Aus: Ausgabe vom 02.01.2018, Seite 11 / Feuilleton

Gräber selbst gestalten

Wo bleibt der Sozialismus? (5)

Von Hagen Bonn (Der wahre James T. Kirk)
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»Dass der Besitz oft weniger glücklich macht, als der Wunsch nach dem Besitz.«

(Mr. Spock, »Star Trek«)

Kennt ihr mein Buch über »Star Trek«? Nicht? Wenn ich es erst geschrieben habe, seid ihr schlauer! »Star Trek« ist nämlich eine Offenbarung des Kommunismus: kein Geld, kein Privatbesitz an Produktionsmitteln, die Erde ist ein Hort des Friedens und der Wonne ...

Mr. Spock kommt vom Planeten Vulkan und kennt uns Menschen besser als wir uns selbst. Als Außerirdischer wundert er sich immer wieder, wie unsere Spezies es soweit hat bringen können. Wo wir doch so primitiv sind. Denn: Wir haben Gefühle! Er selbst schätzt alles streng logisch und vor allem objektiv ein. Gut, Mr. Spock lacht und betrinkt sich nie, zieht des Nachts nicht mit Mädchen durch Tingel-Tangel-Bars (Darf ich hier kurz abschweifen? Dann eben nicht.) … Auch die eingangs zitierte Weisheit hat außer ihm kaum jemand durchdacht.

Wer hat es nicht schon selbst erlebt? Da will man etwas unbedingt und ohne Aufschub haben (ein bestimmtes Auto, einen bestimmten Partner, einen Hamburger mit Bacon) und hat man es dann ... Nun, da folgt Ernüchterung. Warum kollidiert ein Bedürfnis mit der Realität? Eben weil das erste nicht echt ist! Das Bedürfnis war scheinbar. Nur bei den Grundbedürfnissen des Menschen gelingt es meist, rundum zufrieden zu sein. Das gilt also zum Beispiel für Hunger, Schlaf, Sexualität und Wohnen. Es kommt darauf an, Bedürfnisse und ihren Urgrund zu erkunden. Warum genau dieses Auto? Vier Räder und von A nach B kommen – das ist grob ein Auto. Warum dann ein spezielles? Warum unbedingt dieses Buch, diesen Fernseher, diese Kaffeemaschine? Welche Sehnsüchte verbergen sich im Habenwollen?

Kapitalismus funktioniert nur, weil unsere Gesellschaft das Habenwollen als Ersatzbefriedigung für all die Sachen kultiviert, die wir am meisten wünschen: Nähe zum Mitmenschen, sinnvolle Tätigkeit und die Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln, Punkt.

Eine kritische, also aufgeklärte Bedürfniskultur hätte zur Folge: einen Konsum-Streik! Und das wollen wir nicht! Oder doch? Wenn die ersten Arbeiter wegen sinkender Nachfrage nach Schoko-Osterhasen, rosa Turnschuhen oder Halloween-Kostümen entlassen werden, ist bestimmt Schluss mit der Revolte. Man kann das Hamsterrad nicht verlassen, nicht vor dem politischen Massenstreik. Und keiner weiß, wann der losgeht. Morgen? In 30 Jahren? Was ist, wenn Jesus schneller ist als wir? Die Christen warten ja schon 2.000 Jahre! Drängeln wir uns da vor? Mein Onkel Franz wartet seit 40 Jahren auf »seinen« Lottogewinn! Mr. Spock hat es da einfach. Er legt die Stirn in Falten und schimpft uns »interessant!«


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