Aus: Ausgabe vom 28.12.2017, Seite 8 / Ansichten

Eine Welt, zwei Teile

BRD: Aufschwung und Altersarmut

Von Klaus Fischer
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Einheimische Kapitaleigner und Manager sind zukunftsfroh. Vermutlich haben sie allen Grund dazu. Laut einer Umfrage des »unternehmensnahen« Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) startet die nationale Ökonomie mit viel Schwung ins neue Jahr. Ihre Verbände blickten noch zuversichtlicher in die Zukunft als vor einem Jahr, zitierte die Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch IW-Direktor Michael Hüther. Schön für sie, schlecht für eine Menge anderer Leute.

Denn nein, es wird nichts durchsickern von den Früchten unternehmerischer Hoffnungen. Zwar behaupten bürgerliche Ökonomen immer wieder gern, es existiere ein Effekt namens »Trickle down«, wonach Reichtum durch die gesellschaftlichen Klassen und Schichten sich quasi automatisch von oben nach unten verteilt. Doch gibt es für die Segnungen dieses imaginierten Automatismus keine Zeugen unterhalb der Millionen-Euro-Besitzstandswahrer. Für das Gegenteil indes eine Menge.

Beispiel: Sabine Zimmermann, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, hat Daten des EU-Statistikamtes Eurostat ausgewertet. Demnach sind immer mehr ältere Menschen in der Bundesrepublik von Armut und sozialer Ausgrenzung bedroht. Wie die Parlamentarierin in einem Beitrag für die in Oldenburg erscheinende Nordwest Zeitung (Mittwochausgabe) auflistet, seien im Jahr 2006 4,5 Millionen Menschen ab 55 Jahren davon betroffen gewesen. Bis 2016 sei die Zahl um mehr als eine Million Personen auf 5,6 Millionen angestiegen.

Anders ausgedrückt: Im vergangenen Jahr mussten in Deutschland 20,5 Prozent der über 55Jährigen fürchten, in Armut leben zu müssen und damit sozial ausgegrenzt zu werden. 2006 lag der Anteil den Statistikern zufolge noch bei 18,2 Prozent.

Eine tiefe Kluft zwischen Arm und Reich gehört zum Wesen des Kapitalismus. Zwar ist die Verelendung ganzer Bevölkerungsschichten nicht bewusst herbeigeführt, denn das Ziel des kapitalistischen Reproduktionszyklus besteht nicht darin, Menschen zu einem prekären Dasein zu verdammen, sondern im Profitstreben. Der Pauperismus erscheint eher wie ein Versehen, ein Nebeneffekt. Doch das wird gesellschaftlich billigend in Kauf genommen.

Daraus folgt: Es ist egal, ob man Kapitalismus »soziale Marktwirtschaft« oder »Globalisierung« nennt. Ludwig Erhards Losung vom »Wohlstand für alle« ist nie in der Realität verwirklicht worden. Zwar werden die 50er und 60er Jahre im westlichen deutschen Teilstaat als »Wirtschaftswunder« verklärt. Dieser damalige ökonomisch rasante Aufschwung war einem »gebändigten Kapitalismus« – sowie erheblicher US-Hilfe – zu verdanken. Seine temporäre Existenz war politisch gewollt und vor allem diente sie dazu, ihn als Schaufenster Richtung »Ostblock« besonders attraktiv zu machen. Das wird gerne verdrängt oder ist immer noch vielen nicht bewusst. Seit 1990 besteht diese Notwendigkeit nicht mehr.


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