Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Größer als Kanada

Zu jW vom 15. Dezember: »Wenn der Ozean sich erwärmt«

(…) Die Temperaturerhöhung der Erde wird durch den Zuwachs klimawirksamer Gase (…) verursacht. (…) Der Konzentrationszuwachs an CO2 in der Atmosphäre von rund 44 Prozent resultiert aus der Verbrennung fossiler Energieträger von derzeit global rund 36 Milliarden Tonnen im Jahr plus geschätzten circa fünf bis sechs Gigatonnen überwiegend durch die Vernichtung von (Regen-)Wäldern. Um sich diese Mengen vorstellen zu können, ist ein Vergleich mit der Größe an Waldfläche möglich, die benötigt würde, um die Hälfte der Emissionen über den Prozess der Photosynthese zu neutralisieren: Ein Quadratkilometer Wald kann durchschnittlich 1.300 Tonnen CO2 binden. Zur Neutralisierung der Hälfte der Emissionen aus der fossilen Verbrennung würde also eine Fläche von rund 14 Millionen Quadratkilometern erfordert. Zum Vergleich: Kanada hat eine Landfläche von etwa neun Millionen Quadratkilometern. (…)

Ulrich Becker, per E-Mail

Selbst erlebt

Zu jW vom 21. Dezember 2017: »Sonderrechte für Beamte im Zeugenstand«

Bei Polizisten als Zeugen sind abgesprochene Aussagen doch völliger Normalzustand. »Offizielle« Aussage erst mal gemeinschaftlich in der Einheit durchgesprochen und vorbereitet (Akteneinsicht in voller Ausführlichkeit), dann auswendig gelernt und in der Verhandlung im Stil eines Erlebnisaufsatzes vorgetragen, teilweise wortwörtlich gleich bei allen Kollegen. Hinten bei den Zuschauern sitzt in zivil ein Beamter aus derselben Einheit und macht fleißig Notizen über den gesamten Vormittag. In der Mittagspause dann gemütlicher Plausch unter Kameraden, wo die Zeugen für den Nachmittag haarklein über das Vormittagsgeschehen, die möglichen Nachfragen der Anwälte etc. »gebrieft« werden. Nein, kein Hörensagen, sondern selbst erlebt.

Matthias Mansfeld, per E-Mail

Kostenfaktor Humankapital

Zu jW vom 22. Dezember: »Schöne Bescherung bei Siemens«

Lernen lässt sich aus den Werksschließungen und dem Stellenabbau, die den Lohnabhängigen der Siemens AG angekündigt worden sind, dass die Kollegen den existenzgefährdenden Verlust ihrer Arbeitsplätze nicht mittels Sozialpartnerschaft und Standortlogik werden verhindern können. Dass die Sozialpartnerschaft nichts als eine Ideologie ist, zeigt sich am Handeln der Konzernführung. Obgleich Siemens-Chef Joe Kaeser immerzu von der großen »Siemens-Familie« schwadroniert, sollen nun viele dieser sogenannten »Familienmitglieder« auf die Straße geworfen werden. Denn sie sind als lohnabhängige Menschen in der marktwirtschaftlichen Realität bloß ein Kostenfaktor namens »Humankapital«, dessen Lohnkosten minimiert werden müssen, um den Betriebsgewinn zu maximieren. Auch die Standortlogik, der sich zu unterwerfen die Sozialdemokratie propagiert, taugt nicht als Mittel zur Durchsetzung der Interessen der Lohnabhängigen in den Siemens-Werken. Lohnverzicht und Flexibilisierung der Arbeitszeit haben zwar dazu geführt, dass die Siemens AG ihre Arbeitskräfte verschärft auspressen kann, um Milliardengewinne einzustreichen. Aber die Hoffnung der Arbeitskräfte, ihre Arbeitsplätze durch Lohnkostensenkung zu erhalten, wird derzeit zerstört. Dass die Siemens AG aufgrund der Lohnkostensenkung auf den Märkten dieser Welt mehr Waren gewinnbringend verkaufen kann, hindert sie nämlich nicht daran, die Werke in Leipzig und Görlitz zu schließen sowie andernorts Arbeitsstellen abzubauen. Der Grund für diese soziale Grausamkeit ist ein marktwirtschaftlicher: Durch Rationalisierungsmaßnahmen lässt sich an anderen Standorten noch mehr Profit machen. Erst wenn die Lohnarbeiter, die bei Siemens ihren kargen Lebensunterhalt mühsam erarbeiten müssen, über die Irrwege »Sozialpartnerschaft« und »Standortlogik« aufgeklärt sind, werden sie imstande sein, den Streik zum Mittel der Durchsetzung ihres Interesses an einem guten Leben zu machen.

Franz Anger, per E-Mail

Der Zeit voraus

Zu jW vom 23.–26. Dezember: Titelseite

Da ereilte mich doch gestern am Kiosk eine jW der nächsten Woche, nämlich mit dem Titelkopfdatum »Sa./So./Mo., 30./31.12.2017/1.1.2018«. Naja, kann bei einer fortschrittlichen Publikation schon mal vorkommen, dass die Zukunft schon in die Gegenwart hineinragt. (…) Auch wenn es diejenigen, die das Kapital nicht gelesen haben, sondern es besitzen, anders sehen: Die jW wird gerade heute als Medium der Gegenöffentlichkeit gebraucht, um die »Fake News« auch und gerade in den gedruckten wie elektronischen »Leitmedien« zu korrigieren bzw. in die entsprechende »Interessen-Schublade« einzuordnen. (…)

Harry Niebuhr, Celle

In der Sackgasse

Zu jW vom 23.–26. Dezember: »Votum gegen Madrid« und »Demokratie statt Rajoy«

Spaniens Ministerpräsident Rajoy hat sich durch sein (…) undiplomatisches Verhalten in eine Sackgasse manövriert. Denn die sogenannten katalanischen Separatisten verfügen nach der Wahl weiterhin über eine absolute Mehrheit. Jetzt ist es an der Zeit, dass sich Herr Rajoy endlich zu Gesprächen mit Herrn Puigdemont bereit erklärt und die verfahrene Situation entkrampft. Dazu gehört nicht nur eine Klärung des Autonomiestatus Kataloniens, sondern auch eine Verfassungsreform in ganz Spanien. Die EU sollte hier unbedingt eine führende Vermittlerrolle übernehmen und nicht weiterhin die Katalanen als Nationalisten diffamieren und sich in die Schmollecke zurückziehen. Fakt ist doch, dass Herr Puigdemont seit Jahren immer Gesprächsbereitschaft gegenüber der Zentralregierung in Madrid und der EU signalisiert und sich auch immer zu Europa bekannt hat. Die wahren Nationalisten sitzen nicht in Barcelona, sondern in Madrid, denn sie wollen auf Biegen und Brechen am Einheitsstaat Spanien in seiner jetzigen Form festhalten. Vielleicht sollte Herr Rajoy, der ohnehin nur eine wackelige Regierungsmehrheit hat, endlich abtreten, denn mit Arroganz und Ignoranz kann man auf Dauer nicht erfolgreich agieren und regieren.

Thomas Henschke, Berlin

Die Sozialpartnerschaft ist nichts als eine Ideologie. Das zeigt sich am Handeln der Konzernführung.