärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit eingesetzt, vor allem aber Schmiergeld – natürlich Devisen. Der HVA und dem »Devisenbeschaffer« Alexander Schalck-Golodkowski gelang es, das US-amerikanische Embargo wenigstens teilweise zu umgehen. Die Weiterentwicklung der Schaltkreise bis zur Aufnahme der Serienproduktion oblag dann DDR-Forschungsinstituten. Für die Erfurter ESO-Betriebe kamen die produktionsreifen Muster für die Schaltkreisproduktion vom zum Kombinat Mikroelektronik gehörenden Zen­trum für Forschung und Technologie Mikroelektronik (ZFTM) in Dresden.

besucher.jpg
Hohe Priorität, hohe Zuwendungen. Der Minister für Elektrotechnik und Elektronik, Felix Meier (Mitte), besucht am 1. März 1988 den Erfurter Stammbetrieb des Kombinats Mikroelektronik

Dass die Umgehung des Embargos gemessen am internationalen Maßstab zu hohen Kosten führte, ist also erklärlich. Hinzu kam ein weiteres Handicap für die Mikroelektronikunternehmen der DDR: Westliche Technologiefirmen wie z. B. Siemens konnten bei der Speicherentwicklung jederzeit alternativ entscheiden, ein bestimmtes mikroelektronisches Erzeugnis selbst zu entwickeln oder eine Produktionslizenz zu kaufen, wenn das billiger war als die Eigenproduktion. Die Mikroelektronikunternehmen der DDR hatten nur die Möglichkeit der Eigenproduktion und mussten die dabei entstehenden Kosten, wie hoch sie auch immer waren, akzeptieren.

Kritiker in den eigenen Reihen

Aber gab es nicht die Wirtschaftsgemeinschaft der sozialistischen Staaten, den RGW? Als Technologiepartner im Bereich der Mikroelektronik in Frage kam für die DDR, die zweitgrößte Wirtschaftsmacht im RGW, nur die erste, die UdSSR. Aber, so erläuterte es Günter Mittag in seinen 1991 veröffentlichten Memoiren: »Moderne Technologien, die bei unserem Hauptwirtschaftspartner, der UdSSR, vorhanden waren, konnten für die DDR nicht nutzbar gemacht werden, weil sie nur im Bereich der Verteidigungsindustrie entwickelt wurden. Diese Technologien standen nicht einmal der eigenen Zivilindustrie der UdSSR zur Verfügung, geschweige denn der DDR.«

Die hohen Kosten für die Entwicklung der Mikro­elektronik aus eigener Produktion führten in der DDR dazu, dass Mittelzuwendungen für andere Industriezweige gekürzt werden mussten. Das betraf nicht nur Neuinvestitionen für diese Zweige. Auch der Ersatz für verschlissene Produktionsanlagen konnte häufig nicht mehr in ausreichendem Maße zur Verfügung gestellt werden. Die dadurch für die DDR-Volkswirtschaft und deren Exportfähigkeit entstehenden Probleme nahmen mit der seit Mitte der 70er Jahre rasch wachsenden Verschuldung der DDR gegenüber dem westlichen Ausland, die vor allem auf die Explosion der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt, insbesondere des Erdöls, zurückzuführen war, weiter zu. Innerhalb der SED- und Staatsführung wurden daraufhin Stimmen laut, die forderten, auf die weitere Verfolgung des ehrgeizigen Mikroelektronikprogramms ganz zu verzichten und die knapper werdenden Investitionsmittel eher in die weitere Modernisierung derjenigen Industriezweige zu stecken, die traditionell Qualitätsgüter lieferten wie der Werkzeugmaschinenbau, dessen Produkte man sowohl ins kapitalistische wie ins sozialistische Ausland exportieren konnte.

Einflussreiche Persönlichkeiten wie der DDR-Ministerpräsident Willi Stoph, das Politbüromitglied Alfred Neumann und der Vorsitzende der Staatlichen Plankommission, Gerhard Schürer, ergriffen in internen Auseinandersetzungen gegen die kostspielige Förderung der Mikroelektronik Partei und attackierten Günter Mittag. In dem Wirtschaftssekretär des ZK der SED sahen sie zu Recht den wichtigsten Befürworter des ruinösen »Mikroelektronikbooms«. Zur Begründung seiner ablehnenden Haltung gegenüber dem auch von Erich Honecker begünstigten Projekt argumentierte Schürer als oberster »Rechner und Bilanzierer« der DDR-Wirtschaft erstens mit der bedrohlichen Zunahme der Verschleißquote von Ausrüstungen. In der gesamten Industrie sei diese zwischen 1975 und 1989 deutlich gestiegen – von 47,3 Prozent auf 54,2 Prozent. Der Anteil der Grundmittel, die fünf Jahre und jünger waren, habe sich zwischen 1980 und 1989 von 27,1 Prozent auf 23,5 Prozent verringert. Zweitens begründete Schürer seine Ablehnung der weiteren Förderung der Mikroelektronik auf Kosten bewährter Exportzweige unter den Bedingungen der Devisenschuldenkrise mit der Devisenertragskennziffer. Danach erzielten Werkzeugmaschinen beim Export in den Westen pro 100 Mark Bruttoproduktion der DDR 2,8 mal soviel Deviseneinnahmen wie die Erzeugnisse des günstigsten exportierenden Betriebes der Mikroelektronik. Schürer und den anderen »Rechnern und Bilanzierern« setzte Mittag entgegen, dass mit der Anwendung der Mikroelektronik »über eine moderne Industrie entschieden« würde. Ohne das Know-how der Herstellung von Schaltkreisen werde es bald überhaupt nicht mehr möglich sein, »mit neuen Erzeugnissen auf den Markt zu kommen«.

Die von Mittag organisierte Inszenierung um den Ein-Megabit-Chip, der – wie Karl Nendel, seit 1967 Stellvertretender Minister im Ministerium für Elektrotechnik und Elektronik und im letzten Jahrzehnt der DDR Regierungsbeauftragter für die Entwicklung der Mikroelektronik, in seinen Memoiren betont – keineswegs eine Attrappe war, erreichte insofern durchaus ihren Zweck, als es ihm gelang, Honecker als obersten Entscheider voll einzubinden und dadurch Mittags Position und die seiner Anhänger in der parteiinternen Auseinandersetzung um die Mikroelektronik zu stärken. Die Präsentation des Ein-MB-Chips sollte auch der sowjetischen Führung, speziell den Verantwortlichen im militärwirtschaftlichen Bereich signalisieren, dass sie es hinsichtlich der Mikroelek­tronik mit einem ernstzunehmenden Partner zu tun hatten. Mittag erreichte immerhin, dass Anfang 1989 beide Seiten noch einmal diesbezüglich miteinander verhandelten und Vereinbarungen trafen.

Enormes Potential

Welche der beiden in der SED-Führung diskutierten Strategien für die Wirtschaft der DDR eher angebracht gewesen wäre, darüber lässt sich heute trefflich streiten. Die politische Entwicklung war schneller. Bevor noch der Aufbau des Stammbetriebes des Mikroelektronikkombinats mit der Inbetriebnahme von ESO III abgeschlossen werden konnte, geriet die DDR ins Wanken. Die Kombinate, vom Westen gern als »planwirtschaftliche Fossilien« bezeichnet, wurden im Rahmen der Privatisierung durch die Treuhandanstalt aufgelöst – auch das Kombinat Mikroelektronik.

Waren mehr als ein Jahrzehnt Anstrengungen, waren die Milliardeninvestitionen also umsonst gewesen? Haben die Bemühungen der DDR, an der mikroelektronischen Revolution teilzunehmen, in Ostdeutschland keine Spuren hinterlassen? Karl Nendel hat zu dieser Frage – bezogen auf den Kombinatsstandort Dresden – 2016 folgendermaßen Stellung bezogen: »Nach der Wende zeigte sich indes, welch enormes Potential die DDR trotz oder wegen des vom Westen verhängten Embargos entwickelt hatte. Rund um Dresden wuchs ein Cluster äußerst erfolgreicher Unternehmen der Elektronikbranche.« Diese Einschätzung teilt Jens Knobloch, Chefkonstrukteur des Ein-MB-Chips im ZFTM, der 2017 schrieb: »Eine Folge unserer Arbeit an dem Ein-MB-Speicher war, dass sich – wegen des starken Potentials an Fachkräften – nach 1989 in der Region Dresden ein europaweit einzigartiges Cluster für die Mikroelektronik entwickelte, das sogenannte ›Silicon Saxony‹. Heute ist Silicon Saxony ein Cluster mit etwa dreihundertfünfzig Betrieben der Mikroelektronik, das bis Leipzig, Freiberg und Chemnitz reicht.«

Und was geschah mit dem Produktionsstandort Erfurt? ESO III, dessen Aufbau 1989/90 abgeschlossen wurde, konnte unter veränderten Produktions- und Absatzbedingungen die Serienproduktion nicht mehr aufnehmen. Anders als die Forschungsbetriebe des Kombinats hatte der Produktionsbetrieb es weitaus schwerer – aber er überlebte. 1992 wurde am Standort die »Thesys Gesellschaft für Mikroelektronik mbH« ausgegründet, 1999 wurde der Betrieb durch ein belgisches Unternehmen übernommen und existiert seitdem unter dem Namen »X-Fab Semiconductor Foundries GmbH«. So unterschiedlich das Schicksal der einzelnen Betriebe des 1978 gebildeten Kombinats Mikroelektronik nach der »Wende« auch war, den Beweis dass die DDR-Mikroelektronik eben keine – wie in den Medien behauptet – Propagandashow war, sondern ein unter schwierigen Bedingungen in Angriff genommenes Modernisierungsprojekt, haben die ostdeutschen Mikroelektroniker in den vergangenen 40 Jahren geliefert.


Lesetip abgeben

Artikel empfehlen:

Infos und Verweise zu diesem Artikel:

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Lutz Moschke: Gewaltige Anstrengung Zunächst möchte ich Sie auf einen Fehler im Beitrag aufmerksam machen: In der Bildunterschrift zum Schaltkreisfoto des U61000 wird dieser IC als Mikroprozessor bezeichnet. Das ist falsch, der U61000 i...

Ähnliche: